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Kultur „Luther hat seinen Kopf hingehalten“
Nachrichten Kultur „Luther hat seinen Kopf hingehalten“
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00:15 27.03.2017
Vielseitig: Feridun Zaimoglu („Kanak Sprak“) hat einen faszinierenden Luther-Roman vorgelegt. Quelle: Handout
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Hannover

Gottesmann und Antisemit, Sprachschöpfer und Starrkopf – ein differenziertes Bild zeichnet der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu (52) in seinem jüngsten Roman „Evangelio“. Im Interview spricht Zaimoglu über die Auseinandersetzung mit dem Glauben und Selbstzerstörung durchs Schreiben.

Wir sind zusammengekommen, um über Ihren Beitrag zum Luther-Jahr zu sprechen – wenn „Evangelio“ das überhaupt ist.

Ich bin in den vergangenen Tagen oft gefragt worden, ob ich das Buch mit Blick auf das Jubiläumsjahr geschrieben habe. Das habe ich nicht. Wenn man es liest, wird man das schnell sehen. Es ist wirklich eine glückliche Fügung.

Es ist auch dazu angetan, die Partystimmung des Luther-Jahres ein wenig zu verderben.

Ja. Ich habe es nicht auf Provokation angelegt. Es geht um den Glauben; das habe ich sehr ernst genommen. Da hat es mich sehr gewundert, dass man jetzt ein Fest feiert. Nichts gegen Feste; die soll man feiern, wie sie kommen. Aber wenn man sich dabei auf jenen beruft, der diesen Glauben gestiftet hat, muss man den mal näher ins Auge fassen. Und hier beruft man sich auf ihn – vergisst aber, wer er war. Man macht aus ihm ein nettes Kräutermännlein.

Bei Ihnen schimpft er gleich bei der ersten Begegnung auf „Türck und Jud“, er ist ein Starrkopf und Fundamentalist. Dennoch wirkt es so, als würde er Ihnen auch Respekt abnötigen. Ist das so?

So ist das. Für mich ist er ein großer Deutscher, ein mutiger Gottesmann. Er hat seinen Kopf hingehalten für seinen Glauben. Man darf das nicht vergessen. Man darf aber auch nicht seine widerwärtigen Momente vergessen. Man darf ihn auch nicht hinstellen als Erfinder des Antijudaismus; er hat den Geist der alten Kirche studiert und gelebt. Man darf ihn nicht nur kritisieren; dann bleibt von ihm nichts übrig. Man darf ihn aber auch nicht über Gebühr loben; dann bleibt auch nichts von ihm übrig. Seine großartige Leistung – und die bleibt bis heute – ist seine Übersetzung der Bibel, die „Biblia Teutsch“.

Am Anfang ist das Wort, heißt es. Bei Ihnen aber ist am Ende das Wort – der Roman endet, als er sich hinsetzt, um zu schreiben. Wie kam es zu dieser Konstruktion? Wie kam es zu der Sprache des Romans? Und warum haben Sie sich für den Landsknecht Burkhard als Erzähler entschieden?

Zunächst: Sprachexperimentelle Artistik und Wortdrechseleien sind meine Sache nie geworden. Es braucht erst einmal die Geschichte. Es wird ja oft so getan, als habe Luther aus purer Langeweile auf der Wartburg die Bibel ins Deutsche zu übersetzen begonnen. Er aber hatte ein Anliegen; das war der Glaube. Die Heilige Schrift ist ihm die Erlösung gewesen. Mir ging es darum, all seine inneren Zerreißungen darzustellen. Und der fiktive Landsknecht Burkhard ist gar nicht so abwegig, das es ja dort reale Wärter gab, die eben nicht direkt beim Anblick des Fraters übergelaufen sind. Die blieben altgläubig und waren nur ihrem Fürsten gegenüber verpflichtet, Luther zu schützen. Dem bin ich treu geblieben. Ich habe es nur in meine Kunstsprache übersetzt.

Sie beschreiben eine Welt, die von Glaube gleichermaßen geprägt ist wie von Aberglaube. Warum war es Ihnen wichtig, das darzustellen?

Wir dürfen nicht in den Worten der Theologie und Sophisterei sprechen. Wir müssen in den Worten der armen Menschen spreche, für die Heiligen Schriften offenbart worden sind. Und der Aberglaube dieser einfachen Menschen, die Wind und Wetter ausgesetzt waren, die angefochten waren von Gewalt, Armut, Krankheit, half ihnen, ihre zutiefst menschliche Furcht zu dämpfen.

Wie haben Sie sich diese sehr spezifische Sprache, diesen Duktus angeeignet?

Ich zerstöre mich bei jedem Buch. Das klingt jetzt sehr dramatisch und gar nicht nach kühlem Schriftsteller. Schreiben kann ich nur, wenn ich mich auf die Geschichte einstimme, durch Ortsbegehungen der Schauplätze, durch Studien. Aber ich muss mich dem auch persönlich aussetzen. Ich mache zum Beispiel Gewaltmärsche; ich träume schlecht; ich schlafe wenig, habe mehr oder weniger gefastet. Meine Biografie und mein Alter interessieren mich dann nicht; ich muss mich da hineinbegeben, nicht als Gast, sondern wirklich hinein. Und erst dann, nach vielen Wochen und Monaten, kann ich mich einstimmen. Hinzu kommt meine unbändige Liebe für die deutsche Sprache und die deutschen Worte. Und: Ich bin kein Ironiekasper und nehme das christliche Element sehr ernst, bei aller kritischen Härte.

Am Ende steht nun ein Buch, das vorzulesen große Freude bereitet. Können Sie das bei Ihren Lesungen auch genießen?

Ja. Es ist nicht unanstrengend; nach der Lesung muss ich mir immer den Schweiß von der Stirn wischen. Aber es ist mir eine Freude, das Buch aufzuschlagen und daraus zu lesen.

Am 29. März liest Zaimoglu in Hannover aus seinem Roman: ab 19.30 Uhr im Literaturhaus (Sophienstraße 2). Der Eintritt kostet zehn, ermäßigt sechs Euro.

Von Stefan Gohlisch

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