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Kultur Ist #MeToo eine Zäsur?
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14:05 31.12.2017
Der Women’s March durch Washington gegen Donald Trump war einer der größten Protestmärsche der US-Geschichte. Quelle: Unsplash/roya-ann-miller
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Die Frauen hinter #MeToo wurden vom US-Magazin “Time“ zur Person des Jahres gewählt. Was halten Sie als feministische Aktivistin davon?

Ich finde das klasse. Ich weiß, es wurde viel über das Cover diskutiert, weil es eine unbekannte lateinamerikanische Bäuerin, eine Schwarze und drei weiße Frauen – zwei davon sehr berühmt – zeigte. Aber ich finde den Grundgedanken bestechend. Es fühlt sich nach einem Aufbruch an. In einem Jahr werden wir sehen, ob sich das bewahrheitet hat. Oder ob wir einfach sagen: “Wir haben all die bösen Männer gefeuert, dann können wir jetzt weitermachen wie bislang.“

Einer dieser gefeuerten Männer ist der Schauspieler Kevin Spacey. Reicht es aus, an ihm ein Exempel zu statuieren?

Ich halte das schon für berechtigt. Nur die Wenigsten können bestraft werden, aber der Fall warnt die anderen Männer, dass sie nicht so einfach davonkommen wie davor. Darüber hinaus müssen wir dieses patriarchale System grundlegend ändern. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Es heißt oft, in Deutschland und Europa verlaufe die Debatte lahmer als in den USA. Sehen Sie das auch so?

Ich denke nicht, dass europäische Feministen die USA als Stichwortgeber brauchen. Obwohl natürlich auch sie patriarchale Strukturen ansprechen müssen – denn wer müsste das nicht?

Was entgegen Sie jenen, die sich über Hashtag-Feminismus lustig machen?

Ich denke dabei an einen antiken Chor: Einer gibt das Stichwort, und die Gemeinschaft antwortet. Hashtags ermöglichen es Frauen, deutlich zu machen, dass ihr Schicksal kein Einzelfall ist. Genau als das haben wir Gewalt gegen Frauen nämlich immer betrachtet, statt es als eine strukturelle Sache anzusehen wie etwa Rassismus. Das Internet ist ein Ausdrucksmittel neben Demonstrationen.

Auf Sie geht der Begriff “Mansplaining“ zurück. Weshalb erklären Männer den Frauen so gern die Welt?

Die Ehre gebührt nicht mir allein. Ich habe 2008 einen Essay geschrieben mit dem Titel “Warum Männer mir die Welt erklären“. Eine anonyme Bloggerin hat darüber berichtet und den Begriff geprägt. Ich wünschte, sie würde sich an mich wenden! Mans-plaining ist Bestandteil von mehr als 30 Sprachen und steht im Oxford Dictionary. Anscheinend haben wir beide einen Nerv getroffen.

Haben Sie mit Männern über dieses Verhalten gesprochen – und waren sie einsichtig?

Männer machen immerzu nervöse Witze über das Erklären in meiner Gegenwart. Ich amüsiere mich köstlich darüber! Es gibt Männer, die mir komplett zustimmen und solche, die es strikt leugnen. Interessant ist die Erfahrung einiger transsexueller Menschen, über die ich in meinem neuen Essayband schreibe. Eine ehemalige Frau schildert, wie Gesprächspartner sie nicht mehr unterbrochen haben, als sie ein Mann geworden war. Und einem anderen Mann wurde gesagt, er sei ja viel intelligenter als seine Schwester – was in Wahrheit er selbst vor seinem Transformationsprozess war. Das ist zugleich entsetzlich und urkomisch.

Transgender ist einer der sieben Begriffe, die US-Präsident Donald Trump aus offiziellen Dokumenten der US-Gesundheitsbehörde verbannen will ...

Ich finde die Vorstellung lächerlich, dass Dinge einfach verschwinden, weil man die Wörter verbietet. Natürlich ist es schrecklich, weil die Aktion Menschen einschüchtert. Aber es ist auch einfach sehr dumm.

Sie haben im Januar am Women’s March durch Washington teilgenommen – eine der größten Protestmärsche der US-Geschichte. Fast ein Jahr später: Was ist davon geblieben?

Es war wundervoll zu sehen, wie gigantisch die Opposition gegen Trump ist. Die Menschen lassen sich nicht einschüchtern.

In einem Artikel für den “Guardian“ schreiben Sie über die Hoffnung, dass der Protest rund um den Women’s March Langzeitfolgen haben werde. Liegen diejenigen falsch, die unmittelbare Resultate sehen wollen?

Es geht nicht um entweder oder. Beim Thema Klimawandel zum Beispiel können wir gar nicht schnell genug handeln. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass Trumps Sieg auf einem strukturellen Wahlrechtsentzug basiert, bei Schwarzen, Armen oder Collegestudenten, die oft nicht dort wählen dürfen, wo sie studieren. Wenn sich das änderte, müsste sich die republikanische Partei grunderneuern, um einem Land gerecht zu werden, dass immer weniger von Weißen geprägt wird. Ich werde nicht müde zu betonen, dass die Hälfte der Einwohner unter 18 Jahren nicht weiß ist. Die Zukunft sieht nicht aus wie die Vergangenheit.

Im Alltag, etwa im Beruf, schweigen viele Frauen angesichts von Sexismus oder stimmen sogar in schlechte Witze ein, um nicht als launisch zu gelten. Was würden Sie diesen Frauen raten?

Es gibt da keine Patentlösung. Ich habe gerade eine Studie gesehen, wonach 75 Prozent aller Frauen, die sexuelle Belästigung öffentlich gemacht haben, mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen müssen. Das ist nicht gerade ermutigend. Aber ich denke, seit Weinstein hat sich da eine Energie entfaltet: Die Menschen sind gezwungen worden, das Ausmaß des Problems anzuerkennen.

Ihr aktueller Essayband trägt den Titel “Die Mutter aller Fragen“. Die lautet: “Weshalb haben Sie keine Kinder?“ und wird Ihnen immer wieder gestellt. Macht Sie das wütend?

Die Frage ist völlig in Ordnung, wenn ich mich mit anderen Frauen austausche. Aber als Frage eines Journalisten ist das völlig unangemessen, zumal mit dem Unterton: “Weshalb haben Sie es nicht geschafft, Kinder zu kriegen?“ Bei Frauen ist Fortpflanzung anscheinend ein öffentlichkeitstaugliches Thema, bei Männern Privatsache. Das ist beleidigend. Und für jemanden wie mich, die in der Gayszene von San Francisco aufgewachsen ist, wo alle Arten von Lebensentwürfen respektiert wurden, ist das sehr befremdlich.

Um auf #MeToo zurückzukommen: Denken Sie, dass das Brechen des Schweigens eine Zäsur war, über die man noch lange sprechen wird?

Ich denke dabei eher an eine Serie von Erdbeben, die das Land erschüttert haben. Feminismus ist ein stetes Erstreiten: Das Recht auf Arbeit, eigenen Besitz oder das Anerkennen von Gewalt in der Ehe als Straftat sind heute zur Gewohnheit geworden. Gloria Steinem, die Herausgeberin des feministischen US-Magazins “Ms.“, hat mal gesagt: “Sie fragen mich, weshalb ich erst mit 66 geheiratet habe? Nun, zunächst musste ich das Konzept von Ehe reformieren.“ Es ist also nicht so, dass wir gestern unfrei waren und heute nicht mehr.

Zur Person: Rebecca Solnit

Rebecca Solnit ist Schriftstellerin, Journalistin und Essayistin. Die 56-Jährige prägte den Begriff “Mansplaining“, der das herablassende Sprechen eines Mannes bezeichnet, der glaubt, mehr über ein Thema zu wissen als sein – meist weibliches – Gegenüber. Vor Kurzem ist ihr neuer Essayband “Die Mutter aller Fragen“ erschienen.

Von Nina May

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