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Kultur Liebesleid und Wodka-Party: Eugen Onegin in der Staatsoper
Nachrichten Kultur Liebesleid und Wodka-Party: Eugen Onegin in der Staatsoper
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00:16 18.04.2013
SINGEN MIT WODKA (v.li.):Tatjana (Sara Eterno), Olga (Julie-Marie Sundal), Lenski (Philipp Heo) und Eugen Onegin (Adam Kim). Quelle: Landsberg
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Hannover

Ja, sind wir denn hier auf einer Kolchose? Verdiente Landarbeiter und ordensgeschmückte Veteranen aus dem Großen Vaterländischen Krieg feiern in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ mit reichlich Wodka. Regisseur Ingo Kerkhof hat der russischen Edeloper allen Zarismus ausgetrieben und Raum geschaffen für Liebe, Leid und vor allem Musik. Das geht super auf, das Premierenpublikum war jedenfalls heftig begeistert.

Das Bühnenbild wird vom „Weniger ist mehr“ beherrscht. Eine Gartenschaukel, ein großergrauer Quader als Spielfläche, ein paar Klapptische - fertig ist der herrschaftliche Landsitz. Die Kargheit fällt nach wenigen Minuten schon nicht mehr auf, sie verwandelt sich im Laufe der Oper wohltuend in ein Nirgendwo, in dem nichts mehr von den Emotionen ablenkt - und davon hat Tschaikowskys Oper reichlich.

Wie in der berühmten „Brief-Arie“ der Tatjana, die zu den schönsten der gesamten Operngeschichte gehört. Sara Eterno singt sie hier mit stimmlichem Schmelz, klarer Höhe und bester Phrasierung. Schöner Regieeinfall: Plötzlich taucht Eugen Onegin aus dem Dunkel auf, nichts von den so geheimen Gefühlen bleibt ihm verborgen. Ähnlich dezent ist die Duellszene gehalten, kein großes Drumherum, der Gegner wird einfach abgeknallt.

Nach der Pause ist das postsowjetische Zeitalter angebrochen: Die große Ballszene im dritten Akt, in der sonst gern gezeigt wird, welchen riesigen Kronleuchter der Fundus zu bieten hat, wird hier wunderbar auf kalte, schwarzweiße Neureichenpracht reduziert - so feiern die Oligarchen mit Champagner (Veuve Clicquot) ein wenig gelangweilt die Gegenwart. Der Fürst Gremin (ShavlegArmasi), an den Tatjana mittlerweile geraten ist, ist eine Art singender Abramowitsch. Aber sie liebt Eugen Onegin - eine Liebe, die auf ewig unerfüllt bleiben wird. Am Ende pure Verzweiflung, Licht aus, Bühne dunkel - und nach kurzer Erschütterungspause minutenlanger, selten heftiger Beifall mit vielen Bravos für die Sänger - allen voran für die überragende Sara Eterno, deren „Brief-Arie“ allein schon den Besuch lohnt.

Walzer, Polonäse und Ballszene haben den nötigen Esprit: Fabelhaft an diesem Abend ist auch das Orchester, das Dirigent Ivan Repusic zu vergleichsweise sehr lebhaften Tempi animiert, einen differenzierten kammermusikalischen Grundklang ohne sinfonisches Blechgeschmetter anstrebt - und aus dem sonst so melancholischen Melodram eine packende Novelle, ein bürgerliches Seelendrama macht.

Was von den Sängern nachhaltig mitgetragen wird. Philipp Heo singt den Lenski hell timbriert mit der nötigen Leidensfähigkeit. Passend auch das Porträt Eugen Onegins von Adam Kim, der die Blasiertheit hinter Kraft und Stimmstärke versteckt und der Rolle auch einen kräftigen Schuss Eleganz und Verführung mitgibt.

Klar, ein paar Buhs - manchem ist das alles dann doch wohl ein bisschen zu wenig zaristisch - bekommt das Regieteam ab, die aber schnell im Jubel verschwinden.

Bewertung: 5/5

URAUFFÜHRUNG

Häufig wird Tschaikowskys „Eugen Onegin“ als große Oper missverstanden und musikalisch so dirigiert, als wenn es um Verdi ginge. Dabei hat Tschaikowsky die Vertonung des Puschkin-Textes von Anfang an als eine Art Kammeroper angelegt. Wie bei der Uraufführung 1897: Sie wurde damals in Moskau eben nicht am Bolschoi gezeigt, sondern am kleineren Maly-Theater – aufgeführt von Schülern des Konservatoriums mit vergleichsweise klein besetztem Orchester.

In der Sowjetzeit vor allem wanderte „Eugen Onegin“ ans Bolschoi – und begründete die Tradition, die Oper als aufgedonnerten Schicksalsschinken aufzuführen.

Die beste Einspielung ist immer noch die von Georg Solti (auf Decca) vom Ende der 70er Jahre: durchsichtig, zügig, dramatisch – mit tollen Sängern.

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