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Kultur Janelle Monáes Debütalbum "The ArchAndroid"
Nachrichten Kultur Janelle Monáes Debütalbum "The ArchAndroid"
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10:42 03.08.2010
Janelle Monáe
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VON MATTHIAS HALBIG

Die Künstlerin Janelle Monáe gibts zweimal. Man hat sie geklont. Das geschah im fernen Jahr 2719. Monáe wurde in einen Zeittunnel gesteckt, fiel in unserer Zeit raus, und erzählte hier merkwürdige Geschichten von ihrem Gegenstück, der Erzandroidin Cindi Mayweather. Die hatte sich in der Stadt Metropolis in einen Menschen verliebt (verboten!) und wurde zur rangersten Kämpferin gegen die liebes- und freiheitsfeindlichen Umtriebe der Great Divide – einer obskuren Geheimgesellschaft, die Beziehungen quer durch die Jahrhunderte unterhält, unter anderem auch zur vorherigen US-Regierung. Stellt man solche Behauptungen auf, ist die Psychiatrie schnell auf Umarmungsdistanz. Monáes Glück: Der Vizedirektor des Palace of the Dogs Asylum, Max Stellings, schenkte ihr am Ende Glauben. Deshalb durfte er auch das Vorwort ihres Debütalbums „The ArchAndroid“ verfassen.

Auf dessen Cover Monáe in Maschinenmädchenrüstung zu sehen ist. Auf dessen CD-Speicherraum sie von ihrem Pendant Mayweather erzählt. Eine Science-fiction-Geschichte mit Weltverbesserungsdrall in Songs, frei nach Fritz Langs berühmtem Stummfilm „Metropolis“. Die Stücke bilden ein pompöses Klanguniversum, in dem die als Soulsängerin klassifizierte Künstlerin die engen Grenzen des Genres sprengt. Monáe wechselt nicht nur wie üblich mal rhythmisch von HipHop zu Funk zur Ballade, sie verarbeitet mit enorm wandlungsfähiger Stimme quasi die gesamte Popmusik.

Sie startet mit Sinfonischem, spielt mit Jazz, Latin und Indierock („Come Alive“) und hat sogar Rockabilly und Folk im Repertoire. Der Song „57821“ (ihre Insassennummer in der Anstalt) mutet mit seinem Hall auf der betont andächtig gehaltenen Stimme an, als wärs ein Brüderchen von „Scarborough Fair“. Simon & Garfunkel waren das. Lange her.

Die Single „Tightrope“ kommt dann via Phrasierung als Verbeugung vor James Brown, in „Mushrooms & Roses“ hat Monaé eine Robo-Voice, Tempo und Instrumentation sind wie 1969 bei „Crimson & Clover“ von Tommy James & The Shondells. Am Ende des Songs jubelt Kellinda Parkers E-Gitarre ein spaciges Solo bis hoch an die Ringe des Saturn. Und. Und. Und. Seit Prince‘ großen Tagen wurde man nicht mehr so umgehauen von einem R‘n‘B-Album.

Um die Sache mit der Zeitreise zu untermauern, gibt die Künstlerin für jeden Song launig ihre Inspirationen bekannt. So basiere die „Suite II Ouverture“auf „Star-Wars-Prinzessin Leias Zimtbrezel-Haarschnitt“. Die mit Streichern, Bläsern und beatligem Mellotron geschmückte „Neon Valley Street“ sei dagegen von Übermorgen geprägt, von Klon „Cindis letzten Gedanken vor dem Betreten des cybertronischen Fegfeuers“.

Es gibt durchaus biografische Daten. Die Afroamerikanerin Janelle Monáe Robinson ist 24 Jahre alt, aus Kansas City, Tochter eines Müllmanns und einer Putzfrau. Outkast-Rapper Big Boi hat Monáe 2006 entdeckt, sie hat 2007 eine kleine Vorarbeit zu „ArchAndroid“ veröffentlicht – die EP „Metropolis“. Puff Daddy hat sie unter Vertrag genommen: „Die wichtigste Verpflichtung meiner Businesskarriere“, sagt der Mogul. Und klingt nach Kalkül.

Da bleiben wir lieber beim Mythos. Der ist schöner, romantischer, glamouröser, macht Pop erst rund und weckt zudem Hoffnung: Mit Janelle Monáe hat die nüchterne Black Music wieder mit dem Träumen begonnen. Und wenn man glaubt, dass sie diese irre Musik im Jahr 2719 ersonnen hat, hat der todöde Schluffi R‘n‘B plötzlich wieder jede Menge Zukunft.

Janelle Monáe: „The ArchAndroid“ (Atlantic)

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