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Kultur Italien steht George Clooney gut
Nachrichten Kultur Italien steht George Clooney gut
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15:47 15.09.2010
Ruhelos in Italien: Killer Jack (Clooney) kann seinem Schicksal nicht entrinnen.
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VON MATTHIAS HALBIG

Wenn im Kino ein Killer dem Boss mitteilt, er sei „nach diesem Auftrag raus“, und der Boss sagt, „okay, du bist raus“, dann liegt gemeinhin nicht Eierkuchen und Raussein sondern Showdown und Tod in der Luft. Denn der Erstere redet nur von seiner kriminellen Sphäre, der Letztere aber meint gemeinhin des bislang dienstbaren Geistes irdischesDasein. George Clooney ist Jack, „The American“, der in einem geduckten Abruzzenstädtchen unterkriecht. Er baut in seinem kargen Quartier ein Killergewehr für eine Kollegin – der letzte Job, und man bangt bald, dass sich das spezielle Schießeisen gegen ihn richten könnte.

Italien steht dem „American“ Clooney gut. Nur sein berühmter Humor blitzt kaum auf hier. Denn die zweite Regiearbeit des Popfotografen Anton Corbijn ist eine Art Neo-Italowestern, einer ohne Amerika freilich. Der Fremde kommt in die Stadt, gibt sich als Fotograf aus, sucht Erlösung, schließt Freundschaften und wird fünf Minuten vor glücklicher Zukunft von seinerVergangenheit eingeholt. Sergio-Leone-Style, grabernst, der Priester raunt Ahnungsvolles, fordert die Beichte von Jack, in der Bar del Monte läuft „Spiel mir das Lied vom Tod“ im Fernsehen.

Clooney zieht einen auch ohne sein Augenzwinkern an die Leinwand. Einer, hinter dessen grimmfaltiger Stirn ein in seiner Hölle Gefangener sichtlich nach den Abzweigungen ins Glück sucht, die sein Leben hätte nehmen können. Hat der Loner Jack Sex mit seiner späteren Geliebten, der Hure Clara (Violante Placido erinnert an die junge Sophia Loren), ist das zunächst recht hart und desparat, ein bisschen Bertoluccis „letzter Tango“ nur ohne Butter. Aber Jack taut auf, er liebt Schmetterlinge, so nennt ihn auch die Killerin Mathilde, die cool durch den Film streift wie eine Emma Peel der letzten Dinge. Aber wieso nennt ihn einmal auch Clara so? Das lässt leichtes Unbehagen im Zuschauer aufkommen und Corbijn löst dieses Rätsel ganz bewusst nie auf.

Corbijn, der Schwarz-Weiß-Ikonenmacher, inszeniert nach „Control“ diesmal in Farbe. Landschaftissimo! Topografische Ornamente in Vogelperspektive, Castelvecchio mit seinen mürben Ziegeln und dem schorfigen Putz macht den Film bildschön. Und wie ruhig alles läuft. Ein Stillstandsthriller, Action-Afficionados kriegen da bald mehr Hummeln im Hintern als beim Videoabend mit Jean-Pierre Melvilles verwandten „eiskaltem Engel“. Nix passiert. Freilich: Atmosphäre passiert.

Wofür auch Corbijn-Spezi Herbert Grönemeyer zeichnet, der seinen ersten Score recht sparsam über die 105 Minuten pünktelt. Hie und da ein trübes Klavier, der früh auf Düsteres verweisende Trauerflor der Streicher und immer wieder ein tickender Sound, der Klang der Angst, davon kündend, dass hier „High-Noon“-mäßig Zeit abläuft. Grönis Klänge machen die zwei Welten präsent – in der offenen normalen die versteckte mörderische. Beim letzten Gefecht packt es ihn dann und er bringt kurz Morricone an die Macht.

Fast unsichtbar winzig flattert im letzten Bild ein Falter unter einer gewaltigen Baumkrone. Das Seelenträgertier der alten Griechen strebt friedlich zur Sonne, der Film ist jetzt perfekt. Das Regiefach steht Anton Corbijn gut.

„The American“, USA 2010, 105 Min. Regie: Anton Corbijn. Darsteller: George Clooney, Violante Placido,Thekla Reuten, Paolo Bonnacelli.

Stille Thriller gründen tief. Anton Corbijn bringt George Clooney und Italien zusammen

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