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EINE 10 FÜRS PUBLIKUM: Stephan Weidner fand  seine Fans  in Hannover klasse. Und umgekehrt.Foto: Heusel

EINE 10 FÜRS PUBLIKUM:
Stephan Weidner fand seine Fans
in Hannover klasse. Und
umgekehrt.
Foto: Heusel© NANCY HEUSEL

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Konzert

Mit Zorn nach Vorn: "Onkelz"-Bassist W. in Hannover

Ohne Ach, mit Krach: Ex-Böhser-Onkel Stephan Weidner alias "Der W." macht im Capitol Musik für die Unverstandenen.

Hannover. Erst wurde die Tour aufs Frühjahr verschoben, jetzt waren schon wieder sechs Shows ausgefallen. Drei gebrochene Rippen, wie es dazu kam, bleibt geheim. Hannover ist somit erst der dritte Auftritt von dem W., - zugleich Name der Band sowie Kürzel ihres Sängers Stephan Weidner.

Der W. ist wieder auf dem Damm. Und von der Wehleidigkeit, die in die Texte des ehemaligen Böhse-Onkelz-Bassisten eingekehrt sein soll, ist im Capitol nichts zu spüren. Über die Bühne geht ein Konzert mit viel groovender, harter Musik - erdiger Rock mit einigen Spuren Punk drin. Gitarren knattern, die Doppelbasstrommel rollt, ein paar Soli gibts zwar auch, keins gniedelt uns indes den Nerv blank. Es werden Balladen gereicht, ja, aber keine allzu faden.

Stephan Weidner erinnert optisch ein wenig an Führergestalten wie Rudi Dutschke, Jesus Christus oder Charles Manson. Und seine Anhängerschaft, zu 90 Prozent Kerle, mutet an, als fände hier das Casting für „Deutschland sucht die Superglatze“ statt. 1600 sind da, recken im Capitol die Fäuste, strecken die Fingerhörnchen, feiern sich und ihr Idol. Eine Packung „verschworene Gemeinschaft“ wird geboten, mit Musik, Bier und wilder Moscherei. Ganz Junge sind kaum zu sehen. Denen ist Weidner (49) für einen Gefühlsstellvertreter wohl zu alt, und die Arrivierten unter den Alten fehlen inzwischen auch. Geblieben sind die Leute, die ihr Leben noch immer in zornigen Zeilen wie „Geh’n wir dahin, wo es wehtut“ („Operation Transformation“) oder „Ich fahr das Ding an die Wand“ („Herz voll Stolz“) beschrieben finden. Das Capitol dampft, „von mir würdet ihr ’ne 10 kriegen“, lobt der W.

Spricht man mit Fans, trifft man schon mal auf einen, der sich als „ultrarechts“ vorstellt, der indes keine Klischees erfüllt, keine „Farben“ trägt, keinen Ärger sucht, sondern einfach nur in Frieden ein Konzert hören will. Die Onkelz wollten damals ihre rechten Fans loswerden und ließen Leute rauswerfen, die sich zum Hitlergruß anschickten oder Thor-Steinar-Shirts zeigten. Nicht alle von denen aber wollten die Onkelz aufgeben. So ein Prozent, schätzt der Mann, dürfte hier schon noch seines Gesinnungsschlags sein. Mit einer Reunion der Onkelz rechnet er nicht mehr, das sei schade. Aber man müsse mal „Frei.Wild“ hören, „definitiv die neuen Onkelz“.

Von solchen hält Weidner nicht viel. Sein „Kampf den Kopien“ kracht durchs Capitol, ein Metal-Stinkefinger in Richtung Nachäffer und Cover-Bands. Die Romantik von Zorn, Unverstandensein, Außenseitertum, die die Onkelz pflegten, will er mit niemandem teilen. Da nimmt er sich selbst nicht aus. „Songs wie ,Mexiko‘ und so werdet ihr nie, nie, nie mehr von mir hören“, versichert Weidner, als das Konzert die 23-Uhr-Marke passiert, „die gehören ‚diesen vier Leuten‘ und niemandem sonst.“

Aber dann spielt er doch noch ein altes Onkel-Teil - „Regen“, ein zeitkritisches, sozialapokalyptisches Stück. „Wir haben immer nur genommen, nie gegeben, so maßlos übertrieben, doch dann kam der Regen ...“ Die trockenen Jahre sind vorbei. Keine Arche. Nirgends. Das mag man hier. In Schönheit untergehen - mit Sang und Klang.

Bewertung: 4/5.


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