Navigation:
Musiker mit Haltung: Der Kanadier Neil Young erzählt auf seinem neuen Album „The Visitor“ vom Amerika unserer Tage. Ein Land, das seiner Meinung nach längst groß ist – trotz der Behauptungen Donald Trump.

Musiker mit Haltung: Der Kanadier Neil Young erzählt auf seinem neuen Album „The Visitor“ vom Amerika unserer Tage. Ein Land, das seiner Meinung nach längst groß ist – trotz der Behauptungen Donald Trump.
© dpa

Pop

Neil Young: Protest! Protest! Protest!

Ein Kanadier in Amerika. Auf seinem neuen Album „The Visitor“ (erscheint am 1. Dezember) setzt sich Neil Young mit dem Amerika in den Zeiten von Donald Trump auseinander. Und sagt den Bürgern Amerikas: Euer Land braucht nicht groß zu werden, ist doch alles längst passiert.

Hannover. Schon im Juni 2016 hat Neil Young dem Kandidaten ein „Fuck you, Donald Trump!“ von der Konzertbühne heruntergebollert. Und ihm den Gebrauch von „Rockin‘ In The Free World“, seinem Hit von 1989, im Wahlkampf untersagt. Damals rechnete niemand damit, dass der offen mit Unwahrheiten jonglierende Trump tatsächlich ins Weiße Haus einziehen würde. Dann passierte das Unfassliche, und schon am 9. Dezember schickte Young ein Album hinterdrein: Den „Peace Trail“ – Friedenspfad – sah er in Gefahr, binnen vier Tagen war ein folkig-kratziges Rock’n’Roll-Bulletin im Kasten, eingespielt mit Promise of the Real, der Band von Willie Nelsons Sohn Lukas.

Der Besucher aus dem Norden schaut auf ein Land, das er liebt

Es waren Songs über eine stürmische Welt, in der der Kanadier Young – wie er im Titelsong sang – nur noch Veränderungen zum Schlechten und Traurigen hin sah. Es waren Lieder für die Indianer, deren Wasser vom Fracking vergiftet wird und Lieder über einfache Farmer, die sich mit Politikern anlegen und von Polizisten vom Traktor geschossen werden. Dass er trotzdem nicht müde werde, seine Saat zu pflanzen, sang er trotzig im Titelsong. Eine Menge Zorn und ein wenig Hoffnung.

„The Visitor“ ist der Nachfolger, wieder ein politisches Werk, das eigentlich erste Album wider die Ära Trump. Young ist der „Visitor“, der Besucher aus dem Norden, der auf ein Land schaut, das er liebt und das ihm fremd wird. Zum dritten Mal war er mit Promise of the Real im Studio, wieder dauerte die Session nur ein paar Tage. „Already Great“ führt das Album an, ein Song gegen Trumps Mantra „Make America Great Again“: „Du ist schon groß / du bist das verheißene Land / die helfende Hand“, versichert Young Amerika und schickt dessen Bürger in den Widerstand. „Wessen Straßen? Unsere Straßen!“ ruft er an Volkes statt. „Keine Mauer! Kein Hass! Keine faschistischen USA!“

Neil Young macht Lieder für den Tag statt für die Ewigkeit

Lieder für den Tag sind Young inzwischen wichtiger als poetische Abstraktionen, die ob ihrer Allgemeingültigkeit in den Olymp der ewigen Songs einziehen könnten, dem Ort, an dem unter anderem sein „Heart of Gold“ von 1972 residiert. Schon 2006 warf er dem Kriegs- und Guantanamo-Präsidenten George W. Bush das Album „Living With War“ als Fehdehandschuh entgegen, empfahl den Amerikanern in „Lookin‘ for a Leader“ ein „Age of Obama“. Der Song „Let’s Impeach The President“ kam wie ein fröhliches Kinderlied daher, vage auf der Melodie von Arlo Guthries „City of New Orleans“ basierend. Eine Zeitung in Songs, gepaart mit recht eingängigen Melodien. Eigentlich hatte Young damals ja auf junge Bands gehofft, Krach zu schlagen gegen das Amerika des Unrechts.

Inzwischen ist Young nicht mehr allein, das Genre Protestsong hat seit der Trump-Wahl eine Blüte erreicht wie seit den Jahren von Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung nicht mehr. Freilich gilt auch: Anders als in den Sechzigerjahren, wo Folk und Rock die Musiken der jungen Gegner des Establishments waren, geht der Riss heute durch die potenzielle Hörerschaft. Viele lieben ihren Präsidenten der 1000 Widersprüche und hassen die vielen Lamenti aus Künstlerreihen.

Neil Youngs Stimme ist wie ein Rinnsal über sumpfigem Sound

Die Musik auf „The Visitor“ kommt ruppig, rumpelig daher, sumpfig, grollend, sie ist grob produziert, Lukas Nelsons Truppe klingt wie ein Update von Youngs alter Band Crazy Horse, Youngs hoher, barmender Gesang fließt darüber wie ein Rinnsal. Nur „Children of Destiny“ tanzt aus der Reihe – ein broadwayhafter Orchesterbombast mit 62 Musikern, der aus „The Visitor“ ragt wie ein Mount Rushmore aus Marzipan und dessen Text klingt, als sei er für eine Neuverfilmung von „Peter Pan“ gedacht: „Sollte die Güte je verlieren / und das Böse den Tag rauben, / sollte Glücklich je den Blues singen / und Friedlich verschwinden / - was würdest du tun, was würdest du sagen?“ Die Antwort liefert Young gleich mit: „Bewahre die Demokratie! Steh auf für das, woran du glaubst! Widersetze dich den Herrschenden!“

Und kaufe Platten wie diese. Auch wenn „The Visitor“ zuweilen ein wenig platt ist, musikalisch nicht das stärkste der zwölf (!) Young-Platten der letzten Dekade, ist es doch ein Album, das das Gefühl vieler Bewohner unserer Zeit wiedergibt. Das Gefühl einen schlechten Film zu behausen, eine unwirkliche Wirklichkeit nicht verlassen zu können, in der einem Kind doch tatsächlich erlaubt wurde, mit der Welt Schusser zu spielen.

Neil Young & Promise of The Real: „The Visitor“ (Warner)

Von Matthias Halbig/RND


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Kümmern Sie sich schon um Ihre Weihnachtseinkäufe?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie