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Kultur Marcel Brell, ein sprechendes Tier
Nachrichten Kultur Marcel Brell, ein sprechendes Tier
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00:16 10.03.2017
Lichtgestalt: Marcel Brell.  Quelle: Johanna Richter
Hannover

 Er hätte einfach so weitermachen können. Das Produzentengeschäft lief gut. Marcel Brell hatte Heino zum Rocker gemacht, für Künstler wie Oomph! Und LaFee gearbeitet. „Aber ich hatte das Gefühl, dass da noch mehr kommen muss“, sagt der 34-Jährige. Also verkaufte Brell Studio und Mischpult, zog los mit seiner Gitarre und den eigenen Liedern und spielte in Kneipen und „Spätis“, den Kiosken in seiner Wahlheimat Berlin. Dabei ist es nicht geblieben: Dieser Tage tourt er mit seinem zweiten Album durch die Republik.

„Sprechendes Tier“ heißt es, und es ist in all dem Deutschpop-Einerlei ein herausragendes Werk, sensibel und gewitzt getextet, komponiert, arrangiert und produziert, zum größten Teil von ihm selbst. Die Videos dreht er natürlich auch selbst. Talente sind auf dieser Welt mitunter unverschämt ungleich verteilt. Marcel Brell kommt aus einer Künstlerfamilie, der Vater Opernsänger, die Mutter Tänzerin, ein Bruder Schriftsteller. Dass er mit der Kunst, mit Musik sein Geld verdienen würde, war immer klar: „Meine Eltern hätten sich nur gewünscht, dass ich in die Klassik gegangen wäre.“

Es sollte nicht sein. Nach ersten Touren mit dem Vater und einem Operettenprogramm sollte es doch die Popmusik sein. Seinen Werdegang beschreibt der gebürtige Münsteranerselber – in dem Lied „Fleck“ – wie folgt: „Kegelbruder, Disco-Gänger, Pianist und Opernsänger, ein Semester Philosoph, Burger braten bei McDoof, Kleinstadtkrise, große Klappe, Ziel aus Rigips, Plan aus Pappe, 50 Euro für Benzin, harte Landung in Berlin“.

Brell ist in seiner prosaischen, präzisen Art einer der besten Textdichter Deutschlands. Schon mit seinem Debüt „Alles gut, solang man tut“ gewann er den entsprechenden Fred-Jay-Preis wie vor ihm Künstler wie Anna Depenbusch,Cäthe und Dota Kehr – so kluge, phrasenfreie Popmusik wird in Deutschland sonst fast nur noch von Frauen gemacht. Das Goethe-Institut machte ihn zum „Botschafter deutscher Sprache“. Er tourte im Vorprogramm von a-ha und Suzanne Vega. Der Alltag, den er beschreibt, kann auch sehr groß sein.

Auf „Sprechendes Tier“ geht es viel um das Thema Liebe, um die gescheiterte („Kaputt“), die hoffnungsvolle über die „Steine“, die man sich in den Weg legen, aber aus denen man auch etwas Neues bauen kann, oder – in „Aber wir lieben uns nicht“ – um die unmögliche: „Du willst dich nicht verbiegen, du willst erst zum Yoga gehen“. Vertonte Gedichte über die Sehnsucht nach dem Festhalten in haltlosen Zeiten.

Es geht um den ewigen inneren Konflikt zwischen Verstand und Gefühl, Gedanken und Trieb. Das sprechende Tier, das ist er selber: „Das ist ja gerade das Problem“ sagt er und lacht: „Darum mache ich das Ganze überhaupt.“ Und täglich grüßt der Schweinehund.

Am 11. März spielt Marcel Brell ab 21 Uhr im Pavillon. Der Eintritt kostet 20, ermäßigt 15 Euro.

Von Stefan Gohlisch

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