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Kämpferisch: Harry Belafonte wird 90

Kämpferisch: Harry Belafonte wird 90
© KEYSTONE

Harry Belafonte ist der King of Calypso.

Mit 90 ist lange nicht Schluss

Weltstar und Kämpfer für Menschenrechte. Und seine Songs kennt die ganze Welt: Harry Belafonte wird 90 und engagiert sich immer noch.

new york. Harry Belafonte schweigt nicht, wenn er irgendwo politisches Unrecht oder Dummheit wittert. Seine Vergleiche zieht er gern scharf, ob er nun das Konzept der „Homeland Security“ unter George Bush Junior als „Neue Gestapo“ verdammte oder der Trump-Präsidentschaft Anfang Dezember in der berühmten Riverside Church von New York City sein „Willkommen im Vierten Reich“ angedeihen ließ. „Mehr denn je“, sagte er damals, „brauchen wir jetzt Demokratie!“ Und weil er weiß, dass man Demokratie vorleben muss, übernahm er mit der Frauenrechtlerin Gloria Steinem den Ehrenvorsitz beim Women’s March vom 21. Januar. Ein kämpferischer Mann von 89 Jahren.

Der 90 wird. Und dessen Songs die ganze Welt kennt. Ob er nun von der diebischen „Matilda“ singt, die süße „Angelina“ herbeiruft, die den Seefahrer mit ihrem Ziehharmonikaspiel begrüßen soll oder im „Banana Boat Song“ von der harten Arbeit der Bananentransporteure erzählt. Obwohl sein karibischer Akzent aufgesetzt war, war sein Calypso doch authentisch, denn er hatte die Musik an ihrem Ursprungsort erfahren. Das Getriebe New Yorks hatte seine Mutter so erschüttert, dass sie den fünfjährigen Harry für acht Jahre zur Großmutter nach Jamaika gab.

Eigentlich wollte Belafonte Schauspieler werden. An der New Yorker Schule von Erwin Piscator lernte er Schauspiel und mit Otto Premingers Südstaatenversion der Oper „Carmen“ (1954) und Robert Wise‘ Gangsterdrama „Wenig Chancen für Morgen“ (1959) verbuchte er später auch zwei Hollywood-Klassiker. Die Musik brauchte er zunächst nur, um in Theaterstücken auch singen zu können. Doch schon am ersten Abend im Royal Roost stand wie ein Omen Altsaxofonist und Be-Bop-Legende Charlie Parker mit ihm auf der Bühne. Ein paar Jahre später war Belafonte der „King of Calypso“, ein Thron, der ihm suspekt war. Musik, wie er sie versteht, kennt keine Monarchien. Und er war eben auch ein Sänger von Folk, Jazz und Blues. Jeder Song ein Statement, niemals Blabla-Lala.

Sein lebenslanges soziales Engagement geht auf ein Kindheitserlebnis zurück. Belafontes Mutter, so erinnerte er sich jüngst in einem Interview mit dem Houston Chronicle, saß stumm zuhause auf dem Bett. Sie hatte den Tag in einer Warteschlange verbracht, den Job einer Haushälterin aber nicht bekommen. Armut regierte das Haus. „Sie sagte: ,Harry, versprich mir was. Dass du keinen Tag vergehen lässt, an dem du ein Unrecht, das du siehst, nicht bekämpfst.‘“ Seither engagiert er sich für die Rechte von Frauen und Kindern, kämpft gegen Rassismus, Armut, Nuklearwaffen und gegen amerikanische Kriege, kritisiert Präsidenten (auch Obama) und verachtet die kalte Herrschaft des Geldes. Er war mit Fidel Castro befreundet und stand an der Seite von Martin Luther King, als der beim „Marsch auf Washington“ 1964 seine „I have a Dream“-Rede hielt. Der Traum von der besseren Welt hat Harry Belafonte nie losgelassen.

Seit 2004 singt er nicht mehr, das vorige Woche erschienene Geburtstagsalbum „When Colors Come Together“ enthält bis auf eine Kinderchoraufnahme von „Island in the Sun“ nur altes Material, das Belafonte immerhin selbst ausgewählt hat. „Legacy –Vermächtnis“ ist der Untertitel der Platte. Aber für das Verteilen des Erbes fühlt er sich noch zu jung. Weiter „beizutragen“, auch mit 90 Jahren, empfindet Harry Belafonte, der mit seiner Frau Pamela in New York lebt, als „joyous task“, als „frohe Pflicht“.

Er wäre auch gern mitmarschiert am 21. Januar, indes verhinderte sein Gesundheitszustand die Teilnahme. Als nächsten Termin für ein soziales Statement peilt er den 8. März an, den „Day Without a Woman“. Die Organisatoren des Women’s March planen dann einen USA-weiten Generalstreik der Frauen. Belafonte ist elektrisiert: „Wenn du glaubst zu wissen, wie wichtig Frauen für dein Leben sind – danach wirst du es wirklich verstehen. Dieser Tag ohne Frauen wird die Nation noch schwer beschäftigen.“ Ein Aktivist freut sich hier auf Unruhe.

Von Matthias Halbig


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