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16:51 16.03.2017
Depeche Mode kommen nach Hannover.  Quelle: 1996-2001 AccuSoft Co., All rights reserved
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Hannover

 Wenn die superreichen Rockstars von Depeche Mode plötzlich über fehlgeleitete Staatenlenker, Fanatiker, ungebildete Bürger und ausbleibende Revolutionen singen, dann muss in der Welt wirklich etwas schief laufen. So konsequent düster, beklemmend und dezidiert politisch wie auf „Spirit“ klangen die britischen Megastars jedenfalls noch nie. Warum das so ist, erklärt Hauptsongschreiber und Multiinstrumentalist Martin Gore (55) im NP-Interview.

In Ihren aktuellen Songs geht es um fehlgeleitete Staatenlenker, Fanatiker, ungebildete Bürger und ausbleibende Revolutionen. Wie pessimistisch sind Sie, was die Gegenwart und Zukunft betrifft?

Martin Gore: Momentan bin ich alles andere als optimistisch, wir leben in sehr merkwürdigen, geradezu aberwitzigen Zeiten. Die Gesellschaft ist direkt in der Mitte gespalten. Die einen wollen zum Beispiel raus aus der EU, die anderen wollen bleiben. Trump hat in Amerika zwar nicht die meisten Stimmen bekommen, aber die Wahl dennoch gewonnen. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt lagen seine Umfragewerte bei nur 40 Prozent. So unbeliebt war bisher kein anderer US-Präsident, aber seine Partei unterstützt ihn dennoch mit 87 Prozent. Wenn Trump seine rechte Politik fortsetzt, werden die Proteste auf den Straßen noch heftiger und noch größer werden.

Schließen Sie sich den Protesten gegen Donald Trump an?

Gore: Auch in meiner Stadt gab es bereits eine Anti-Trump-Demo. Ich habe eine Tochter im Kleinkindalter und meine Frau ist gerade wieder schwanger. Im Moment kann ich nicht mit auf die Straße gehen, aber wenn es so weiterläuft, werde ich mich den Protesten selbstverständlich anschließen.

Momentan scheinen Sie nicht in der Stimmung zu sein, Songs zu schreiben, die Menschen fröhlich machen.

Gore: Wir haben genug fröhliche und unbeschwerte Lieder. Wenn Sie zu einer unserer Shows kommen, garantiere ich Ihnen eine Feier! Gestern haben wir „Where’s The Revolution“ geprobt. Ich glaube, diese Nummer wird sich zu einem Crowd-Pleaser entwickeln.

Dennoch ist „Spirit“ das wohl düsterste und unkommerziellste Album, das Depeche Mode je gemacht hat.

Gore: Vielleicht. Aber Sie müssen einfach mal auf das Düsternis-Meßgerät schauen. Wenn man nämlich Depeche Mode mit der gesamten Musikindustrie hinsichtlich des Düsternisfaktors vergleicht, werden wir immer ganz oben stehen. Kann sein, dass diese Platte sogar noch zwei Prozent düsterer klingt als unsere anderen, aber der Unterschied ist eher marginal. Wir werden seit 34 Jahren als Düsterband bezeichnet! (lacht)

Möchten Sie Avantgarde sein und Klänge kreieren, die man so noch nicht gehört hat?

Gore: Es ist immer gut, sich selbst herauszufordern mit der Produktion von interessanten Klängen und Platten im Allgemeinen. Diesmal haben wir uns dazu entschieden, genau aus diesem Grund den Produzenten zu wechseln. Wir brauchten frischen Wind im Studio. Ich glaube, in der Zusammenarbeit mit James Ford haben wir einen andersgearteten Sound zustande gebracht. Das ist jedenfalls konstruktiver als bis zum Rest unserer Tage mit Ben Hillier zusammenzuarbeiten, mit dem wir übrigens auch eine sehr fruchtbare Phase hatten.

Sie sind ja selbst ein sehr erfahrener Musiker, warum brauchen Sie da überhaupt Hilfe von außen?

Gore: Ich habe gern jemanden dabei, der das ganze Projekt überwacht. Natürlich begleite ich persönlich solch eine Produktion von Anfang bis Ende, das liegt in der Natur der Sache. Ich habe aber nicht die Vision, die es braucht, eine Plattenproduktion durch die letzten Etappen zu führen und das Ergebnis perfekt zu machen. Ich kann Songs schreiben und Sounds kreieren, James Ford aber ist ein wahres Sound-Genie. Er hat unsere Platte nicht nur produziert, sondern auch abgemischt. Er würde es sogar schaffen, einen Song in 15 Minuten fertig zu mischen - und der klänge dann auch gut.

Hat er Ihnen auch dabei geholfen, Ihre Songs zu verbessern?

Gore: Jeder Produzent, mit dem wir bisher zusammengearbeitet haben, hat uns dabei geholfen, aus unseren Demos etwas zu machen, was noch ein bisschen besser klingt. Die Arbeit an „Spirit“ dauerte für unsere Verhältnisse ziemlich kurz. Wir waren drei Monate im Studio, sechs Wochen weniger als geplant. Das liegt daran, dass James gerne schnell arbeitet. Er hat unsere Demos nicht sehr drastisch verändert, sondern die Gesamtstimmung beibehalten. Unsere früheren Produzenten haben die Demos häufig völlig dekonstruiert.

Ist James Ford ein unkonventioneller Produzent à la Rick Rubin?

Gore: Nein. Er ist in Wirklichkeit ein Musiker, wie er im Buche steht. Seine Band heißt Simian Mobile Disco. James beherrscht praktisch jedes Instrument, was man vielleicht spielen kann. Auf dem Song „Cover Me“ spielt er eine Pedal-Steel-Gitarre, die sich seit vielen Jahren in meinem Besitz befindet und die wir erst ein einziges Mal eingesetzt haben. Solch ein Instrument zu beherrschen ist sehr schwierig. Aber James hat darauf im Studio eine Stunde lang gespielt wie ein Profi.

Würden Sie gern mal mit dem Produzenten Rick Rubin arbeiten?

Gore: Ehrlich gesagt habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Warum fragen Sie mich das?

Weil Rick Rubins musikalische Fähigkeiten mit der Kunst Leonardo da Vincis verglichen werden. Von ihm heißt es, da, wo er auftaucht, verwandeln sich alte Musiker in junge und junge in alte.

Gore: Rick Rubin ist definitiv in einige interessante Projekt involviert.

Wenn Sie im Studio arbeiten, wie verletztlich sind Sie in dem Moment? Sind Sie dann ganz bei sich und reagieren auf nichts mehr, was von außen kommt?

Gore: Gute Frage: Bin ich verletztlich? Ich glaube, in dem Moment, wo wir ins Studio gehen und uns überlegen, welche Songs wir uns erarbeiten wollen, bin ich nicht mehr verletztlich. Ich bin dann eher selbstbewusst und voller Zuversicht, was die Arbeit an den Songs betrifft. Aber davor bin ich auf jeden Fall verletztlich. Nämlich dann, wenn die Band zusammenkommt und sich meine Demos das erste Mal anhört.

Dieses Jahr steht ganz im Zeichen Ihrer Stadiontournee. Ist die Musik auf „Spirit“ Stadionrock?

Gore: (lacht) Ich glaube, manche der Stücke werden sehr gut im Stadion funktionieren, aber wir spielen ja auch nicht alle Titel. Das wäre sicher keine gute Idee. Auf unserer Setliste stehen auch viele unserer alten Favouriten, die die Leute kennen. Neben einigen Überraschungen, die man nicht erwarten würde.

David Bowies Hymne „Heroes“?

Gore: Das habe ich nie gesagt. Aber wer weiß. Vielleicht. Hahaha.

Die „Spirit“-Tournee führt Sie unter anderem nach Weißrussland. Es gilt als die letzte Diktatur Europas. Kann Musik die Verhältnisse verändern?

Gore: Schwierige Frage. Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich Musik mag, die Menschen zum Nachdenken bringt. Genau das ist das Ziel dieser Platte. Das eigene Verhalten reflektieren und darüber nachdenken, was man verändern sollte und vor allem wie.

Das Album „Spirit“ erscheint am 17. März über Sony Music. Am 24. April erscheint zudem eine Doppel-LP mit sieben verschiedenen Remix-Fassungen von „Where’s The Revolution“ (Sony Music). Am 11. und 12. Juni spielen Depeche Mode in Hannovers HDI-Arena. Für den zweiten Tag gibt es noch Restkarten (71,55 bis 110,65 Euro) in den NP-Ticketshops.

Von Olaf Neumann

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