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Kultur Maffay und Freunde singen von Fernweh und Ankommen
Nachrichten Kultur Maffay und Freunde singen von Fernweh und Ankommen
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17:43 21.02.2018
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Hannover

„So, Freunde, gleich geschafft“, da ist er ja, der Peter Maffay, erst in Schwarzweiß, als Comic-Figur, dann auch live und in Farbe. Im Cartoon kam er auf dem Motorrad angebrettert, nun betritt der Musiker leibhaftig die gewaltige Bühne der Tui-Arena. Betritt? Quatsch, er rennt, 1,68 Meter pure männliche Virilität, eingepackt in schwarzes Leder. Tosender Applaus, lauter Freunde, wohin man auch blickt.

Mit „Bring mich nach Haus“ geht es los, dahingerappt, akustisch und opulent; das Zuhause ist für fahrende Leute wie Maffay immer das Unterwegs. Die Freiheit nimmt er sich. Er muss ja auch niemandem mehr etwas beweisen. Warum nicht einmal „MTV Unplugged“? Das Album war die 18. Nummer eins für den 68-Jährigen; kein Musiker in keinem Land der Welt kann eine vergleichbare Bilanz aufweisen. Und die dazugehörige Tournee, deren dritte Station Hannover ist, ist fast durchgehend ausverkauft. Die Tui-Arena ist es auch, mit 10 000 amüsierwilligen Menschen.

Und die erleben eine Art akustisches Orchester, volle Rockbesetzung, drei Streicher, drei Bläser, drei Sänger obendrein. „Wir haben eine Trickkiste, in der alles, was spannend sein kann, steckt“, sagt Maffay, schmunzelnd, selbstbewusst. Die großen Hits gehören dazu, „Liebe wird verboten“ natürlich, die „Sonne in der Nacht“, die „Eiszeit“, bei der Gaststar Johannes Oerding die Bühne entert, für die Extra-Portion Soul. Später wird er noch mit Maffay den „Sieben Brücken“ in einer sehr reduzierten und umso bewegenderen Version neue Energie verleihen. „Ist es nicht schön“, sagt der dann, „wie so eine Kamelle neue Kraft bekommt?“

Jennifer Rostocks Jennifer Weist ist auch da, viel Tattoos, noch mehr Stimme, singt vom „Mensch, auf den du wartest“ und später noch ihren „Leuchtturm“. Laith Al-Deen ist für „Samstagabend“ dabei, Ilse Delange von den Common Linnnets für „Calm of the Storm“. Der US-amerikanische Keyboarder der Band Rainbow, Tony Carey, kommt für „Room with a View“. Er hat bereits mehrfach mit Maffay Musik gemacht.

Ein Fernsehformat, mit großem Aufwand für kleine Bühnen realisiert, passt nicht automatisch in große Hallen. Noch vor vier Monaten sah man an selber Stelle mit selbem Konzept Maffays Kollegen Westernhagen vor allem auf Barhocker sitzend zu; das war ein bisschen fad. Maffay schafft es, mehr Intimität herzustellen, durch die kernig-unverfälschte Ansprache, durch die sensiblen Arrangements, durch den klug ausgewählten Back-Katalog, den er spielt.

Er steht auch auf, springt über die Teppiche, die er ausgelegt hat, eben wegen der Intimität. Vielleicht auch, um zu zeigen, dass er auf dem Teppich geblieben ist, wie Carl Carlton scherzt. Und ein Meister-Gitarrist wie er (der schon auf Westernhagens Bühne hockte) verleiht auch ollen Schnulzen wie „Es war Sommer“, „Du“ und „So bist du“ Stil und Grandezza. „Hat jemand Zwangsjacken dabei?“, scherzt er, bevor er losschwelgt.

Am stärksten ist dieses Konzert immer dann, wenn auf den gewaltigen Leinwänden mal keine Animationen zu sehen sind, sondern die Kamera ganz nah heranfährt an die Furchen in Maffays Gesicht, an die Linien seiner zahlreichen Tätowierungen. Linien, die immer auch Seelenlandschaften sind. Es geht um das alte Spiel von Fernweh und Ankommen, Biker-Romantik und große Gefühle, ein Wechselspiel aus Sorgen und Hoffnung. Bei „Eiszeit“ erscheint über apokalyptischer Landschaft eine Schlagzeile: „Trump: America First“. „Wenn der letzte Regen“ verbindet Maffay mit der Hoffnung, dass der Menschheit ein weiteres Tschernobyl erspart bleibe. Die Lage ist schlecht, die Aussicht gut. Ja, „irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben“, wie es im Tabaluga-Lied „Nessaja“ heißt: „Ich wollte nie erwachsen sein.“ Da lebt einer den dritten Weg.

Es ist alles so positiv. Mögen die Landschaften, auch die des Gesichtes noch so zerklüftet sein, irgendein Weg wird sich immer finden. Das ist die „Freiheit, die ich meine“, ein Song, mit dem es nach gut zweieinhalb Stunden endgültig ins Finale geht. Und dann auf den Heimweg – ausgefüllt von Friede, Freude, Freundschaft.    

Stefan Gohlisch     

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