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Kultur Jubel für "Goldener Drache" im Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Jubel für "Goldener Drache" im Schauspielhaus
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18:47 27.09.2010
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VON EVELYN BEYER

HANNOVER. „Kurze Pause“, absurd, in wie vielen Varianten man das sagen kann. Roland Schimmelpfennig lässt in „Der Goldene Drache“ die Regieanweisungen mitsprechen, auch die „kurze Pause“ der Selbstbesinnung. Weggeredet wird sie so, man kann das sinnbildlich sehen; jedes mögliche Innehalten wird in der beschleunigten Gleichzeitigkeit unseres Heute zugelärmt.

In der Küche des Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurants „Der Goldene Drache“ gibt es keine Pausen, ständig wird bestellt, Nummer 74, Entenfleisch mit Curry-Kokos-Sauce, oder Nummer 6, Thai-Suppe mit Zitrusblättern. Luxus und Exotik verheißen die Gerichte, doch gebrutzelt werden sie in Enge und Eile von fünf „illegalen“ Asiaten. Der Jüngste hat Zahnschmerzen, Julia Schmalbrock greint, da fühlt man es fast im Mund pochen. Zum Arzt kann der „Kleine“ nicht, an der Eigenbehandlung wird er verbluten, da fließt viel roter Theatersaft.

Doch dazwischen zappt das Stück durch andere Leben dieser Gleichzeitigkeit. Ein junges Paar entzweit sich über die Schwangerschaft – zapp! – anderes Paar, die Frau hat sich verliebt – zapp! – zwei Stewardessen sind des Vorbeiziehens der Erde in zehn Kilometer Höhe müde. Und – zapp! – die hungernde Grille bettelt die reiche Ameise an – und wird von dieser zum „Tanz“, zur Prostitution gezwungen bis in den Tod, La Fontaines Fabel weitergedreht.

Schimmelpfennigs bittere Globalisierungsfarce ist Stück des Jahres 2010 und wurde in seiner Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Im Schauspielhaus erzählt Lars-Ole Walburg es neu, auf Planen, die die Welt bedeuten (klasse Bühne: Moritz Müller/Walburg), Lkw-Planen, Wahrzeichen weltumspannender Mobilität, abschüssig gehängt. Da bangt man gleich mit den fünf Köchen, die von oben den Herd bis vor den Küchenvorhang wuchten.

Schürzen tragen sie, und Shirts mit „Der Goldene Drache“ drauf. Bei der Uraufführung kamen noch Kleidchen und Kittel zum Einsatz, hier setzt sich nur Thomas Neumann mal eine Kappe über das Stewardessen-Beherrschtheitsgesicht, um Vielfliegerin Inga zu machen – mehr brauchts nicht, alles ist klar orchestriert. Alt spielt Jung, Mann spielt Frau: Das hat Schimmelpfennig vorgegeben, das schafft aberwitzige Verfremdungseffekte. Hin und her zwischen Erzählung und Spiel, die Figuren suggestiv angedeutet, die Bilder entstehen im Kopf. So kann man diese Geschichte erzählen, alles andere ergäbe Sozialkitsch.

Und wie sie erzählen, amüsant und beklemmend zugleich. Regisseur Walburg webt die Geschichte schwebend und schimmernd wie ein Spinnennetz in der Sonne, in dem man sich schmunzelnd verfängt. Bis die dunkle Tragödie greift, die an jedem dieser Fäden hängt. Alle fünf Darsteller sind fantastisch. Henning Hartmann kann den Inhalt einer Handtasche so spannend aufzählen, dass man ein Schicksal darin erblickt. Beatrice Frey als Grille und Zuhälter ist ein Erlebnis, skizziert die rohe Logik der Figur, erhellend. Camill Jammal lässt in Körper und Akkordeon die Angst der Grille spüren, des zwangsprostituierten „Dings“; sein verzweifelter Strip in den Tod trifft ins Mark.

Dazwischen Musik und dichte Tanzbilder in Zeitlupe, Walburg zieht viele Register, die fünf hüpfen erst blau-gold angestrahlt im Musicalkitsch; später lassen sie den Zahn als großen weißen Ballon fliegen wie einen mühsam hochgehaltenen Traum. 

Klar weiß man ums Elend der Globalisierung. Hier aber sieht man die Globalisierten, das Elend wird Mensch. Was man damit anfängt, muss das Theater nicht sagen. Das soll ja unterhalten – Walburg gelingt das aufs Positivste. Langer Applaus.

Bewertung: 5/5

Wieder 30. September, 2., 7., 9. Oktober.

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