Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Kulturfiliale und Schauspiel: Premiere im Bornumer Holz
Nachrichten Kultur Kulturfiliale und Schauspiel: Premiere im Bornumer Holz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:40 06.09.2010
Anweisungen zum Zwiebel-Verbuddeln. Foto: Ribbe

VON EVELYN BEYER

HANNOVER. Bei Johann ists klasse. Die Fette Henne blüht fett, die Kohlrabi sind kopfgroß. Vor allem aber präsentiert der Herr des Gartens seine Prunkstücke mit so schlichtem Stolz, dass er den Theaterrummel mühelos aussticht.

Die Gruppe Kulturfiliale und das Schauspiel Hannover laden ins Bornumer Holz, auf Erholungstour „from our daily struggle in the concrete jungle“, vom täglichen Kampf im Betonjungle, wie „Barbie“ (Katharina Uhland) ins Mikrofon plappert. Sie und „Phil“ Philippe Goos stellen sich als „Green Guides“ von „Green Works“ vor, im Bus gehts los, da sollen alle, „Ihr Lieben“, stumm aus dem Fenster schauen, den Alltag vergessen. Dazu ein Prosecco in Dosen.

„Was der Mond aufgeht. Wie ein blutig Eisen“, der Stücktitel, ein Zitat von Georg Büchner, klingt verheißungsvoll. Bei der Premiere geht die Sonne unter, rosa Wölkchenidylle, und der Mord, der das Stück inspirierte, verschwand längst daraus. Es geht um Flucht vom Alltagsstress und ums Gutmenschentum, vor allem um ihre Vermarktung. Die „Green Works“-Crew besteht aus wandelnden Smileys, Duzen ist Pflicht, man ruft „Gut Grün!“, und „Ihr Lieben“, riecht mal tiiiiieeef am Busch.
Armbändchen, „Vouchers“ für Getränke: der ganze Irrsinn neumodischer Gruppenverarbeitung. Anfangs entflieht man dem, streift durch die Gärten, wobei der ausgeteilte Plan animiert, „Attraktionen“ abzuklappern: Baumumarmen bei „Feel Healthy!“, Wunderkerzen im Feengarten, Tee zu politisch unkorrektem Tratsch bei Susanne, das traurige Bild eines verlassenen Dreirads an den Bahnschienen, wo ein Sechsjähriger umkam. Schön die authentischen Gärten, außer Johann noch Detlef, der locker zum Pflaumenklau bittet.

Später treiben die „Guides“ blaugelb stöckelnd alle zum Treffpunkt, zu Bratwurst und Bier, jeder auf einem Beetchen für sich. Jetzt, so denkt man, trotz Decke fröstelnd, wird etwas passieren, vielleicht doch der Mord. Phil zitiert Moritz Schreber, „klingt wie Scientology“, sagt einer, preist Greenworks, könnte auch Scientology sein, die blaugelben Damen singen „Sag mir, wo die Blumen sind“ und alle buddeln eine Zwiebel in ihr Beet. Natürlich gehorcht man Phils Kommando, was soll man sonst tun, im Theater. Wärs Realität, man wär wohl längst weg.

Dann gehen die Gartenlichter aus, Finsternis, wieder Hoffnung auf den Clou. Doch es geht nur per Strahler zur Straßenbahn. Zurück gibts keinen Bus, keinen Prosecco. Und über Gruppenanimation, Wellness- und Gutmenschen-Business denken wir, was wir schon immer darüber dachten. So nett die Gärten und Gärtner sind (fünf-Sterne-rausgeputzt!), so kurz greift diese Produktion.
Täglich bis 10. September.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Des einen Tod, der and’ren Freud. Drei Frauen unterlassen in der Komödie „Kaltgestellt“ die Hilfeleistung am Gatten.

06.09.2010

Lauf mit Hindernis: 40 hannoversche Atelierhäuser, Galerien und Kunsträume haben an diesem Wochenende zum 13. Zinnober-Kunstvolkslauf eingeladen.

Johanna Di Blasi 06.09.2010

Die Frauen sind im Kommen. Das ist die Botschaft der Komödie „Potiche“ von François Ozon. Catherine Deneuve, gefeierter Star dieses Wettbewerbsbeitrags bei den Filmfestspielen von Venedig, ist schon lange ganz oben. Der Lido lag ihr zu Füßen.

05.09.2010