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Hoch hinaus: Jonas Steglich posiert auf dem Dach des Schauspielhauses für den NP-Fotografen.

Hoch hinaus: Jonas Steglich posiert auf dem Dach des Schauspielhauses für den NP-Fotografen.
© Frank Wilde

Interview

Jonas Steglich sucht „All das Schöne“

Ein Stück über Selbstmord und Depression, erzählt mit Mitteln der Komödie: Am Jungen Schauspiel feiert „All das Schöne“ Premiere – ein Interview mit Darsteller Jonas Steglich.

Hannover. Für das Foto geht es auf das Dach des Schauspielhauses. Ein schöner Ort, findet Jonas Steglich. Um „All das Schöne“ geht es schließlich in dem schauspielerischen Solo des 27-Jährigen, das kommenden Sonntag im Ballhof Premiere feiert: um eine Liste, mit der ein Junge seine Mutter vor dem Selbstmord bewahren möchte – und vielleicht auch sich selbst.

Wir würden Sie „All das Schöne“ kategorisieren: als eine Komödie oder als eine Tragödie?

Ich versuche die Kategorien da rauszulassen. Es ist aber schon ein bedrückendes Thema mit Selbstmord und Depression. Der Blick des ursprünglichen Autors ist dabei ein recht lockerer, und der ursprüngliche Schauspieler war sogar Comedian. Bei uns war es in der Entstehung aber klar, dass wir das Ernste an „All das Schöne“ herausarbeiten. Es nivelliert sonst den Stoff. Der formale Zugriff vom Regisseur Paul Schwesig hilft auch dabei.

Wie sieht dieser formale Zugriff denn aus?

Viel geht über Musik. Wir haben drei eigene Songs geschrieben mit unserem Hausmusiker Christian Decker zusammen, der auch einen eigenen Soundtrack unter das Stück gelegt hat. Auch das Bühnenbild ist bei uns sehr theatralisch mit viel Lichtspiel und weg von dieser Plauderrunden-Konstellation, die das ursprüngliche Stück hatte.

Fällt dadurch auch die Einbindung der Zuschauer, die im Original eine große Rolle spielt, weg?

Nein, die bleibt. In den Endproben haben wir versucht, mit Testpublikum herauszufinden, wie der Ton am besten sein soll, damit die sich sicher fühlen und mitarbeiten wollen.

Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Einerseits fand ich es spannend, mal einen ganzen Abend allein auf der Bühne zu stehen. Das ist für Schauspieler ja wirklich etwas Besonderes. Außerdem liegt das Thema Depression für mich persönlich – zum Glück – eher fern. Diese leichte, vielleicht etwas naive Herangehensweise mit der Liste, auf der die schönen Dinge stehen, reizte mich.

Haben Sie sich speziell vorbereitet, wenn Ihnen das jetzt bisher gar nicht so nahelag?

Nicht so wirklich. Man liest Sekundärliteratur und spricht im Team in den Vorbereitungen darüber, aber ich habe jetzt keine Antidepressiva geschluckt, um zu sehen, wie das so ist. Method-Acting ist aber auch grundsätzlich nicht mein Zugriff.

Aber eine Herausforderung ist es schon, oder?

Das Thema verlangt eine gewisse Verantwortung. Man kann das nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber niemand will auch eineinhalb Stunden auf der Bühne oder im Publikum durchtrauern. Wäre ja langweilig. Man muss sich und das Publikum schon wach halten, ohne in so einen Fluss zu kommen, der sich gleichförmig anfühlt.

Was, hoffen Sie, macht diese Inszenierung mit den Zuschauern?

Das Stück soll im besten Fall eine Aufmerksamkeit schaffen. Es freut mich sehr, dass zum Beispiel die Robert-Enke-Stiftung bei der Premiere ist. Und wenn die Menschen darüber reden, um Licht in Dunkel zu bringen, umso besser. Klingt vielleicht naiv, aber kann ja passieren.

Finden Sie so eine Liste funktional im Angesicht solcher Probleme?

Jein. Die Figur kann seine Mutter damit schließlich nicht retten. Allerdings verändert die Liste vielleicht das Verhältnis zu seinem Vater oder zum eigenen Leben. Es werden ja auch Fragen verhandelt, ob es eine genetische Disposition für Depression gibt, und da bringt einen die Liste auch nicht von weg. Sie kann aber helfen, möglicherweise nicht ganz so tief hineinzurutschen.

Gab es Punkte auf der Liste im Stück, die Ihnen selbst gefallen haben?

Ja! Ich kenne jetzt nicht jeden der eine Million Punkte. Die tauchen auch nicht alle im Stück auf, aber Nummer 316 ist zum Beispiel „Andre Agassi“. Sehr nachvollziehbar. Von dem habe ich letztes Jahr die Biografie gelesen und war begeistert. Mich als alten Trekkie hat auch der Punkt „Alle Star-Trek-Filme mit geraden Nummern“ total gefreut (lacht). Es gibt viel Lebensbejahendes auf der Liste. Da gibt es einiges, was mir gefällt.

Das ganze Team hat ja dazu auch eigene Listen veröffentlicht. Auf Ihrer ist die Rede von „einem kalten Bier nach einem langen Arbeitstag“. Also auch nach Premiere?

Gerade dann! Da fällt ja immer so mega viel von einem ab. Aber auch in den Endproben. Da steht man stunden-, tagelang unter Spannung. Da hilft so ein kleines Bierchen schon sehr zur Entspannung. Ein schöner Moment nur für sich zum Abschluss sozusagen.

Das Stück

Die Mutter ist depressiv, hegt Selbstmord-Gedanken. Und ihr Kind? Beginnt, ihr eine Liste zu schreiben mit all den Dingen, die das Leben lebenswert machen: „1. Eiscreme, 2. Wasserschlachten, 3. Länger aufbleiben dürfen als sonst und fernsehen ...“ Die Liste wächst und wächst, das Kind wird zum Mann und entwickelt selbst eine schier unerträgliche Traurigkeit.

„All das Schöne“ von den Briten Duncan MacMilan und Jonny Donahoe nähert sich mit humorvoller Poesie dem Thema Depression. Paul Schwesig inszeniert es für das Junge Schauspiel. Jonas Steglich spielt. Christian Decker musiziert. Am 22. Oktober ist die Premiere im Ballhof zwei. Das Stück wird von einem umfangreichen theaterpädagogischen Programm begleitet.

Von Jan Heemann und Stefan Gohlisch


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