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Kultur Niedecken zwischen Spökes und „Kristallnaach“
Nachrichten Kultur Niedecken zwischen Spökes und „Kristallnaach“
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13:04 26.09.2018
Auf Tour: Wolfgang Niedecken betreibt bei seinen „Laut und deutlich“-Shows einen großen Aufwand. Quelle: Foto: Ralf Jürgens
Hannover

„Live und deutlich“ heißt die Tour von Wolfgang Niedecken (67) und seiner Band BAP. Deutlich wird der Kölschrocker auch im NP-Interview.

Einen wunderschönen guten Tag. Machen Ihnen Interviews eigentlich noch Spaß?

Ach, meine Frau hat heute Geburtstag. Zuhause boxt gerade der Papst. Ich habe gestern schon ein bisschen vorgearbeitet und bin beurlaubt. Den Rest machen die Weiber.

Wie sieht denn so eine Feier im Hause Niedecken aus?

Unser Garten sieht momentan aus wie eine Mischung aus Kirmes, Sommerfest und Bescherung. Es hängen Lichterketten, bei denen man nicht genau weiß, ob sie nicht vielleicht doch eher Weihnachtsdekoration sind. Und dann gibt es ganz viel bayrisches Zeug – meine Frau kommt aus Bayern. Wir haben ausnahmsweise die bayrische Flagge gehisst. Ehrlich: Das ist das erste Mal, dass ich das in einem Interview erzähle, aber es ist eine Tradition. Zum Geburtstag meiner Frau kommen alle im bayrischen Outfit an.

Sie auch?

Ja. Ich habe zwar keine kurze Sepplhose, aber tatsächlich für diesen Zweck ein paar bayrische Klamotten. Und die Damen erscheinen alle im Dirndl. Den Kölnern muss man es nicht zweimal sagen, wenn es etwas gibt, wo man sich verkleiden kann. Das nehmen die liebend gerne an. Da kommen so 50, 60 Leute, wahrscheinlich auch der Thorsten Wingenfelder von Fury; unsere Frauen sind eng befreundet.

Nun sind wir nicht zusammengekommen, um über einen Geburtstag zu sprechen ...

Ist aber auch mal ganz schön.

Aber es geht auch bald mal wieder auf Tour, „Live und deutlich“. Wie deutlich wird es denn?

Musikalisch wird es schon sehr deutlich. Wir spielen mit einem Bläsertrio ...

... wie man hört, aus dem „Sing meinen Song“-Umfeld?

Ja, genau. Ich habe doch mein letztes Solo-Album in New Orleans aufgenommen, und an dem orientieren wir uns musikalisch. Das befruchtet sich, immer. Wir wären mit BAP nie auf die Idee gekommen, mit einem Bläsersatz ins Studio zu gehen. Aber wenn ich solo unterwegs bin, mache ich sowas.

Das funktioniert bei manchen Liedern doch sicherlich besser als bei anderen, bei einem „Waschsalon“ doch sicher besser als bei einer „Kristallnaach“?

Die ist aber auch dabei. Wir haben ja keinen Diktator, der den Bläsern sagt, ihr müsst jetzt Sahnehäubchen spielen.

Nicht einmal ein Diktator Niedecken?

Nee, nee. Ich bin überhaupt kein Diktator. Ich bin Teamplayer und weiß, was ich an meinen Musikern habe. Das sind alles absolute Fachkräfte. Ich freue mich sogar über sachdienliche Hinweise und neue Ideen. Ich bin doch von Hause aus Amateurmusiker; ich habe nie eine Note gelernt. Ich kann mich selbst auf der Gitarre begleiten, aber käme nie auf die Idee, denen etwas vorzugeben.

Wie bereiten Sie eine solche Tour vor?

Wir haben ja einen festen Kern, auch wenn die Band jetzt wieder Niedeckens BAP heißt. Das tut sie nur, damit ich Planungssicherheit habe. Musiker von uns spielen ja auch bei anderen Acts, beispielsweise bei Bosse oder beim Xavier. Da muss ich halt immer gucken: Spielen sie bei mir oder jemand Anderem? Die Tourvorbereitung geht jedenfalls immer damit los, dass ich überlege, welche Stücke ich gerne spielen würde und in welcher Reihenfolge. Dann schicke ich die Liste rum, jeder kann etwas dazu sagen, und dann lasse ich mir das durch den Kopf gehen. Und wenn jemand sagt, eine bestimmte Nummer geht ihm auf den Wecker, dann spielen wir die halt nicht. Wir haben ja genug. Dann geht es an die Arrangements. Danach proben wir, alle sind optimal vorbereitet, und man muss nur noch die Puzzleteile zusammenkriegen.

Die Tour ist gestartet?

Ja, die ersten zehn Gigs gab es bis zur WM ...

... für die Sie keine Pause hätten machen müssen.

Das nicht. Aber im Sommer in Hallen zu spielen, ist auch kein Vergnügen. Bis auf Hamburg haben wir nicht open-air gespielt. Wir haben diesmal auch viele Projektionen und ein ziemlich aufwendiges Bühnenbild, das ein wenig an New Orleans erinnert. Mit einer roten Treppe – die aber so gut wie nie benutzt wird.

Aber einmal eine rote Treppe ...

Genau. Ich fühle mich fast wie der Putin (lacht).

Welche Rolle spielt bei der Songauswahl, was das Publikum möchte? Man nennt Sie ja auch den Kölner Bob Dylan.

Der schert sich herzlich wenig darum. Der spielt, was er will. Das mache ich auch, aber ich versuche, dabei allen gerecht zu werden. Ob das nun die Leute sind, die nur das Zeug aus den frühen 80ern kennen, oder diejenigen, die alles haben, die sollen alle happy aus dem Konzert gehen.

Das gilt vermutlich auch für die Leute, die Sie vor allem aus „Sing meinen Song“ kennen?

Die gibt es auch. Was aber schön war. Das war so ein schönes Lebenszeichen. Man kommt ja nicht mehr großartig im Radio vor.

Hören Sie noch Radio?

Kleiner Neben-Exkurs: Ich höre mittlerweile wieder beim Autofahren Radio, denn diese neuen Autos haben alle keinen CD-Player mehr. Und ehe ich meine ganzen Sachen auf mein iPad aufgenommen habe ... Ach, ich bin ja der Analog-Man; da müsste ich wieder meine Frauen bitten.

Wenn dann das Radio läuft: Gibt es Dinge, die Sie dann gerne hören?

Ein paar gibt es. Ich mag Thees Uhlmann sehr gerne, mit dem ich auch befreundet bin. Ich bin auch mit Clueso befreundet. Ich mag die Jungs und Mädels ganz gerne, die wirklich Künstler sind, Kraftklub, Casper etc. Ich mag die Dekorateure nicht so gerne. Dekorateur ist ein ehrliches Handwerk, aber es interessiert mich halt nicht. Man mag von Bob Dylan halten, was man will, aber der hat noch nie etwas getan, um jemandem zu gefallen. Und wenn er Bock hat, den ganzen Abend Sinatra-Songs zu spielen, macht er das eben.

Das wird bei „Live und deutlich“ aber nicht zu erwarten sein?

Nicht wirklich. Wir gehen auch nicht zum Lachen in den Keller; es gibt auf der Bühne ordentlich Spökes. Aber es gibt auch ordentliche Stellungnahmen in Sachen Politik.

Ist es für Sie nicht verdammt deprimierend, dass so ein Song wie „Kristallnaach“ nach mehr als 30 Jahren nichts an Relevanz verloren hat?

Es gibt ja noch andere. Ich spiele die Lieder auch gerne, aber ich wäre nicht traurig, wenn wir irgendwann mal sagen können: „Okay, diese Zustände haben sich geändert; die Songs lassen wir diesmal weg.“ Aber die Welt entwickelt sich leider nicht zum Positiven. Und man muss deutlich sagen, dass sich die Leute besser politisch informieren müssen, sich einbringen müssen und den Rattenfängern nicht auf den Leim gehen dürfen. Das geht aber nur, wenn sie wirklich Bescheid wissen. Das kann ihnen keiner abnehmen: Die müssen Zeitungen lesen, Reportagen und politische Magazine sehen, damit sie auf dem Laufenden sind.

Die Informationen sind allen zugänglich, man muss sich aber um sie bemühen ...

Wenn ich Medienschelte betreiben wollte, dann in dieser Hinsicht: Ein Trump wäre nicht an die Macht gekommen, wenn die US-Sender nicht immer nur nach Quoten geschielt hätten. Natürlich stimmen die Quoten, wenn man diesen egoistischen, bauerschlauen Wahnsinnigen zeigt, da lachen die Leute sich weg. Aber irgendwann bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Der setzt die ganze Welt in Flammen, im Zweifelsfall.

Ist nach Ihrer Einschätzung in Deutschland Ähnliches zu erwarten?

Man sollte sich mit der Weimarer Republik befassen, und dann kommt man mit Sicherheit dahinter, dass man die Nazis schonmal nicht für voll genommen hat. Ich behaupte nicht, dass alle AfD-Leute Nazis sind, auch nicht, dass alle Pegida-Leute Nazis sind. Aber es sind Nazis darunter. Die verstecken sich hinter den sogenannten „besorgten Bürgern“. Das darf man ihnen nicht durchgehen lassen. Und deswegen muss man deutlich werden.

Wie wichtig ist es dann, wenn sich ein an sich nicht politischer Künstler positioniert? Stichwort: Helene Fischer.

Das finde ich absolut großartig. Das war lange überfällig. Roland Kaiser hat das ja schon lange gemacht. Der gibt große Konzerte in Dresden und erzählt den Leuten Klartext. Da ziehe ich den Hut vor. Wir haben vor kurzem bei den Rolling Stones zusammen in der Loge gesessen und haben uns blendend unterhalten. Wunderbar. Wir sind in einer Phase, wo man nicht picky sein darf. Die Image-Polizei kann mal Pause machen. Aus allen Ecken muss kommen, dass man nicht den Populisten auf den Leim gehen darf. Da gibt es ungeahnte Kooperationsmöglichkeiten. Von mir aus nehme ich mit dem Roland Kaiser eine neue Version von „Kristallnaach“ auf. Oder mit Helene Fischer, für mich kein Problem.

Am 17. Oktober spielen Niedeckens BAP in Hannovers Swiss-Life-Hall. Karten (39,90 bis 61,90 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch

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