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Kultur „Mephisto“ als Zeitenbild
Nachrichten Kultur „Mephisto“ als Zeitenbild
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18:11 21.02.2018
Gruppenbild mit Göring: (von links) Vanessa Loibl, Henning Hartmann, Sabine Waibel, Günther Harder, Silvester von Hösslin, Janko Kahle und Rainer Frank. Quelle: Karl-Bernd Karwasz
Hannover

Wer war Hendrik Höfgen? Jahrhundertmime oder routinierter Provinzschauspieler? Künstler oder Karrierist? Kulturbolschiwist mit wenigen politischen Ambitionen oder Nazi-Mitläufer aus Ehrgeiz? Vielleicht alles zusammen; man wird am Ende von Milan Peschels „Mephisto“-Inszenierung noch immer keine Antworten haben, aber klüger sein.

Peschel, bekannt geworden als Filmschauspieler, zerlegt Klaus Manns Roman eines Karrieristen, seine Geschichte des authentischen Schauspielers Gustaf Gründgens in ihre Einzelteile und fügt sie nicht immer zueinander. Es geht in die Nazizeit und darüber hinaus, ins Theater und die Welt. Frühlings Erwachen und Osterspaziergang, Rosencranz und Güldenstern, die Comedian Harmonists, Zarathustra und Ultravox – wenn schon Tanzen, dann mit Tränen in den Augen. Dazu Seitenhiebe auf Wittenbrink und Walburg. Im Westen nichts Neues, im Osten die Sowjets. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht.

Gut drei Stunden lang (plus Pause) geht das so. Peschel hetzt durch Kultur- und Literatur-und deutsche Geschichte.Personen und Rollen überlagern sich in einem virtuosen Kreislauf. Ein Mosaik der Szenen, eine inspirierte Kakophonie und Assoziationskette. Es hilft, den „Mephisto“ parat zu haben und möglichst auch Goethes „Faust“ und Shakespeares „Hamlet“. Das lohnenswerte Programmheft enthält Peschels Szenario, auch das dient dem Verständnis – in einer Inszenierung, die es nicht unbedingt darauf anlegt, verstanden zu werden; Hingabe und Verstand vertragen einander nicht immer.

Das wunderbare Ensemble spielt sich, hörbar grippegeschwächt und sichtbar euphorisiert, in Rage. Schwierig, jemanden hervorzuheben. Vanessa Loibl vielleicht, die, selbst wenn sie ganz dick aufträgt, authentisch ist (oder gerade dann), Carolin Haupt, die nahtlos vom urkomischen Chargieren, Günther Harder, der, frisch rasiert und mit absurdem Fatsuit, den öligen Höfgen-/Gründgens-Förderer Göring gibt, und Sabine Waibel als seine morbide Metze.

Sie spielen, und sie spielen, dass jemand spielt, und spielen, dass jemand spielt, dass er jemanden spielt, und manchmal spielen sie auch sich selbst. Und jeder ist mal Höfgens, dieser Mann mit den tausend Gesichtern, auch die Frauen. Anachronistisches Geschehen und stimmungsvolle historische Kostüme (Magdalena Musial). Immer ist die Bühne (Nicole Timm) erkennbar Bühne, ein drehbares Panoptikum aus Schein und Sein und Zeit, ist – King Kong lässt grüßen – Lichtspielhaus und Filmkulisse, Schauspielkantine und kafkaeskes Gericht.

Für Peschel ist dieser „Mephisto“ ein großes Spiel, eines auf Leben und Tod und um die Frage, wie weit man für Ruhm zu gehen bereit ist. Es geht ums Ganze, das große Ganze Es ist eben auch eine Inszenierung, die um das Wesen des Theaters selbst geht, auch wenn in der zweiten – etwas länglichen – Hälfte, nach der Machtergreifung der Nazis auch auf der Bühne der Schwarzweißfilm triumphiert und Live-Videos das Geschehen bestimmen. Wenn man dieser Inszenierung etwas vorwerfen kann, dann ein Zuviel, auch des Guten.

Die Zeiten sind verrückt geworden. Am Ende kommt der Krieg. Noch so ein Spiel auf Leben und Tod. Jubel und Applaus.

Von Stefan Gohlisch

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