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Kultur Mozarts gefährliche Liebschaften
Nachrichten Kultur Mozarts gefährliche Liebschaften
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11:13 04.10.2010
Bei Ingo Kerkhof werden die dunklen Seiten von Mozarts "Entführung" betont. Quelle: Landsberg
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VON HENNING QUEREN

Statt der Ouvertüre, mit der diese und auch sonst so gut wie jede Oper normalerweise anfängt, gibts hier erst einmal einen Satz. Über die Vergeblichkeit der Liebe. Und von Orient keine Spur.

Der junge Regisseur Ingo Kerkhof hat sich Mozarts „Entführung aus dem Serail“ vorgenommen und die heitere Oper um einen liebeskranken Turban-Träger im Morgenland und seine europäischen Sklavinnen wunderbar entschlackt. Weg mit allem Kolorit und Kulissen, die auch nur entfernt an Sultan, Serail und Schnabelschuhe erinnern. So heutig hat man die „Entführung“ noch nicht erlebt.

Dabei hat Kerkhof sich mit Erfolg an einer immerhin moderaten Umdichtung des sanft-blöden Librettos versucht, es passgenau mit Auszügen beispielsweise aus den „Gefährlichen Liebschaften“ verschnitten – und so allen deutschen Singspielmief ausgetrieben.

Klar, dass hier der orientalische Edelmann Bassa Selim, üblicherweise mit dickem Bauch und dickem Turban ausgestattet, weder Bassa noch Selim ist – sondern ein höchst ansehnliches und sprachgewandtes androgynes Wesen (die farbige Schauspielerin Nicole Coulibaly vom Theater Basel), das sowohl in Anzug wie auch Minirock eine fantastische Figur macht.

Kein Wunder, dass Konstanze (Nicole Chevalier) ihr verfallener ist, als sie ihrem Verlobten Belmonte (Philipp Heo) gegenüber zugeben mag. Die Gefühle stehen in dieser Inszenierung im Mittelpunkt, nicht das Abenteuer einer Entführung. Und da wirkt Mozart dann auch in seiner scheinbaren Heiterkeit mal wieder deutlich tiefer, als aufs erste Hören hin zu vermuten ist. Gefährliche Liebschaften im Serail, dank Kerkhof werden sie nachfühlbar.

Das Bühnenbild ist wohltuend konzentriert: ein sich drehendes Quadrat, das von Gummisträngen begrenzt, mal Gefängnis, mal Nachtclub-Lounge wird, in der eng umschlungen heiße Morgenland-Partys („Alla turca“ vom Barpiano) steigen. Eine Glattledercouch gehört noch zur Ausstattung, auf der sich dann Diener Osmin (Shavleg Armasi im Frack, mit profunder Stimme) und Blonde (Hinako Yoshikawa mit glitzernder Höhe) näher kommen.

Die Musik entspricht der halbdunklen, reduzierten Inszenierung. Dirigent Ivan Repusic lässt streng, zügig, ohne falsche Rubato-Seligkeit und bei aller Beachtung der dynamischen Abstufungen spielen – ein Mozart glatt glänzend und fein schimmernd wie Meissner Porzellan.

Und die Menschen, die hier singen (und zuhören), erleben nicht nur etwas, sondern werden durch ihre Erfahrungen auch verändert. Philipp Heo überzeugt mit vergleichsweise leichtem Mozart-Tenor, Zwischenapplaus für Nicole Chevalier nach einer ausdrucksstarken „MarternallerArten“-Arie. Ivan Tursic als Pedrillo bleibt rollengerecht blass. Zum Schluss gibt es noch einmal den Gedanken über die Vergeblichkeit der Liebe mit auf den Weg, gesprochen, nicht gesungen. Viel Applaus für Sänger, Chor und Orchester. Das Regieteam muss einige Buhs einstecke.

Bewertung: 4/5

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