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Kultur Milan Peschel entdeckt den „Mephisto“
Nachrichten Kultur Milan Peschel entdeckt den „Mephisto“
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00:17 20.01.2018
Nachdenklich: Milan Peschel beim Treffen mit der NP im Lindener Café „Bar“.  Quelle: Nancy Heusel
Hannover

 Ein Schauspieler wird zum Regisseur, ein Schauspielerleben zum Sinnbild einer Epoche: Milan Peschel („Der Nanny“, „Halt auf freier Strecke“) inszeniert im Schauspielhaus Klaus Manns „Mephisto“. Wir trafen ihn zum Interview.

Wie weit sind die Proben gediehen?

Wir arbeiten uns im Moment noch Schritt für Schritt durch den Roman. Laufen gut, die Proben, machen Spaß.

Es gibt noch keine endgültige Textfassung?

Nein. Wir werden Teile aus dem Roman nehmen, auch andere Texte von Klaus Mann.

Aber Sie sind schon der Chef, oder?

Naja, was heißt Chef? Den König spielen ja immer die anderen. Das Theater ist zwar schon ein autoritärer Betrieb; einer muss ja auch die Verantwortung übernehmen. Das bin schon ich. Aber ich bin natürlich nichts ohne meine Mitarbeiter, ohne die Schauspieler. Ich habe Judith Gerstenberg als Dramaturgin dabei, Jan Speckenbach für die Videobilder, Daniel Regenberg kümmert sich um die Musik, Magdalena Musial entwirft die Kostüme und Nicole Timm die Bühne. Und alle sind aufgefordert, mit mir zusammen zu denken. Es wäre ziemlich einseitig, wenn ich alles alleine entscheiden würde. Das mag ich nicht. Dafür ist Theater auch zu komplex.

Das Problem Thomas Mann

Wie gehen Sie in einen Probenprozess hinein ...

... hoffentlich vorbereitet.

Es gibt ein paar Setzungen, Video, Musik, ob nun live oder nicht, weiß ich nicht ...

... weiß ich vorher auch nicht.

Es gibt eine Besetzung ...

... die gibt es. Aber es ist hier ein bisschen komplizierter. Schließlich nehmen wir einen Roman, der bezeichnet wird als Schlüsselroman – was Klaus Mann immer bestritten hat.

Der ohnehin ein gewisses Problem mit seiner eigenen Bedeutung hatte.

Er hatte halt ein Riesenproblem: Er war der Sohn von Thomas Mann. Das lag wie ein Schatten über allen Mann-Kindern.

Der Preis des Ruhms

Wer wird den Hendrik Höfgen spielen?

Ich wusste, dass die Frage kommt. Darum werden ihn alle spielen. Es wird ihn immer wieder jemand Anderes übernehmen. Man steht vor dem Dilemma: Wer ist denn jetzt unser „Star“? Es geht um die Sehnsucht nach Ruhm, die wir alle um uns haben und die uns Schauspieler ganz besonders betrifft: Welchen Preis ist man bereit, dafür zu zahlen?

Sind das auch die Fragestellungen, die Sie am meisten an dem Stoff interessieren?

Ja.

Als Zuschauer stelle ich mir an dieser Stelle auch die Frage: Was bin ich bereit, dem Künstler zu verzeihen?

Na, das ist ja eine interessante Frage. Seit wann geht es bei der Kunst denn um Verzeihen? Man geht ins Theater, und im besten Fall opfern die da oben sich für einen auf und beginnen zu fliegen. Da kann man als Zuschauer doch nur stolz und glücklich sein, dabeigewesen zu sein.

So meine ich das nicht. Beispiel: Kevin Spacey, ein grandioser Schauspieler, scheint – man denke an die Missbrauchsvorwürfe – als Mensch ein ausgemachtes Schwein zu sein ...

Das kann ja sein. Aber das schmälert doch nicht seine schauspielerische Leistung. Ich finde es sehr schade, dass man jetzt wegen ihm „House of Cards“ beenden wird. Schließlich handelt es sich doch erstmal nur um Vorwürfe. Und solange die nicht bewiesen sind, sollte doch eigentlich die Unschuldsvermutung gelten, oder?

Die Gnade der späten Geburt

Nun geht es in „Mephisto“ um jemanden, der unter dem Nazi-Regime um seiner Karriere willen zum Opportunisten wird.

Und da möchte ich einen Riss erzeugen, bei den Zuschauern, aber auch bei den Schauspielern: Wie würde ich handeln? Wir haben nun einmal alle die Gnade der späten Geburt. Wir stehen zum Glück noch nicht wieder vor dieser Frage. Aber es besteht die Gefahr, dass wir eines Tages wieder davor stehen. Und da möchte ich die sehen, die jetzt das Maul aufreißen. Ich maße mir kein Urteil an über Gründgens – und übrigens auch nicht über Klaus Mann. Ich kann doch nur beobachten, was ich kenne in der Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Was ist denn die neueste Erkenntnis?

Weiß ich nicht. Es gibt keine größte Erkenntnis außer der, dass man keine Sicherheit hat, dass man immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Auch deswegen die Besetzung durch unterschiedliche Schauspieler?

Ja, und weil Höfgens als so wandelbarer Schauspieler dargestellt wird. Wir sehen immer wieder neue Facetten von ihm. Klaus Mann beschreibt ihn zum Beispiel als Mann mit sehr dicken Hüften, aber das ist alles weg, wenn er auf der Bühne steht: Der strahlt wie ein Glühwürmchen.

Kennen Sie dieses Gefühl des Strahlens auf der Bühne auch?

Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass mir die Bühne noch einmal einen anderen Schub verleiht. Sonst wäre man ja auch falsch in dem Beruf.

Ist der Stoff eigentlich heute in einer Zeit voller Opportunisten aktueller, als er es noch vor ein paar Jahren war?

Ach, man muss sich immer wieder mit der Vergangenheit auseinandersetzen, wenn man die Zukunft beeinflussen möchte. Man muss die Toten immer wieder ausgraben, wie Heiner Müller gesagt hat.

Die geschlossene Kapsel Theater

Wie historisch wird es bei Ihnen aussehen?

Ich kann mit dem Begriff „historisch“ wenig anfangen. Wir wissen, dass es ein Stoff ist über das Theater. Darum hat auch unser Bühnenbild viel zu tun mit Bühnenbild und Dekoration. Für Gründgens selber – jetzt sind wir schon bei Gründgens, aber das gilt auch für Höfgens – war sein Leben immer die geschlossene Kapsel Theater. Er war immer in dieser Blase. Das war Nicole Timm auch für das Bühnenbild wichtig.

Ist es schwierig, jemanden zu spielen, der spielt?

Nein, damit kennen wir uns aus. Wir wissen, wie jemand aussieht, der spielt. Wir wissen, wie jemand aussieht, der es ernst meint. Und wir wissen, wie jemand aussieht, der spielt und trotzdem dabei etwas meint. Und wir haben den Vorteil, dass dieser Roman und seine Themen schon tausendfach medial verwurschtelt wurde: natürlich der Film von István Szabó, aber auch all das, was Gründgens gemacht hat, dieses abgefilmte Theater, „Das Literarische Quartett“, in dem sich Reich-Ranicki damit befasst hat, die Geschichte der Familie Mann als Serie ... Wir kennen so viele Bilder davon. Wir wissen doch gar nicht mehr, wenn wir an Thomas Mann denken: Denken wir an ihn oder an Armin Mueller-Stahl?

Und denken wir an die Manns oder an die Buddenbrooks?

Zum Beispiel.

Was hoffen Sie, dieser großen Tapete hinzuzufügen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das möchte. Oder ob ich das kann. Viel wichtiger ist es mir, bestimmte Punkte zu beleuchten. Vielleicht ist es schon etwas Neues, wenn man die Zuschauer auf sich zurückwirft.

Wie seht juckt es Sie dann als Regisseur, selber auf die Bühne zu hüpfen?

Nicht so besonders. Natürlich neige ich dazu, etwas vorzuspielen, aber versuche das zu vermeiden. Mir geht das oft so bei Inszenierungen, die ich toll finde. Wenn ich etwas von Pollesch sehe, möchte ich am liebsten immer aufspringen und mitspielen. Wenn ich selber Regie führe, trenne ich das lieber.

Was nicht funktionierte, als Sie in Hannover „Das Mädchen Rosemarie“ inszenierten. Da mussten Sie einspringen.

Und es hat mich schon gereizt. Aber ich möchte niemandem wünschen, dass er sich so schwer verletzt wie damals Mathias Max Herrmann mit seinem Achillessehnenriss.

Die sehr deutsche Stadt Hannover

Haben Sie den Stoff ausgewählt?

Ja, zusammen mit der Dramaturgie des Hauses. Unter anderem wegen der Kontinuität. Ich habe in Hannover angefangen mit einem Stoff, der vor dem Ersten Weltkrieg spielt, mich dann in die 50er begeben. Jetzt sind wir in der Zwischenkriegszeit. Ich finde das gut, mich hier, in der Mitte von Deutschland und nicht nur der geografischen, mit Deutschland zu befassen. Hannover ist eine sehr deutsche Stadt. Es ist keine Metropole wie München, Hamburg und erst recht nicht Berlin. Aber es ist eine Stadt, in der mehr drinsteckt, als man auf den ersten Blick glauben möchte.

Wie gefällt Ihnen das Haus?

Ich finde es schade, dass die aufhören. Ich mag die Atmosphäre hier, ich mag die Schauspieler, ich würde gerne weitermachen. Ich habe mich hier immer sehr willkommen gefühlt. Wir hatten uns gerade aneinander gewöhnt ...

Mehr über die Inszenierung finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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