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SCHLOSSHERR IN BAYERN: Ludwig II. (Sebastian Schipper) 
in seinem Märchenreich,

SCHLOSSHERR IN BAYERN: Ludwig II. (Sebastian Schipper)
in seinem Märchenreich,© Stefan Falke

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Filmkritik

Historienfilm: Ludwig II.

Im Historiengemälde „Ludwig II.“ glänzt Newcomer Sabin Tambrea als bayerischer Märchenkönig.

Hannover. Wenn gleich zu Beginn diese goldmelierte Schrift „Ludwig II.“ auf der Leinwand erscheint, denkt man: Oje, jetzt kommt wieder so eine schmalzige TV-Produktion, die man wider besseres Wissen dem Kino zugemutet hat, eine mit viel Sisi und Bussi. Alle Förster haben Gamsbarthüte, alle Bauern königstreue Augen, niemand aus der doofen Münchener Politik versteht den visionären und bauwütigen Bayernkini, der am Ende im See ertrinkt. Hollareidulljöh! Ein Werk so à la Käutner 1955, mit einem wie O.W. Fischer als Ludwig, nur ohne die schönen, alten, brokatenen Farben.

Dass es dann doch besser wird mit diesem Film von Peter Sehr und Marie Noëlle, liegt vor allem am 28-jährigen Sabin Tambrea, der als junger Märchenkronprinz zwar nicht so winnetouschön wirkt wie 1972 Helmut Berger bei Visconti, aber mit seinem schillernden Fummel und der seltsamen Frisur herrlich fremd im voralpinen Traditionsraum steht. Wie ein Popstar, der sich im Jahrhundert geirrt hat, kommt Tambrea daher. Unsicher stakst er durch ein Land, dessen Lieblingsmusik Militärmärsche sind, durch das 19. Jahrhundert, das sich mit Kriegen zum Frieden schießen will. Vom Vater wird er Träumer und Taugenichts gescholten, und was soll ein handfester Herrscher wie Maximilian (Axel Milberg) mit einem Filius anfangen, der sich wie John Boy Walton von seinem Gaul mit „bis gleich“ verabschiedet. Nun, der König stirbt schnell, es lebe der König.

An der Macht, versucht Jung Ludwig, sein Utopia einer durch die Kunst besänftigten Welt durchzusetzen. Zigtausende bayerische Orchester will er gründen, die dem Feind entwaffnend entgegenmusizieren. Ein Visionär, ein Begeisterter, ein „Yes,we can“-Mann. So ein Unbegreiflicher muss an den Realos scheitern – und spleenig werden über die Welt. Wann immer Tambreas König begreift, dass er zu früh kommt, dass er missverstanden und verraten wird, bekommt er diesen dunklen, Ralph-Fiennes-artigen Bick, in dem Verzweiflung, Wut und Ohnmacht zugleich ankern. Ein Fest!

Ein All-Stars-Fest – die halbe deutsche Filmwelt wirkt mit: Hannah Herzsprung ist eine gestrenge Sisi, Uwe Ochsenknecht ein rauschebärtiger Onkel Luitpold (der spätere Prinzregent), Katharina Thalbach die Ludwig-Mutter Marie. Peter Simonischek, Justus von Dohnanyi, Michael Fitz und August Schmölzer und Gedeon Burkhard sind im Spiel. Südlichen Zungenschlag hört man dabei so gut wie nie, wir sind nicht bei Marcus H. Rosenmüller.

Nur der Sauerländer Edgar Selge als Richard Wagner (aus Leipzsch) sächselt vorsichtig. Selge ist ein Hingucker als heruntergekommener Komponist, der von seinem royalen Mäzen gerade noch so vorm Ruin aufgefangen wird. Ludwigs Minister attackieren den Komponisten wegen seiner Revoluzzer-Vergangenheit, der König aber sieht ihn als verwandte Seele. Immer besitzergreifender wird der gesponserte Meister, er fährt dem Fürsten auch mal grob über den Mund. Als diese Gegenfigur mittendrin aus dem Film genommen wird, fehlt sie ihm bis zum Abspann schmerzlich und man achtet stärker auf Formales.

Da fiel einem bis dahin nur die einmalige, höchst unpassende Hinwendung des Lakaien Mayr (Samuel Finzi) ans Kinopublikum auf. Nun bemerkt man, dass „Ludwig II.“ zu einem prächtigst ausgestatteten Gruß-und-Tschüs-Stück gerät, in dem man als Zuschauer kaum mehr Zeit für echte Einfühlung hat. Das Muster: Auftritt, Mitteilung an Ludwig, der Nächste, bitte! Zweieinhalb Stunden dauert der Film, nach deren zweier blickt man auf die Uhr – und dann übernimmt Sebastian Schipper als älterer Kini.

Der Film erzählt von Wollen und Scheitern eines sonderbaren Souveräns, der begreifen muss, dass seine Vorstellungskraft der Zeit voraus, seine Position aber überkommen ist, sich die Gesellschaft von ihren Fürsten verabschieden will. Diesen Wandel zeigen die Filmemacher auf. Wo historische Belege fehlen, schmücken sie aus. Dem schmucken Stallmeister Hornig unterstellen sie (wie schon Luchino Visconti) ein schwules Verhältnis zum Kini und jazzen ihn zur großen, verleugneten Liebe des Monarchen empor. In Versailles bricht plötzlich bei Königsbruder Otto (Tom Schilling) im Angesicht Bismarcks eine kriegsbedingte, posttraumatische Belastungsstörung aus, die ihn umgehend in die Gummizelle bringt. Und des Kinis geheimnisumwitterter Tod im Starnberger See bekommt von Sehr und Noelle auch seine Wahrheit. Filme mit goldmelierten Schriften können leider nichts offen lassen.

Bewertung: 3/5


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