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Kultur Jubel, Trubel, Eitelkeit: Ein Blick auf die Showmaschine Bundesliga
Nachrichten Kultur Jubel, Trubel, Eitelkeit: Ein Blick auf die Showmaschine Bundesliga
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23:23 27.08.2010

Fußball geht eigentlich ganz einfach. Umziehen, warmmachen, Anpfiff, Spiel, Abpfiff, duschen, fertig. So ähnlich war sie gedacht, diese Leibesübung, die beispielsweise der VfL Bochum immer noch im Vereinsnamen trägt. Heutzutage könnte man den VfL auch LfV nennen: „Leistungsgesellschaft für Volksbelustigung“.

Profifußball ist auch Fußball, aber im Dienste der eigenen Wertsteigerung will er ein Spektakel garantieren und sich dafür längst nicht mehr auf die Sportlerbeine verlassen. Und so wummert und glitzert es in den Sportarenen, wenn der Ball nicht rollt, manchmal sogar dann. Die Pre-, Halbzeit- und Aftershow sind in Form von fest ritualisierten Abläufen ein bestimmender, oft als identitätsstiftend verstandener Teil der Gesamtinszenierung Fußballspiel. Aus dem Stadionsprecher ist ein Publikumsanimateur geworden, aus der Verlesung der Aufstellung ein Brüllduett mit der Fankurve. Landschlachtereien präsentieren das früher eher unwichtige Eckenverhältnis, und die Halbzeit ist keine Pause, sondern ein kostbares, viertelstündiges Werbefenster, bei dem sich Erwachsene mit Kinderbelustigungen auf dem Niveau von Topfschlagen freiwillig zum Horst machen.

Noch 2003, das ist eigentlich nicht so lange her, hatte der damalige Kölner ­Manager Andreas Rettig den „Vermarktungswahn“ gegeißelt und eine „Rückkehr zu den Wurzeln“ des Fußballspiels gefordert. Sein Dortmunder Kollege ­Michael Meier hatte fast trotzig behauptet: „Fußball ist kein Showgeschäft.“ Sieben Jahre später wirken solche Einschätzungen fast niedlich.

Wichtiger Bestandteil des Ritualreigens ist Musik. Als Identifikationsmarke. Als Emotionsverstärker. Als Statement. Kein Klub ohne Vereinshymne, kein Klub ohne Einmarschmelodie. Und kein Klub ohne Torhymne. Stereotyper Individualismus. Torhymne? Eigentlich ein bemerkenswerter Vorgang. Warum wird ausgerechnet der emotionalste Moment in einem Stadion, ein Tor für die Heimmannschaft, mit Partymusik garniert? Weil das einfache Sichfreuen zu wenig und zu leise ist? Als Stimmungsgarantie?

Auf jeden Fall als Verlängerung des Glücks. Der Torjubel auf dem heimischen Sofa dauert selten länger als der Schrei eines langgezogenen „Jaaaa“. Im Stadion hüpfte man zu früheren musiklosen Zeiten unter dem Eindruck der Masse bestenfalls noch zusätzlich drei- bis viermal in die Höhe. Physiologisch reicht das, denn der Ausstoß von Glückshormonen dauert nur Sekunden. Die Torjubelmusik dient da als verzweifelter Appell ans Glück: Verweile doch, du bist so schön. Auch deshalb, weil die Fernsehkamera einige Sekunden braucht, um vom Ball im Tor umzuschwenken auf die jubelnden Zuschauer. Was wäre das für ein tristes Bild, wenn die Fans nach kurzem Jubel schon wieder gebannt aufs Spielfeld schauen, während die Regie noch nach emotionalen Bildern für die Zuhausegebliebenen sucht. Schließlich ist TV-Fußball teuer erstandene Ware, über die nicht neutral berichtet, sondern die weiterverkauft werden muss. Also muss ein Spektakel her. Musik ist da Trumpf.

Fernsehen und Kino haben uns entsprechend konditioniert. Schönes und Trauriges, Hochzeitskuss, Abschied und Wiedersehen werden mit Musik aufgebrezelt. Ein Film wie Michael Hanekes „Das weiße Band“, der fast ohne Musik auskommt, irritiert. Die Kirche hat die Musik schon früh als Begleitmittel für die Verkündigung des Wortes Gottes entdeckt. Im Kaufhaus und im Supermarkt haben wir uns an eine endlose Entscheidungsberieselung gewöhnt. Und erinnern wir uns nicht noch nach Jahren bei einem bestimmten Lied an die erste Liebe? Die Lieder im Stadion gehören seit ­einigen Jahren zu diesem Soundtrack des Lebens dazu. Musik als Gute-Laune-Droge. „Die Aktivierung des Lustzentrums – etwa durch Musik – ist eines der schönsten Gefühle, die wir Menschen erleben können“, sagt der Züricher Professor für Neuropsychologie, Lutz Jäncke.

Bleibt der Torjubel, auch so ein Showelement. Früher: Tor, kurz die Arme hoch, Handschlag mit den Kameraden. Mund abputzen. Weiter. Heute reißt sich der Torschütze los aus der Gruppe, läuft zur Eckfahne (wo die Kameras stehen), rutscht die letzten Meter auf dem Bauch oder schaukelt das imaginäre Baby im Arm. Oder flick-flackt sich virtuos zum finalen Salto. Oder grüßt Jesus. Nur selten wirkt der Jubel wirklich noch spontan. All das Ringeküssen, Vereinsabzeichengeherze und all die Eckfahnen-Lambadas sind einstudiert wie die spontane Freude im Theaterstück und werden von dankbaren TV-Cuttern in werbewirksamen Trailern weiterverarbeitet. Ein Teil der Showkette. Nett, lustig, künstlich. Giovanne Elbers Friedenstaube, die er kurz nach dem 11. September 2001 mit den Händen formte, bildete eine Ausnahme.

Doch in der Regel erreicht wie jedes andere Showelement auch origineller Jubel irgendwann jedes Stadion, jede Mannschaft, alle Fans. Mit Ausnahme einiger weniger vereinstypischer Riten macht die Volksbelustigung früher oder später alles gleich.

Fußball könnte so einfach sein. Ist er aber nicht. Darf ich nun um den Spielstand bitten? Danke. Bitte.

Kristian Teetz und Uwe Janssen

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