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Hermetischer Raum: Clara Weyde im Bühnenbild von „Ruf der Wildnis".

Hermetischer Raum: Clara Weyde im Bühnenbild von „Ruf der Wildnis".
© Frank Wilde

Interview

Jack London als Kapitalismuskritiker

„Ruf der Wildnis“ ist einer der großen Romane des US-Schriftstellers Jack London (1876-1916) und gilt als große Abenteuergeschichte. Es steckt aber auch viel Kapitalismuskritik drin, erklärt im NP-Interview Clara Weyde, die den Stoff für das Junge Schauspiel inszeniert.

Hannover. Ein Hund geht vor die Hunde: Regisseurin Clara Weyde (33) inszeniert Jack Londons „Ruf der Wildnis“ für das Junge Schauspiel. Im Interview erklärt sie, wie viele Kapitalismuskritik in dem Stoff steckt.

„Ruf der Wildnis“ ist Ihre erste Arbeit in Hannover. Hat man erst den Stoff ausgewählt und dann die Regisseurin, oder war es umgekehrt?

Es war tatsächlich so, dass die Regisseurin ausgewählt wurde. Barbara Kantel hatte in Hamburg meine Inszenierung von Anthony McCartens „funny girl“ gesehen, und wir wollten eigentlich in diese Richtung gehen: große Bilder, Komödie, aber mit gesellschaftlich relevantem Zugriff. So sind wir bei Jack London gelandet und schließlich bei Soeren Voimas Fassung von „Ruf der Wildnis“. Als wir die gelesen hatten, war klar, dass wir es machen müssen.

Warum?

Weil sie einen unglaublichen Zug entwickelt und damit schon in dieser treibenden Form einen „Lauf der Dinge“ anlegt, den wir in Frage stellen wollen. Die Geschichte ist verdichtet; sie hat eine große Portion Kommentar und Kapitalismuskritik – wobei wir davon eine ganze Menge herausgenommen haben, weil es sich auf einen Bildungskanon bezieht, den wir bei unserem jungen Publikum nicht voraussetzen können. Jetzt haben wir eine Fassung, die alle ab zwölf und, ich sage mal: bis 99 anspricht.

Es ist also nicht das große Familienstück vom Jungen Schauspiel, kein ZDF-Mehrteiler für die Bühne?

Tatsächlich ist der Stoff relativ hart und überhaupt nicht das, was viele Menschen von Jack London erwarten. Erzählt wird die bittere Geschichte eines Hunds, der aus einer Idylle herausgerissen wird, um sein Leben kämpft, der dabei immer klüger, rücksichtsloser, wilder wird und der am Ende diese Stärke nutzen kann, um ein Wolfsrudel anführen zu können. Er lernt gewissermaßen in der brutalen Welt der Menschen, ein wildes Tier zu werden.

Ist nicht schon die anfängliche Idylle trügerisch, und er registriert es nur nicht?

Nein, er hat keine Ahnung. Das ist ein wichtiger Punkt: Er wird in der Ahnungslosigkeit gehalten. Aber: es ist immer noch die Geschichte eines Hundes. Man darf bei der Vermenschlichung nicht zu weit gehen. Dieser Hund gehört jemandem. Er hat keine Wahl.

Das geht Kindern nicht anders – die glauben auch in den prekärsten Umständen, sie hätten die besten Eltern der Welt.

Ja, und an der Stelle ist es an uns, zu überlegen, wofür dieser Ruf der Wildnis steht. Und wofür steht dieser Kampf – auch jenseits der Kapitalismuskritik, die dieser Fabel nun einmal faustdick eingeschrieben ist? Ich lese in „Ruf der Wildnis“ auch viele weitere Motive wie die Suche nach Zugehörigkeit, Gruppendynamiken, das Kämpfen für den eigenen Weg. Wir sind auf den Proben viel damit beschäftigt, uns zu dieser sozialdarwinistischen Lesart zu verhalten. ich finde es fragwürdig, wie leichtfertig Darwins Survival of the Fittest auf die Menschenwelt übertragen wird. Warum erzählen wir uns ständig auch alltägliche Situationen als die Geschichte von einem/einer, der/die sich anpasst, lernt, immer härter wird und dadurch am Ende frei? Das Bühnenbild von Katharina Philipp bringt eine gewisse Hermetik mit und setzt an diesem Punkt an.

Das müssen Sie erklären.

Die Figuren sind darin, also in ihren Gesetzmäßigkeiten gefangen. Dem geben wir optisch einen Rahmen. Die Konstruktion kann von Hand gedreht werden und ist sowohl ein Bild für den Grundzustand eines Systems als auch ein Mittel für die Erzählung. In dieser Kulisse beschwört man den Mythos von diesem Hund Buck, der es gegen alle Widerstände geschafft hat. Wie wir Menschen es eben gerne tun – wir erzählen uns Heldengeschichten, von denen, die eine Struktur oder ein System verlassen oder durchbrechen.

So wie all diese Sportlergeschichten im Kino?

Genau. Jack London macht das geradezu lehrbuchhaft.

Wie ziehen Sie da die Grenze zwischen menschlichem und tierischem Verhalten auf der Bühne?

Das ist eine der großen Fragen dieser Inszenierung: Was sind zivilisierte Körper, was sind wilde Körper? Was macht jemanden zum Tier? Welches Verhalten ist domestiziert und welche Entscheidung frei, bei Mensch und Hund. Die naturalistische Darstellung eines Hundes ist relativ selten an dem Abend – und es gibt kein Hundekostüm.

Wer spielt denn den Hund?

Alle. Alle erzählen und stellen Bucks Geschichte dar. Es ist ein kollektives Erzählprinzip. Und alles, was passiert, ist Teil des Erzählens.

Und Ihnen geht es eher um das Erzählen als um die Erzählung?

Es geht um die Frage, warum man sich diese Geschichte erzählt und wie sie erzählt wird. Darin liegt der Kern der gesellschaftlichen Funktion solcher Geschichten. Die Geschichte von Buck und seinen Taten ist erst mal eine reine Abenteuergeschichte. Durch die Art und Weise, wie und aus welcher Motivation heraus sie erzählt wird, erhält sie eine konstitutive, systemische Funktion.

Ist er denn ein Held? Ist sein Schicksal erstrebenswert?

In meinen Augen? Was er am Ende erreicht, ist insofern erstrebenswert, weil er überlebt.

Aber es gelingt ihm nur durch Selbstaufgabe ...

...und Anwendung von Gewalt. Will man einem Kind sagen, du musst dich manchmal selbst aufgeben und auch mal zuschlagen, wenn du durchkommen willst? Eher nicht. Aber gleichzeitig soll es sich wehren können, wenn ihm Ungerechtigkeit widerfährt. Wo ist die Grenze?

Und der Knecht, der zum Herr wird, stellt das System nie in Frage, er stützt es sogar.

Eben. Und der systemerhaltende Moment dieser Geschichte ist, dass wir sie uns erzählen. Das hält eine kleine Katharsis für uns bereit, und danach ändert sich gar nichts: der Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird. Der schließlich sagt: „Ich musste mich knechten, und ihr müsst jetzt genauso arbeiten. Es ist schon richtig so, dass ihr da unten leidet.“

Und wie entgehen Sie der Gefahr, dass auch Ihre Erzählung nur das Bestehende zementiert?

Dieser Gefahr entgehen wir natürlich nicht. Aber wir versuchen ihr zumindest zu begegnen, indem wir das Publikum in die Situation bringen, sich zu dem, was ihm erzählt wird, verhalten zu müssen. Das ist es, was Theater, meiner Meinung nach, im besten Fall leisten kann. Figuren zeigen, die in bestimmte Konflikte geraten und zu Entscheidungen gezwungen werden. Im besten Fall entsteht dadurch Reibung mit unseren realen Ansprüchen, Handlungsspielräumen und Wertvorstellungen. Ist der Held, der sich allen Widerständen widersetzt und am Ende selbst herrscht, ein Kämpfer für die Freiheit oder manifestiert sich lediglich das Prinzip vom Machtanspruch des Stärksten?

Was erreichen Sie damit idealerweise beim zwölfjährigen Zuschauer?

Ich will, dass sie eigensinnig, aufgekratzt und aufmüpfig aus dem Theater gehen und den Lauf der Dinge in Frage stellen. Und sie sollen die Heldenerzählungen, die ihnen unsere Welt Tag für Tag auftischt, kritisch begutachten und sich fragen: Was will der, der sie mir erzählt, eigentlich damit von mir?

Mehr Informationen zu dem Stück und zu den Vorstellungen finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch


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