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Männer mit Auftrag: (von links) Janko Kahle, Frank Wiegard und Günther Harder im Bühnenbild von „Indien“.

Männer mit Auftrag: (von links) Janko Kahle, Frank Wiegard und Günther Harder im Bühnenbild von „Indien“.
 © Michael Wallmüller

Theater

„Indien“ im Schauspielhaus: Recherche im Biergarten

Diesjähriges Stück des Sommerhoftheaters im Schauspielhaus ist die österreichische Tragikomödie „Indien“. Wir sprachen mit den drei Darstellern Janko Kahle, Günther Harder und Frank Wiegard.

Hannover. Sieben Rollen auf eine Streich: Günther Harder und Janko Kahle spielen in „Indien“ zwei Gastro-Inspektoren, Frank Wiegard ihre Gegenüber, drei Wirte und – am Ende der Tragikomödie – einen Arzt. Im Interview sprechen sie über alternde Männer und vergangene Zeiten.

Wie viele Wirtshaus-Besuche waren zu Recherche-Zwecken nötig?

Janko Kahle: Es waren eher Biergarten-Besuche. Schließlich ist es Open-Air-Theater. Einige jedenfalls.

Günther Harder: Ein wenig Feldstudien haben wir schon betrieben. Und zufällig waren Janko und ich beide in den Sommerferien in Österreich. So konnten wir uns auch von der Mentalität her darauf einstellen.

Das Stück spielt jetzt aber im Brandenburgischen, oder?

Frank Wiegard: Aber der Film spielt in Österreich. Lars-Ole Walburg hat es umgeschrieben.

Wie schlägt sich das nieder?

Harder: Vor allem darin, dass wir keinen Dialekt sprechen ...

Wiegard: ... und dass ihr zwei im Auftrag der brandenburgischen Landesregierung unterwegs seid.

Haben Sie den Film zur Vorbereitung geguckt?

Wiegard: Gemeinsam gar nicht.

Harder: Ich hatte ihn damals vor 20 Jahren gesehen und jetzt – wie, glaube ich, wir alle – noch einmal zur Probenzeit.

Macht es eine solche Vorlage, einfacher oder schwieriger, so einen Stoff zu realisieren?

Harder: Schon ein bisschen einfacher. Schließlich spielen da die Autoren. Dadurch merkt man leichter, was sie sich dabei gedacht haben. Nicht, dass wir das Gleichemachen – das geht sowieso nicht.

Kahle: Wir sind schon unsere eigenen Figuren.

Wie würden Sie die charakterisieren?

Harder: Kurt Fellner ist ein sehr redseliger, scheinbar offener Mensch, der sich für einen großen Weltbürger und philosophisch interessierten Menschen hält, Aber am Ende ist er doch auch nur ein verklemmter Spießer. Der ein ganz großes Problem mit Nähe hat, mit Grenzüberschreitungen, der große Schutzwälle um sich errichtet hat. Aber das lässt er sich natürlich nicht anmerken und redet sehr altklug und jovial daher.

Kahle: Heinz Bösel ist das Gegenteil: Er liebt das Essen, liebt das Trinken, auch das Deftige. Er redet nicht so viel wie Fellner, ist vielleicht auch ein wenig muffelig, aber am Ende ein liebenswerter Kerl. Er ruht in sich und will auch in Ruhe gelassen werden.

Und die Wirte? Ist das immer der selbe Typus?

Wiegard: Nein. Das ist schon meine Aufgabe, sie unterscheidbar zu machen. Der erste ist sehr gut gelaunt, bei dem klappt alles. Der zweite ist schwerer Raucher, Trinker, Stoiker, dem alles wurscht ist, auch die Gäste. Der dritte ist extrem kurzsichtig, tollpatschig, aber sehr servil.

Und der Arzt?

Wiegard: Der Arzt ist ein Arschloch (lacht).

Harder: Der Arzt ist tatsächlich auch der einziger, der gar nichts sagt.

Wiegard: Nee, der Arzt sagt gar nichts. Dem sind seine Patienten – offenbar Kassenpatienten – völlig egal.

Es ist eine reine Männerwelt; Frauen tauchen nur als Leerstellen auf. Kommen solche Männer dabei heraus, wenn sie von ihren Frauen verlassen werden?

Harder: Das wäre eine interessante Debatte.

Kahle: Das Stück ist ein Spiegel der Männerwelt, gerade der Männer in dem Alter: die Angst haben, älter zu werden, nicht mehr alles mitzubekommen, nicht mehr die Welt zu verstehen. Es ist ein Stück über Männer.

Wiegard: Auch über Freundschaft.

Harder: Und über die Situation in unserer Gesellschaft, dass man einen Job macht, bis man umfällt, ohne das groß zu hinterfragen, was natürlich großes Frustpotenzial mit sich bringt. Es geht um Menschen, die ganz andere Träume gehabt haben, ohne diese je zu realisieren. Fellner zum Beispiel hat das titelgebende Indien nie bereist, aber er redet ständig davon. Gefährliches Halbwissen.

Kahle: Es spielt auch in der Provinz, wo Frauenmangel ein großes Problem ist. Die sehen zu, dass sie Land gewinnen.

Harder: Eine fast aussterbende Welt: Selbst Landgasthäuser, wie in dem Stück eine so große Rolle spielen, gibt es kaum noch.

Zeitlos ist das Thema Freundschaft. Wie finden die beiden zueinander?

Harder: Ich glaube, dass sie letztlich das Elend zusammenschweißt. Dass sie merken, dass es ihnen nicht gut geht, und auch mal über Dinge reden, die ihnen Angst machen. Es bleibt eine offene Frage, ob sie am Ende wirklich dicke Freunde sind oder ob nur die Situation sie zusammengeschweißt hat.

Wiegard: Aber sie wollen füreinander da sein, und das ist doch schon mal was.

Also Menschen, die normalerweise in die Kneipe gehen und mit dem Wirt schnacken würden.

Wiegard: Aber nicht mit diesen Wirten (lacht).

Wie ist es, dieses Stück hier im Sommerhoftheater aufzuführen, mit einer klaren Bühnensituation, ohne Roadmovie-Aspekte, wie sie der Stoff hergibt oder es auch im vergangenen Jahr war?

Harder: ich fand von Anfang an, dass es ein tolles Stück dafür ist, mit tollen Figuren, tollen Dialogen, einem super Humor, wie es ihn bei deutschsprachigen Stoffen nur selten gibt.

Kahle: Und wir beziehen uns eher auf das Theaterstück, das nun auch kein Roadmovie ist.

Harder: Ich hoffe einfach, dass die Leute einen zünftigen Biergarten-Abend haben werden.

Wiegard: Jedenfalls gibt es Schnitzel.

Und dann geht es im Brauhaus weiter.

Wiegard: Da haben wir gleich am ersten Abend Schnitzel getestet. Und ein paar Biere. Wie es dann da wird? Keine Ahnung. Aber ich glaube, ganz gut. Mal gucken, was für Leute kommen – hoffentlich welche, die sonst eher nicht ins Theater gehen, sondern ins Brauhaus.

Womit lockt man die?

Wiegard: Mit dem Brauhaus (lacht).

Vom 10. bis 27. August im Hof des Schauspielhauses, danach im Brauhaus Ernst August. Mehr Informationen gibt es
 hier
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Von Stefan Gohlisch


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