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Kultur Kanada-Rocker Arcade Fire mit neuem Album The Suburbs
Nachrichten Kultur Kanada-Rocker Arcade Fire mit neuem Album The Suburbs
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11:02 02.08.2010
Neues Album: Arcade Fire. Quelle: Jörg-Martin Schulze
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VON MATTHIAS HALBIG

Hannover. Man kennt das Erschrecken darüber, zu lange weg gewesen zu sein von den Wurzeln. Die Konditorei mit dem selbst gemachten Eis ist abgerissen. In dem Geschäft, in dem früher der Duft von Plastikindianern und Matchbox-Autos in der Luft lag, verkauft jetzt jemand Blumen. Und der alte Friedhof, auf dessen Mauer man als Kind barfuß entlang tanzte, stets in Angst, eine Knochenhand könne gleich zur Bestrafung aus dem Grabe fahren, trägt nur noch ein marmornes Denkmal – stillgelegt, es gibt jetzt einen neuen, außerhalb.

Die Musiker der in Montreal ansässigen Band Arcade Fire hatten ähnliche Erlebnisse, als sie die Vorstädte ihrer Kindheit besuchten. Die Siedlungen ihrer Erinnerungen gabs nur noch auf alten Postkarten. „Ich versuchte mich zu erinnern, wie die Stadt war, in der wir aufwuchsen“, sagt der gebürtige Texaner Win Butler, Sänger der Band, „und versuchte, soviel davon aufzuspüren wie möglich.“

Als alle wieder zusammen waren, kam der Song „The Suburbs“ wie von selbst und alle Sieben hatten schnell das erleichternde Gefühl an einem neuen Album zu arbeiten. Ein vermisstes Gefühl. Nach dem Vorgänger „Neon Bible“ (2007) herrschte Unsicherheit, war es für die sieben Musiker nicht einfach gewesen, das Selbstverständnis eines kleinen Musizierkreises aus Freunden in Einklang zu bringen mit den an sie herangetragenen Erwartungen, die nächste größte Band der Welt zu sein. Plötzlich waren Arcade Fire die U2 des Indierock und überall hörte man ihre Songs. Im Trailer zu Spike Jonzes Film „Wo die wilden Kerle wohnen“ tönte ihr „Wake Up“, die Operndiva Renée Fleming nahm „Intervention“ auf, das Donner-&-Doria-Stück mit dem Auftritt einer echten Kirchenorgel.

Jeder schwärmte plötzlich von der Kraft und Kreativität, den Melodien, Arrangements und der Ernsthaftigkeit. Große Kollegen klopften auf die Schultern der Neuen, Springsteen und Bono traten mit ihnen auf, Arcade Fire waren platt. „Wir haben immer noch so getan, als wären wir eine kleine Band“, sagte der 30jährige Butler jüngst dem Musikexpress.

Jetzt ist Schluss mit der Scheu. Die Größe wird angenommen, und die neuen Lieder über Städte ohne Kinder, vergeudete Zeit, verschränkte Arme, über vergangene und kommende Generationen, über den Umgang mit Verantwortung, über das schwierige Erwachsensein, und über die Hoffnung „etwas Reines möge bleiben“ (in „We used to wait“) sind erneut von opulenter Architektur. Mit dem Titelsong „The Suburbs“ beginnt das Album noch recht schlicht, ein Saloonpiano schaukelt angeschickert, Butlers Stimme kommt leise, vernuscheltes Falsett. Aber bald schon ereilt uns die gewohnt vielseitige und detailpralle Klangmacht: Streicher und Konsorten in „Rococo“ und (noch viel barocker) in „Empty Room“, eine byrdige Jingle-Jangle-Gitarre in „Suburban War“, das dann wieder ganz kathedralisch endet.

Zwischendrin „Wasted Hours“ – Klampfe, Uuuh-la-la-Gesang von Butlers Ehefrau Régine Chassagne, eine Country-&-Western-Anmutung. Mit „Deep Blue“ scheinbar gleich noch eine. Von wegen! Gleich wird wieder aufgeschichtet, hochgetürmt. Mit „Sprawl II“ (gesungen von Chassagne im Aneka-Stil) gibts sogar discotaugliche Electronica. Der Hörer am Ende: erschlagen, aber glücklich. Was `ne Platte!

Alles auf diesem Album hat Pop-Appeal, aber nichts sei kalkuliert aufgepopt worden, versichert Butler. Die Plattenfirma redet ihnen nicht rein, Arcade Fire machen acht Jahre nach ihrer Gründung nur, was sie wollen: unvergessliche Musik. Und wer nach langer Zeit wieder mal ins Ungewisse der Heimat zurückkehrt, sollte „The Suburbs“ im Reisesoundtrack haben. Man ist einfach besser vorbereitet.
Arcade Fire „The Suburbs“ (City Slang)

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