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Irritation im Alltag: Katja Brunner schreibt  auf, was am Kröpcke passiert.

Irritation im Alltag: Katja Brunner schreibt auf, was am Kröpcke passiert. © Foto: Heidrich

Kunstaktion

Literatur live im U-Bahnhof Kröpcke

Irritation als Prinzip: Das Schauspielhaus veranstaltet mit vier Dramatikern im U-Bahnhof Kröpcke die Kunstaktion „Sometimes I Think, I Can See You“. Hier werden Passanten zu Zuschauern und Figuren.

Hannover. Die junge Frau ist sichtlich irritiert. Sie steht in der U-Bahnstation Kröpcke und versucht, ein Buch zu lesen. Sie wird aber abgelenkt von der Leinwand ihr gegenüber: Auf der schreibt jemand über eine junge Frau, die in der U-Bahnstation Kröpcke steht und versucht, ein Buch zu lesen. Es ist tatsächlich sie gemeint. Irritation im Alltag – denn die junge Frau ist unwillentlich Teil einer Kunstaktion geworden, die am Mittwochabend startete.

„Sometimes I Think, I Can See You“ heißt das Projekt des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti: Manchmal denke ich, ich kann dich sehen – wobei das englische „to see“ auch mehr bedeuten kann, „erkennen“ zum Beispiel oder auch "sich vorstellen“, was den Kern der Idee besser beschriebt: Theaterautoren sitzen im öffentlichen Raum, beobachten, was um sie herum passiert, spinnen es weiter und schreiben es in ihren Laptop, der mit einer Projektionsfläche verbunden ist. Live entsteht so etwas wie Literatur, ein Bühnenstück des Lebens, zu lesen für alle Anwesenden, nicht zuletzt diejenigen, um die es gerade geht.

Das Schauspielhaus hat das Konzept, das Pensotti bereits in Berlin, Buenos Aires, Brüssel, Zürich und Warschau realisierte, nach Hannover geholt, als Beitrag zur Mega-Schau „Made in Germany Drei“, die dieses Jahr passenderweise unter dem Motto „Produktion“. Hier kann man beobachten, wie Gedanken, Sätze, Assoziationen produziert werden.

In Hannover sind als Autoren dabei der Lindener Hartmut El Kurdi, der aus Gehrden stammende Wahl-Berliner Jakob Nolte, die Schweizerin Katja Brunner und die aktuelle KleistFörderpreisträgerin Franziska vom Heede aus Hamburg, deren Gewinnerstück „Tod für eins achtzig Geld“ diesen Monat in Hannover Premiere hat. Sie nehmen Platz auf den Stuhlreihen der Station, dort, wo die Linien 4, 5, 6, und 11 fahren, und bespielen jeweils eine Leinwand des Fahrgastfernsehens – das Unternehmen unterstützt die Aktion ebenso wie die Üstra.

„Die erste bunte Bahn fährt ein. Donnerstagabend“, schreibt El Kurdi an diesem Mittwochabend, ein wenig seiner Zeit voraus: „Das Wochende des kleinen Mannes“. Tippfehler gehören dazu, für längere Überlegungen ist kein Platz. „Es ist anstrengend wie ein marathonlauf“, wird vom Heede hinterher erzählen: „Man kann nicht nachdenken; zwischen Denken und Schreiben ist kein Platz mehr.“ Es geht direkt von der Beobachtung von der Behauptung zum Spiel.

Eines, das die Umwelt direkt und unvermittelt einbezieht. Brunner reiht eine Beobachtung an die andere, vom Heede leistet sich längere Gedankenströme, Nolte treibt Schabernack und verkündet, dass alle Menschen ohne Socken keinen Fahrschein brauchen, während El Kurdi sinniert: „Zuschauer oder Passanten? Das ist die Frage. Kann man das überhaupt unterscheiden?“ Kann man nicht. Zum Vergnügen der Anwesenden.

Weitere Termine: 31. August, 20 Uhr, 1. September, 20 Uhr, 2. September 17 Uhr, jeweils für zwei Stunden.

Von Stefan Gohlisch


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