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Kultur Jud Süss - Film ohne Gewissen
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11:15 21.09.2010
Er wird schon nicht beissen: Der Nazi Goebbels ist galant zu Marians halbjüdischer Frau (v. l. Moritz Bleibtreu, Tobias Moretti, Martina Gedeck).
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VON LAURENZ LIERENZ

Ein Schauspieler arbeitet für das Böse und zerbricht. Er zieht sich nicht auf das Unpolitische der Kunst zurück, ist kein Verantwortungsflüchtling wie Brandauers Hendrik Höfgen in Szabós „Mephisto“. Ferdinand Marian hatte sich 1940 von NS-Propagandachef Goebbels zur Darstellung des „Jud Süss“ breitschlagen lassen, dem Film, der als widerlichstes aller antisemitischen Machwerke der Nazizeit gilt. Oskar Roehler hat daraus einen Film gemacht. Nur zerbrach der echte Marian nicht an der diffamierenden Rolle.

Er machte – im Gegenteil – noch Karriere unter Goebbels. Er hatte auch keine halbjüdische Frau. Gut, der „Held“ braucht im Kino stets eine bedrohte Liebe, um sich in Courage zu ermannen oder der Feigheit anheimzufallen. Ein Klischee. Und was solls, der Führer starb ja auch nicht in einem französischen Kino, wie uns das in „Inglourious Basterds“ weisgemacht wurde.

Nur dass eben jedes Kind weiß, dass es mit dem Millionenmörder Hitler anders ausging als bei Quentin Tarantino. Den Marian aber mögen manche Kinogänger nach Roeh­lers Film tatsächlich für eine Art Opfer des Nationalsozialismus halten, weil sein nicht so bedeutender Lebenslauf von der Zeit verschluckt wurde. Kaum einer kennt noch Marians Filme, und sein berühmtester, Veit Harlans „Jud Süss“, liegt im alliierten Giftschrank neben Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“. Darf nicht gezeigt werden. Immerhin wurde ja mit der Geschichte des schwäbischen herzöglichen Finanzberaters Joseph Süß Oppenheimer der nazionalsozialistische Judenhass zu legitimieren versucht, der im Holocaust gipfelte.

Tobias Moretti spielt beeindruckend das Falschsein im Wahren, sein Marian ist das Pfund von Roehlers Historiendrama. Mit dem Goebbels dagegen, der hier aus Moritz Bleibtreu platzt, ist das schon schwieriger. Charmeur und Brüllaugust – Bleibtreu versucht zwar, im Zuschauer den Original-Goebbels der Geschichtssendungen abzurufen – und dazu passt auch das Filmmaterial, das farbschwach an die bunten Bilder aus den 30ern erinnert –, die prustende Lebendigkeit Bleibtreus aber bleibt künstlich und clow­­­nesk. Wie auch das Spiel von RobertStadlober oder Ralf Bauer aufgesetzt wirkt. Die sehen irgendwie alle aus wie Leute von heute in Kostüme der nicht so guten alten Zeit gesteckt.

Roehler zeigt am Film über die Entstehung des „Jud-Süss“-Films, wie Kunst der Ideologie dient, wie diese verlogene Kunst ins Leben hineingreift und Tod erzeugt. Soldaten an der Front, so sehen wir, lassen sich von dem „Film ohne Gewissen“ aufpeitschen. Dafür folgt Roehler dem Vorbild – in freilich deutlich geringfügigerem Ausmaß als der „Jud Süss“-Regisseur Harlan – und beugt die Wahrheit. Nein, die echte Frau Marian (Marina Gedeck) wurde nicht im Vernichtungslager „vergast“. Antisemitisch, wie es der Zentralrat der Juden befand, ist Roehlers Film zwar an keiner Stelle – aber dafür antiauthentisch. Und obszön – Marian hat im Bombenhagel Bombensex mit der späten Sexbombe Gudrun Landgrebe. Bei der Berlinale gabs dafür massives Gebuhe.

Roehler lässt sich faszinieren von der Macht des Kinos in den Händen der Falschen. Am Ende fehlt ihm leider unsere Erschütterung.

„Jud Süss – Film ohne Gewissen“, D 2010, 120 Min. Regie: Oskar Roehler. Darsteller: Tobias Moretti, Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Armin Rohde, Gudrun Landgrebe.

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