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Kultur Künstlerdorf Worpswede kann für 9 Millionen Euro renovieren
Nachrichten Kultur Künstlerdorf Worpswede kann für 9 Millionen Euro renovieren
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22:24 05.08.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Idyll mit Perspektive: Das Heinrich-Vogeler-Museum im Barkenhoff im Künstlerdorf Worpswede. Quelle: ap

Wer mit dem Auto anreist, weiß gleich, woran er ist: „Staatlich anerkannter Erholungsort“ steht auf den weißen Blechschildern unter dem Ortsschild „Worpswede“. Aber natürlich ist es falsch, mit dem Auto zu kommen. Dann schleicht man am Wochenende über die „Bergstraße“, vorbei an meist grauhaarigen Touristen, die sich auf den schmalen Bürgersteigen drängen. Man landet auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz im Zentrum und hat schon den falschen Eindruck.

Worpswede, das Künstlerdorf im Teufelsmoor, muss man anders erreichen. Vielleicht mit dem Paddelboot über die Hamme, diesen träumerisch sich durch Wiesen windenden Moorfluss. Da sieht man den weiten Himmel, der die Künstler, die Anfang des vorigen Jahrhunderts hier eine der ersten deutschen Künstlerkolonien gegründet haben, so fasziniert hat. Oder man kommt mit dem Moor­express. Am Bahnhof Osterholz-Scharmbeck kann man vom Regionalexpress aus umsteigen. Der knatternde Schienenbus schaukelt einen über ein altes Gleis am Teufelsmoor vorbei, am Worpsweder Bahnhof steigt man aus. Heinrich Vogeler hat ihn gestaltet, es gibt noch einen „Wartesaal dritter Klasse“. Und dann? Weiß man vielleicht nicht recht, wie weiter. Große Kunstschau? Barkenhoff? Worpsweder Kunsthalle? Oder einfach nur durch den Ort bummeln, an den Krimskramsläden vorbei und den Modeboutiquen für die Dame ab 50?

Worpswede ist ein Touristenort. Was ihm in den letzten Jahren ein bisschen fehlte, waren Touristen. Die Zahl der Tagesgäste und der Übernachtungen? Stefan Schwenke, seit fast zehn Jahren Bürgermeister der Gemeinde, zeigt mit der Hand schräg nach unten. Er erzählt etwas von „Sinuskurven“ und dass das ja nicht so bleiben müsse, aber dann sagt er doch: „leichter Rückgang“.

Wobei sich das nun ändern soll. Aus dem leichten Rückgang soll ein stetiger Aufwärtstrend werden. Denn Worpswede folgt ab jetzt einem „Masterplan“: Neun Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren ins Dorf kommen, das meiste davon (6,3 Millionen) sind Mittel aus dem Europäischen Fonds der Regionalförderung. Weil Kultur und Tourismus hier Hand in Hand gehen, läuft die Vergabe über zwei niedersächsische Ministerien, dem für Wirtschaft und dem für Kultur.Niedersachsens Kulturministerin Johanna Wanka ist gestern nach Worpswede gekommen, um das Projekt „Masterplan Worpswede“ vorzustellen: Es wird einen Verbund aus den vier bisher unabhängig arbeitenden Museen geben – und allerorten wird renoviert und saniert.

Wanka ist natürlich mit dem Auto vorgefahren. Erste Station: das Haus im Schluh. 1920 wurde es von Heinrich Vogelers erster Ehefrau Martha gegründet. Mit ihren drei Töchtern Mieke, Bettina und Mascha hat sie sich hier im sumpfigen Gelände, das sie für 900 Mark erwarb, eine Art eigener Kommune aufgebaut. Hier kann man sehen, dass der Masterplan schon zu wirken begonnen hat. Denn eines der Häuser aus dem weitläufigen Ensemble hat vor einer Woche sein Reetdach verloren. „Reitdach“, sagt Berit Müller, eine Urenkelin von Martha und Heinrich Vogeler. Das Haus im Schluh ist ein Familienbetrieb, man bietet Übernachtungen an und Webkurse, Berit Müller gehört zum Leitungsteam.

Die Ministerin wundert sich, „Reitdach“ habe sie noch nie gehört, sie sage immer „Reetdach“. Das sei Mundart, sagt die Urenkelin, eine kleine Frau mit selbstbewusst festem Händedruck. Bei der nächsten Station ihrer Worpswede-Tour wird die Ministerin dann „Reitdach“ sagen. Ob viele Besucher ins Haus im Schluh kommen? Berit Müller zuckt mit den Schultern. Sie sagt: „Wie man’s nimmt“ und „Wir liegen ja auch etwas außerhalb des Ortskerns“.

Auch der Barkenhoff liegt etwas außerhalb des Ortskerns. Aber hier sind Touristen. Knut Ellevold ist aus Lillehammer angereist. Zusammen mit seiner Frau hat er eine Woche Bremen gebucht, da ist ein Worpswede-Ausflug natürlich Pflicht. Der Gast aus Norwegen ist recht angetan von der Kunst im Barkenhoff, faszinierend findet er Vogelers Interesse an Moskau und am Kommunismus. Die politische Stimmung damals in Worpswede erinnert ihn an Norwegen heute, sagt er. Gleich will er weiter zur Kunsthalle. Auf solche Gäste wartet man im Künstlerdorf.

Im Garten des Barkenhoffs haben sich Schauspieler niedergelassen. Die „Cosmos Factory“ macht hier im Sommer Freilufttheater. Eine schönere Bühne findet man in Niedersachsen kaum: Ein kleiner See mit Insel und Ufer ist die Spielfläche, dahinter sieht man den berühmten Barkenhoff. Auch die Theaterleute profitieren ein bisschen vom Masterplan: Der Theatersee soll demnächst ausgebaggert werden. In diesem Jahr spielen die Cosmos-Künstler „Berge der Utopie – Künstler, Kolonien, Kommunen – Aufbrüche zwischen Weyerberg und Monte Verità“.

Dieser Mythos vom Aufbruch, vom Andersleben ist noch gegenwärtig in Worpswede, jedenfalls bei den Künstlern. Der Maler Markus Landt hat sich vor zehn Jahren für Worpswede entschieden. Jetzt lebt er mit seiner Frau und seinem Bruder in einer Art Künstlerkollektiv im Dorf. Worpswede, sagt er, böte die Chance, Leben und Arbeit und Gemeinschaft neu zu denken. Die Großstadt interessiere ihn nicht, aber Worpswede? Das sei weder Stadt noch Dorf. Und der Weyerberg mitten im platten Land, das hätte doch etwas Magisches: „Ein bisschen Avalon.“

Die Landt-Künstler sind in der Minderheit. 150 Künstler leben in Worpswede, sagt Bürgermeister Schwenke. Das Durchschnittsalter hat er nicht errechnen lassen – aber es dürfte recht hoch liegen. Waldemar Otto, der Bildhauer, ist weit über achtzig, seine Kollegen Jörg Splettstößer und Heini Linkshänder gehören auch nicht gerade zur jungen Garde. Aber durch den Masterplan soll sich das Künstlerdorf verjüngen. „Für uns ist das eine Chance“, sagt Bürgermeister Schwenke, „wir wollen kein Museumsdorf sein, sondern ein lebendiges Künstlerdorf.“

Eine Entscheidung traf das Dorf besonders hart. Lutz Stratmann, der Vorgänger von Wanka, hat die Künstlerförderung in Worpswede gestoppt, die Künstlerstipendien des Landes sollten nach Lüneburg, nicht mehr nach Worpswede gehen. Seine Nachfolgerin rudert jetzt ein bisschen zurück: „Wir stellen den Künstlern frei, wo sie wohnen wollen, und wir hoffen, dass sich viele für Worpswede entscheiden.“ Außerdem werde das Land weiterhin die Bewirtschaftung der Worpsweder Atelierhäuser übernehmen, und eine Sommerakademie für junge Künstler werde vom Land auch gefördert. Ansonsten gelte: Allein der Umstand, dass sich jemand über wegbrechende Förderung beschwert, ist kein Grund für weitere Förderung: „Klagemauern finanzieren wir nicht.“

Aber in Worpswede klagt auch keiner mehr, man blickt vielmehr nach vorn. Ein Museumsverbund wurde gegründet, mit einem Geschäftsführer und einer künstlerischen Leitern. Sabine Schlenker hat an der Kunsthalle Emden volontiert, dann bei David Nash in Wales gearbeitet. Jetzt soll sie die Zusammenarbeit der Worpsweder Museen voranbringen. Ein wichtiges Projekt ist schon geplant: 2012 soll es eine große Heinrich-Vogeler-Ausstellung geben. Bürgermeister Schwenke hofft, dass dann die Sinuskurve der Besucherzahlen – er macht eine Handbewegung – wieder schräg nach oben zeigt. Im Jahr 2007, als es in Worpswede die große Paula- Modersohn-Becker-Ausstellung gab, hat es schließlich auch geklappt: 30 Prozent mehr Übernachtungen. Man freut sich auf den Masterplan – und dann soll sich die Ministerin doch bitte noch ins Goldene Buch der Stadt eintragen: „Nur den Namen?“, fragt die Ministerin, „keinen Spruch.“ Und die letzten beide Worte klingen gar nicht wie eine Frage.

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