Navigation:

Retro: (von links) Christoph „Tiger“ Bartelt, Christoph „Lupus“ Lindemann und Simon „Dragon“ Bouteloup sind Kadavar.© Joe Dilworth

|
Interview

Kadavar sind die neue Retrorock-Sensation

Es begann als Hobbyprojekt und wurde zu einem weltweiten Erfolg: Kadavar aus Berlin machen Rock der ganz alten Schule. Wir sprachen mit Schlagzeuger Christoph „Tiger“ Bartelt über Nostalgie, harte Zeiten und den Heavy Metal der Beatles.

Hannover. Zurück in die Zukunft: Das Trio Kadavar aus Berlin gilt als die neue Retrorock-Sensation. Vor ihrem Hannover-Auftritt am Mittwoch sprachen wir mit Schlagzeuger Christoph „Tiger“ Bartelt.

Das kleine Kadavar-Baby ist groß geworden, die Resonanz auf das neue Album „Rough Times“ kommt aus aller Welt. War das erwartbar?

Ich hatte vorher schon zwei Bands. Die kamen so aus der Noiserock-, Hardcore-, Punk-Ecke. Bei denen hatte ich mir ausgerechnet, dass man auch mal in Europa spielen könnte, wenn auch in kleinem Rahmen. Wir hatten zwar voll Bock, auf das, was wir mit Kadavar machen, gingen aber davon aus, dass es viele Leute kacke finden würden. Oft dachten wir – und haben es auch ausgesprochen: „Damit werden wir niemals erfolgreich.“

Nun ist es anders gekommen, wie generell Retrorock boomt, Haben Sie einer Erklärung dafür?

Man merkt den Zeitgeist ja nicht nur bei der Musik, sondern zum Beispiel auch beim Essen: dass das Handgemachte, das nicht Digitale kommt, weil man einen Gegenpunkt dazu sucht. Es ist jetzt vielleicht die erste Retrowelle, seit sich die Rockmusik formiert hat vor 40 Jahren, aber es wird mit Sicherheit nicht die letzte bleiben. Das wird eine klassische Musikform werden wie der Blues. Wenn ich irgendwann mal alt bin ...

... wird Kadavar konzertant aufgeführt.

Vielleicht. Aber wahrscheinlich gibt es dann wieder so eine Welle. Oder es hat sich ein kontinuierliches Interesse dafür herausgebildet.

Diese Sehnsucht nach dem Handgemachten – war die bei Ihnen auch ein ausschlaggebender Punkt?

Auf jeden Fall. Nachdem ich in Berlin angefangen habe, mit Bands aufzunehmen und mich mit modernen Produktionsmethoden auseinandergesetzt habe, ist mir eingefallen, dass sich Musiker immer mehr auf die Technik verlassen haben. Alles, was nicht perfekt genug war, musste weg – gerade bei deutschen Musikern; vielleicht ist da ja typisch deutsch.

Auch bei Musikern?

Ja, natürlich, da können wir uns nicht ausnehmen. Aber um den Gedanken zu Ende zu bringen: Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das selber nicht so machen möchte. Ich habe zum Beispiel analysiert: Warum sind die Beatles-Aufnahmen so großartig? Weil sie in kurzer Zeit etwas machen musste, was den Leuten gefiel. Und wenn du das nicht schafftest, warst du einfach nicht gut genug.

Wobei gerade die späteren Beatles die Experimente im Studio auf die Spitze trieben.

Das stimmt, insofern hinkt das Beispiel vielleicht. Trotzdem findet man so viel Charakter auf den Spuren: Man hört, dass da Paul McCartney am Bass spielt oder George Harrison an der Gitarre. Und Ringo? Ist eigentlich auch ein Paradebeispiel, weil er weit davon entfernt war, ein technisch versierter Drummer zu sein. Aber er hatte ungemein viel Charakter. Das fand ich faszinierend. Wir wollten einfach ein bisschen dagegen sein. Es war ein bisschen mit Stinkefinger.

Darum haben Sie jetzt „Helter Skelter“ aufgenommen?

Ich bin der große Beatles-Fan in der Band. „Helter Skelter“ gilt als der erste Heavy-Metal-Song der Geschichte. Viele denken, dass wir den deswegen aufgenommen haben. Ich fand faszinierend, wie schäbig der aufgenommen ist; da ist alles daneben. Und wir wollten zusehen, dass wir das genauso dreckig und daneben hinkriegen. Ich habe mich tatsächlich angestrengt, schlecht zu spielen.

Wie waren generell die Album-Aufnahmen? Waren es „Rough Times“?

Als wir angefangen haben, Songs zu schreiben, hatten wir zwei Monate harte körperliche Arbeit hinter uns, mit dem Studiobau, und mussten auf kreative Arbeit umswitchen. Es hat mich schon die ersten Tage mit Wut und Frustration erfüllt, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht richtig funktioniere. Da wurde der Druck sehr spürbar. Das hat mich an meine Grenzen gebracht. Aber manchmal braucht man einen kleinen Tiefpunkt, den man durchschreiten muss. Denn als wir die ersten Songs hatten, war es wie bei den anderen Alben auch: dass es richtig viel Spaß machte, dass man viele Erfolgserlebnisse hatte und gemerkt hat, wie sich die Sachen konkretisieren. Als es zu den Aufnahmen ging, war klar, dass wir die Songs alle sehr mögen. Und der Rest war unkompliziert. Wir hatten uns auch dafür entschieden, dass wir jeweils nur drei Takes aufnehmen.

Gilt das mit den Tiefpunkten auch für unsere Welt, über die Kadavar ja bei allem Vintage-Sound singt?

Wir sind auf jeden Fall in rough Times. Aber irgendwie sind wir das immer. Unsere Zeit kennzeichnet allerdings, dass die Vorzeichen nicht immer klar sind. Es ist nicht mehr ganz einfach, richtig und falsch zu verorten. Ich habe das Gefühl, dass unsere Eltern da eine größere Sicherheit hatten.

Ist Musik für Sie die Möglichkeit, Dinge zu kanalisieren und zu verarbeiten?

Ich kenne nichts Anderes, was mir so sehr dabei hilft, mich wohl zu fühlen und mich zurechtzufinden. Außerdem ist Musik ein verbindendes Element in einer Welt voller Spaltungen. Wir haben in so vielen Ländern gespielt. Man trifft auf gastfreundliche Leute, man bringt Leute zusammen – und sei es für einen Abend. Musik kann das. Politik gelingt das nicht so gut.

Kadavar spielen am 8. November im Capitol. Karten (25,90 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Kümmern Sie sich schon um Ihre Weihnachtseinkäufe?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie