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Kultur Junges Schauspiel feiert zehnten Geburtstag
Nachrichten Kultur Junges Schauspiel feiert zehnten Geburtstag
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14:20 31.05.2018
Hat viel Schönes dabei: Barbara Kantel, Leiterin des Jungen Schauspiels. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Zehn Jahre jung und ganz schön frühreif: Hannovers Junges Schauspiel feiert zehnten Geburtstag. Darüber sprachen wir mit der heutigen Leiterin Barbara Kantel, die auch schon am Anfang dabei war.

Als es vor zehn Jahren losging mit dem Jungen Schauspiel: Was waren die Hoffnungen?

Die Idee war, dem, was es im Schauspiel schon seit einigen Jahren gab, nämlich die Arbeit mit jungen Leuten und für junge Leute, einen öffentlichen Raum zu geben: Partizipation, Teilhabe und Diversität waren die Stichworte. Als ich nach Hannover kam, gab es freies Kindertheater. Jugendtheater wurde nur ab und zu von der freien Szenegemacht. Ich dachte damals – und Wilfried Schulz tat es wohl auch –, dass Theater ein guter Ort ist, um mit jungen Leute an Utopien zu arbeiten.

Und das klappte?

Wilfried Schulz hatte ein gutes Händchen, die verschiedenen Leute mit ins Boot zu holen, Land, Stadt und Region mit ihren Töchtern wie Enercity und die Sparkasse zum Beispiel, aber auch zusätzliche Partner – es ging um die finanzielle Absicherung dieses Projekts. Gerade Enercity ist über einen längeren Zeitraum mit einem großen Betrag reingegangen. Die haben sich aber irgendwann verabschiedet, weil sie keine institutionelle Förderung machen können – wie andere Partner auch, ohne dass Stadt oder Region für einen Ersatz gesorgt hätten. Das hinterließ ein Riesenloch.

Wie hat es sich entwickelt?

Wir haben mit vier Produktionen in der ersten Spielzeit begonnen, plus noch einmal der selben Zahl partizipatorischer Projekte. Mittlerweile sind wir bei sechs bis sieben Produktionen, und auch die Zahl partizipatorischer Projekte ist nicht geringer geworden. Damals gab es fünf Jugendclubs; heute sind es zehn ... Uns war beides wichtig: Stand-und Spielbein, in der Hoffnung, dass sich das gegenseitig befruchtet.

Und? Klappt es?

In dem Moment, in dem junge Menschen am Schauspiel arbeiten, werden neue Perspektiven eröffnet. Dadurch hoffen wir, dass deren Sicht auf die Welt uns neue künstlerische Impulse gibt. Anfangs hatte das Junge Schauspiel ein eigenes Ensemble gegründet; die erste künstlerische Leiterin, Heidelinde Leutgöb sowie Wilfried Schulz wollten das so. Dadurch war das junge Haus anfangs ein wenig abgekoppelt.

Das hat Lars-Ole Walburg geändert.

Ich persönlich liebe das integrierte Ensemble, das wir heute haben: 1. weil ich glaube, dass es einen ganz anderen Stand hat und ganz anders mitgedacht werden muss, 2. weil es auch für Schauspieler und Regisseure

interessant ist, für unterschiedliche „Publikümer“ zu arbeiten, 3. weil es Schauspieler und ihre Entwicklungsmöglichkeiten einengt, wenn sie nur das eine oder das andere machen.

Wie unterscheidet sich das denn?

Schauspieler, die zuvor nur für ein erwachsenes Publikum gespielt haben, sagen mir: „Das ist eine ganz neue Erfahrung. Die Reaktionen sind intensiver. Aber ich habe ich auch Vorurteile abgebaut: Ich muss gar nicht so viel draufhauen, wie ich dachte, dass ich es müsste.“ Natürlich kann auch junges Publikum sehr feine Töne akzeptieren. Das freut mich sehr. Ich gebe aber auch zu: Ein entscheidendes Problem bei einem solchen integrierten Ensemble ist die Disposition. In Hannover geht es sogar noch, weil wir kaum vormittags spielen, dadurch dass wir kein Kindertheater machen.

Wie unterscheidet sich denn überhaupt das Publikum des Jungen Schauspiels von dem des großen Hauses?

Das ist schon unterschiedlich – bei den Premieren nicht. Da haben wir extra schon immer eine Premierenklasse, damit überhaupt junges Publikum da ist. Es kommen durchaus Erwachsene ins Junge Schauspiel. Aber es gibt beim jungen Publikum eine Barriere, ins große Haus zu kommen. Daran müssen wir in Zukunft weiter arbeiten.

Woran liegt es?

Die meisten kommen über die Schule; es ist auch nicht einfach, sie jenseits davon anzusprechen. Dadurch verlieren wir allein schon diejenigen, die nach der zehnten Klasse aufhören. Manchmal liegt es, glaube ich, schlicht daran, dass der Weg ins Theater kennengelernt werden muss: Wie komme ich dahin? Wie fühle ich mich da? Man muss lernen: Theater bedeutet nicht Schule. Ich will kein Schulbashing machen: Schule ist bislang der einzige Weg, nicht-kulturaffine Jugendliche überhaupt auf uns aufmerksam zu machen. Sonst könnten sie überhaupt nicht entscheiden, ob Theater vielleicht etwas für sie ist. Dennoch gilt: Was schulisch konnotiert ist, verliert sofort an Spaßfaktor.

Haben sich die Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren verändert? Smartphones zum Beispiel gab es damals nicht so flächendeckend wie heute.

Es gibt natürlich immer die Klagen, dass die Jugendlichen deswegen immer unkonzentrierter würden und auch in Vorstellungen ihr Handy nicht ausschalten könne. Da habe ich allerdings beobachtet, dass es die Erwachsenen ebenso tun, die Jugendlichen aber viel mehr zu Multitasking in der Lage sind. Für mich ist es heute ein Erfolgsmessgerät, wenn die Lichter irgendwann ausgehen. Also: Natürlich haben sich die jungen Leute verändert; aber das haben die Erwachsenen sich auch. Ganz einfach, weil sich die Welt verändert. Was aber geblieben ist, und deswegen arbeite ich so gerne in diesem Bereich: Es gibt einfach eine Super-Neugier und eine große Offenheit der jungen Menschen.

Das Junge Schauspiel setzt nicht auf Teufel komm raus auf vermeintliche jugendliche, trendige Themen. Wie wichtig für den Erfolg des Jungen Schauspiele ist diese inhaltliche Setzung?

Die Setzung, dass wir ab zwölf Jahren arbeiten, war eine kulturpolitische, weil es damals in der freien Szene große Angst gab, was passiert, wenn der Staatstheater jetzt auch noch Kindertheater macht. Dass wir nicht nur neue Stoffe machen, hat damit zu tun, dass ich glaube, dass Jugendliche sich nicht nur für sich selbst interessieren, sondern im Gegenteil ein großes Interesse daran haben, anderen Welten und anderen Gesellschaften zu begegnen.

Warum also sollten Jugendliche ins Theater kommen?

Weil sie und ihre Themen hier gehört und gesehen werden und weil es nur noch wenige Orte gibt, wo sich die Generationen treffen. Ich glaube, dass Theater so ein Ort sein kann. Was das Theater wirklich kann, ist Rollenwechsel, Perspektivwechsel, Empathie. Wenn da 300 Leute sitzen, gibt es 300 unterschiedliche Vorstellungen in den Köpfen. Allein dass man merkt, wie neben mir der 60-Jährige reagiert oder – andersrum – die 14-Jährige, ist ein totaler Gewinn für diese auseinander driftende Gesellschaft.

Das Programm

Der Geburtstag des Jungen Schauspiels war im Herbst, gefeiert wird jetzt bei schönstem Wetter: Unter dem Motto „Viel Schönes dabei“ blickt das Team auf die vergangenen zehn Spielzeiten zurück.

Im und um den Ballhof wird am 2. Juni ab 15 Uhr und bis in den späten Abend hinein gefeiert. Los geht es mit der offiziellen Eröffnungsveranstaltung mit Musik, Reden und Gesprächsrunde. Im weiteren Verlauf werden Ausschnitte aus erfolgreichen Produktionen wie „Acts of Goodnesse“ und „Mädchen wie die“. Es gibt Lesungen zu „Der Sandmann“ und „Die Französische Revolution – Born to die“ sowie komplette Aufführungen von „Sie sagt“ und „Mickybo und ich“.

Außerdem singt und spielt das Yalla-Ensemble, werden Liebesäpfel verköstigt, Torten gegessen und geworfen und vieles mehr. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Mehr Informationen gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch

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