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Kultur „Mädchen wie die“ – ein Stück für Hörende und Gehörlose
Nachrichten Kultur „Mädchen wie die“ – ein Stück für Hörende und Gehörlose
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00:16 14.01.2018
Im Bühnenbild: Kasssandra Wedel (links) und Elena Schmidt spielen in „Mädchen wie die“ – und zeigen die Wörter in Gebärdensprache. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Eine Cybermobbing-Geschichte von und für Taube und Hörende:: Heuet hat im Ballhof „Mädchen wie die“ ausverkaufte Premiere. Wir sprachen mit der Schauspielerin Kassandra Wedel (33), die seit ihrem vierten Lebensjahr taub ist, und ihrer hörenden Kollegin Elena Schmidt (26).

Wir haben Sie im Bühnenbild fotografiert. Das zeigt ein Schwimmbad. Warum?

Elena Schmidt: Drei Szenen spielen im Schwimmbad. Außerdem ist es ein Ort, an dem Jugendliche oft prägende soziale Erlebnisse haben. Das war der Grundgedanke. Man kann das Bühnenbild auch noch räumlich verändern. Es gibt viel Video, was auch mit der Zweisprachigkeit der Produktion und der Übersetzung der jeweiligen Sprache zu tun hat.

Gibt es eine Schriftform der Gebärdensprache?

Kassandra Wedel: Ich benutze im Prinzip meine eigene Schriftform. Jeder taube Schauspieler notiert sich seine Gebärden komplett anders. Ich nehme zum Beispiel eine Gebärde, die für ein deutsches Wort steht, und schreibe dieses dann auf. In dem Stück gibt es manche Worte, die es in der Gebärdensprache so nicht gibt, das Schimpfwort „Bumsbrett“ zum Beispiel. Da nehme ich die Gebärde für „die Gefickte“. Es gibt auch keine Artikel.

Wie unterscheidet sich die Grammatik?

Wedel: Die ist komplett anders. Wir mussten viele Sätze umstellen, damit ein Bild entsteht, das auch lesbar ist. Der Aufbau ist ein ganz anderer.

Ist Gebärdensprache international?

Wedel: Nein. Selbst in Deutschland ist es nicht einfach. Ich komme aus München, die Dolmetscher kommen aus Hannover, Pia Jendreizik, die andere taube Schauspielerin, kommt aus Köln. Wir nutzen verschiedene Gebärden.

Frau Schmidt, haben Sie auch Gebärdensprache gelernt?

Schmidt: Als 15-Jährige mal, aber davon war nicht mehr viel über. Jetzt habe ich viel gelernt, in den sieben Wochen Probenzeit.

Welchen Dialekt?

Schmidt: Das weiß ich gar nicht so genau. Ich denke, einen Mix aus Köln, München und Hannover.

Wedel: Ja, das stimmt. „Mutter“ zum Beispiel ist ein Wort, für die es in den unterschiedlichen Bundesländern andere Gebärden gibt. Wir haben jetzt verschiedene Gebärden genommen, die alle kennen.

Wie kann ich mir die Sprache auf der Bühne vorstellen?

Schmidt: Oft finden beide Sprachen gleichzeitig statt. Der Text kommt ohne Rollenzuweisungen aus. Wir haben Absatz für Absatz aufgeteilt, mal zwischen den beiden Hörenden, mal zwischen den beiden Tauben. Im Großen und Ganzen findet beides parallel statt. Und wenn nicht, gibt es eine Übersetzung. Manchmal begleiten wir uns selbst beim Gebärden, was wahnsinnig herausfordernd war.

Nehmen Ihnen die Gebärden, die ja Ihre Bewegungsapparat in Anspruch nehmen, etwas von Ihrem üblichen Spiel?

Schmidt: Schon ein bisschen. Ich mache Bewegungen, die ich nicht machen würde. Zu jeder Gebärde gehört ein Mundbild; manche erschließen sich nur dadurch, wie sich die Lippen bewegen.

Wedel: Du hast so viel gelernt (lacht). Das ist Wahnsinn. Du kannst das echt gut erklären.

Schmidt: Ich muss jetzt mein Gesicht viel mehr bewegen. Dabei lernt man doch in der Schauspielschule, sich viel mehr zurückzunehmen. Das war eine Herausforderung. Jetzt ist es ein bisschen so, als müsste ich die ganze Zeit tanzen, während ich spiele. Dadurch entsteht eine neue Kunstsprache, eine neue Kunstform.

Ist es für Sie auch so, Frau Wedel?

Wedel: Ich habe Erfahrungen mit anderen Stücken, in denen es auch den Wechsel zwischen den Sprachen gab. Trotzdem ist es eine Herausforderung, hier jetzt Text zu sprechen und gleichzeitig zu gebärden. Es ist anstrengend, als würde man die ganze Zeit rennen. Denn man atmet anders, wenn man spricht.

Sie haben Ihr Gehör erst mit vier Jahren verloren, noch sprechen gelernt und sprechen auch heute noch ganz klar. Hören oder spüren Sie das?

Wedel: Ich höre mich nicht. Ich kann es fühlen. Aber das ist bei Hörenden, glaube ich, manchmal nicht anders, wenn es laut ist zum Beispiel. Da fühle ich mich auch nicht wohl. In der Diskothek verstehen mich die Leute nie. Da denke ich immer: „Was? So laut muss man schreien?“

Schmidt: Ich mag das aber auch nicht. Ich denke da immer: „Lass mich in Ruhe, ich bin hier zum Tanzen!“

Wedel: Manchmal bin ich auch zu laut. Wenn ich in einer S-Bahn sitze zum Beispiel und denke, dass es dort laut ist. Meine Mutter bremst mich da oft (lacht).

Lassen Sie uns auch über das Stück reden: Welchen Reiz hat es, über diese ungewöhnliche Inszenierung hinaus?

Schmidt: Da sind Themen drinnen, die sich lohnen, sie ins Jugendtheater zu bringen und sie nachzubearbeiten.

Sie meinen das große Thema Cybermobbing?

Schmidt: Aber nicht nur. Es geht auch um Gruppenzwang. Um Geschlechterrollen. Es geht darum, wie einen Mobbing auch emotional ausbluten lässt. Am Ende taucht die Scarlett auf, um die sich das Stück die ganze Zeit dreht, und hält einen Monolog. Sie spricht davon, dass sie sich nicht mehr den klassischen Rollen unterwerfen muss. Sie emanzipiert sich.

Sie erobert sich die öffentliche Bühne zurück?

Schmidt: Ja. Beziehungsweise: Sie sagt, die findet ganz woanders statt. Sie sagt: „Ich bin heute in der Bahn gefahren, niemand hat mich erkannt. Ihr seid völlig egal.“

Wedel: Da würde ich gerne noch anschließen. Für Gehörlose ist das ein wichtiges Thema. Es fehlt oft an Verständnis. Und als ich auf die Gehörlosenschule kam, habe ich mich gefreut, dachte, ich treffe dort nur Gleichgesinnte. Irrtum. Ich war erschrocken darüber, wie diese Gleichgesinnten miteinander umgegangen sind. Alle hatten die selben Probleme, aber haben aufeinander herumgehackt: Man wird unterdrückt und gibt den Druck weiter.

Wie war die Erfahrung, dieses Stück zu machen?

Wedel: Es war ein Riesenkraftakt. Es ist wunderbar, mit den Kollegen zusammenzuarbeiten und jetzt zu spielen. Ich liebe es zu improvisieren, weil man hier frei mit dem Text umgehen, den Aufbau gestalten kann.

Schmidt: Ich fand es auch außergewöhnlich anstrengend. Wir mussten anfangs Wege finden, wie wir miteinander umgehen, wie wir uns Einsätze geben, wie wir die Eindrücke filtern. Ich habe viel über Kommunikation gelernt. Wir haben uns bestimmt ein Drittel der Zeit damit beschäftigt, wie wir miteinander kommunizieren. Das war eine gute Übung. Genau die Haken, die wir hier hatten, haben wir in der hörende Welt auch – wir merken es nur oft nicht mehr.

Mehr zu dem Stück finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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