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Kultur „München“: Der neue Roman von Robert Harris
Nachrichten Kultur „München“: Der neue Roman von Robert Harris
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00:16 29.12.2017
Die Realität: Adolf Hitler (Mitte) steht zwischen Neville Chamberlain (Großbritannien), Edouard Daladier (Frankreich), Benito Mussolini (Italien) und Graf Galeazzo Ciano (Italien, von links) im Konferenzzimmer des sogenannten „Führerbaus“ in München. In dem geschichtsträchtigen Gebäude an der Arcisstraße ist heute die staatliche Musikhochschule untergebracht. Quelle: Foto: dpa
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Hannover

Es sind nur vier Tage, die Robert Harris in seinem neuen Roman „München“ be­schreibt – aber die haben es in sich. Denn Harris konzentriert sich auf die unmittelbare Vorgeschichte und schließlich die Verhandlungen zwischen dem Deutschen Reich, Großbritannien, Frankreich und Italien, die am Ende zum Münchner Abkommen 1938 führten, in dem die sudetendeutschen Gebiete dem Deutschen Reich zugeschlagen wurden und ein Krieg in Europa zumindest für ein Jahr aufgeschoben werden konnte.

Im Wechsel – auf britischer Seite Hugh Legat, Mitarbeiter des britischen Premierministers, auf der anderen Seite Paul von Hartmann aus dem deutschen Außenministerium, beides fiktive Charaktere – zeichnet Harris nach, wie sich die Ereignisse auf der britischen und deutschen Seite bis zur Konferenz der Mächtigen zuspitzen, und zwar mit großer erzählerischer Spannung.

Wo andere Autoren historischer Romane oft mehrere Seiten brauchen, reicht Harris ein Absatz aus, um die gleiche intensive At­mosphäre zu erschaffen. Und das, obwohl dem historisch interessierten Leser bekannt ist, dass das Münchner Ab­kommen von den Regierungschefs Hitler, Chamberlain, Daladier und Mussolini geschlossen werden wird.

Immer wieder neue Spannungsbögen

Denn in dem Gewirr aus politischen Abwägungen und Berechnungen, geheimen Dokumenten, Verrat, bösen Gestapo- und SS-Schergen, Wi­der­stand gegen Hitler und sogar einer gemeinsamen Vergangenheit der beiden Hauptcharaktere Legat und von Hartmann gelingt es Harris immer wieder, nach einem Spannungsabfall sogleich wieder auf einen neuen Höhepunkt zuzusteuern. Dabei verliert er das Kleine, Un­terhaltsame, wie den ty­pisch britischen Snobismus, oder das Unbehagliche und Abstoßende, wie den kleinbürgerlich gezeichneten Hitler, der aufbrausend seine Verhandlungspartner verachtet, nicht aus den Augen.

Auch die Mechanismen der Macht erleben die Leser mit. So schickt der britische Premierminister Neville Chamberlain seinen Berater Horace Wilson vor, um den anderen Ministern bestimmte Ideen vorzutragen. Chamberlain wartet ab, wie die Kabinettsmitglieder reagieren, ohne dass seine Autorität Schaden nimmt. So funktioniert die große Politik. Und dann ist da dieser wunderbare letzte Satz des Romans. Er wird hier nicht verraten. Aber er ist eine so treffende Metapher für das, was das Münchner Abkommen war, und für alles, was dann – leider – folgte.

Info: Das Münchner Abkommen

Es war der Versuch Großbritanniens und Frankreichs, Hitlerdeutschland von einem Krieg in Europa abzuhalten: das Münchner Abkommen vom 29. September 1938.

Darin wurde festgehalten, dass die Tschechoslowakei die sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich abzutreten und innerhalb von zehn Tagen zu räumen hatte. Die sogenannte „Sudetenkrise“ hatte sich im Laufe der 30er Jahre zugespitzt. Forderten die Sudetendeutschen von der Prager Regierung zu­nächst mehr Selbstbestimmungsrechte, fühlten sie sich durch die massive Unterstützung aus dem Deutschen Reich zu immer weiter gehenden Autonomieforderungen ermutigt, die für die tschechische Regierung nicht annehmbar waren.

Die Bewertung des Abkommens ging schon bei den Zeitgenossen weit auseinander. Dachten Vertreter wie der britische Premierminister Chamberlain, einen Krieg mindestens hinauszögern und Hitler zu Verhandlungslösungen bringen zu können, waren andere sicher, dass mit dem Abkommen die letzte Chance vertan wurde, Hitler Grenzen aufzuzeigen. Hitler hielt die Aufrüstung der Wehrmacht zu dem Zeitpunkt für nahezu abgeschlossen, Frankreich und Großbritannien nutzten die Monate danach für Rüstungsanstrengungen. Die Verhandlungen in München fanden übrigens ohne eine Delegation der Tschechoslowakei statt. Deshalb wird das Münchner Abkommen in der Geschichtsschreibung gelegentlich auch als „Münchner Diktat“ bezeichnet.

Robert Harris: München, Heyne, 432 Seiten, 20 Euro.

Von Sönke Lill

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