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Starke Kerle: Hagen Stoll  (links) und Sven Gillert sind Haudegen.

Starke Kerle: Hagen Stoll (links) und Sven Gillert sind Haudegen. © Foto: Marcel Hotze

Interview

Haudegen mit Blut, Schweiß und Tränen

Deutschrock mit Arbeiter-Attitüde: Hagen Stoll und Sven Gillert alias Haudegen haben mit „Blut, Schweiß und Tränen“ ein Dreifach-Album veröffentlicht. Wir sprachen mit ihnen über Musik als Maloche und darüber, wie wichtig es ist, gegenüber Rechts klare Kante zu zeigen.

Hannover. Ihren Sound – Deutschrock mit Malochermentalität – nennen sie „Gossenpoesie“. Damit ist das Duo Haudegen alias Hagen Stoll und Sven Gillert zum Top-2-Act geworden. Am 21. Juli erscheint ihr Dreifach-Album „Blut. Schweiß und Tränen“. Ein Interview.

Ein Dreifach-Album – das ist ambitioniert. Warum machen Sie das?

Hagen Stoll: Ja, das ist ambitioniert. Es ist aber auch nötig, damit die Leute einfach mal all unsere Facetten kennenlernen.

Welche Facetten sind das? Herz, Kopf, Seele, wofür „Blut, Schweiß und Tränen“ stehen soll?

Stoll: Genau so. „Blut“ ist eine sehr harte Platte, vom Sound her und von den Aussagen her, letztlich eine Fortführung unserer ersten EP und eine Art Musik, wie wir sie lange nicht mehr gemacht haben. „Schweiß“ ist eher das klassische Haudegen-Album, also gute Midtempo-Nummern, gute Hymnen, die idealerweise Hoffnung und eine Perspektive in sich tragen. Und „Tränen“ zeigt unsere emotionale Seite, wo wir auch Dinge hervorkramen, die wir vergraben haben. Unser Leitspruch für diese Alben war: Wir möchten den Menschen alles geben; wir möchten nichts auslassen. Auf einem einzelnen Album wäre all das nicht möglich gewesen.

Jetzt sind es 30 Lieder geworden ...

Stoll: Wir sagen immer: Es sind 30 Tropfen, je zehn Tropfen Blut, Schweiß und Tränen.

Gibt es eine Reihenfolge, in der man die Alben hören sollte?

Sven Gillert: Nicht wirklich. Das ist Geschmackssache.

Was war zuerst da: die Idee zu den drei Alben oder der Titel?

Gillert: Der Titel. Wir haben inzwischen ja unser eigenes Label gegründet, und das heißt eben auch „Blut, Schweiß und Tränen“. Da lag die Idee nahe.

Das Zitat „Blut, Schweiß und Tränen“ kommt aus der berühmten Rede Winston Churchills, mit der er Großbritannien auf den Zweiten Weltkrieg einschwor ...

Stoll: Darf ich ganz ehrlich sein? Kenne ich gar nicht. Für uns ist das der Ausspruch der Arbeiterklasse, der Leute, die hart schuften. Ich kenne den von meinem Vater, der halt auch immer gesagt hat, er habe Blut, Schweiß und Tränen gelassen.

War es ein Kampf, die Alben zu machen?

Gillert: Es war auf jeden Fall harte Arbeit, vor allem mit unserem qualitativen Anspruch. Aber wenn man ein Dreifach-Album mit dem Titel macht, gehört halt auch dazu, dass man Blut, Schweiß und Tränen lässt. Es war das schwerste Album, das wir je gemacht haben. Allein die Auswahl zu treffen – wir hatten ja noch viel mehr Songs vorbereitet.

Wie entstehen die Songs? Sie kommen ja aus dem Rap – geht es mit dem Text los?

Stoll: Wir finden, dass ein guter Song mit einem guten Satz beginnt. Die meisten entstehen bei uns durch Gespräche von Sven und mir. Da schreiben wir manchmal hinterher Sätze ins Handy, und dann arbeiten wir – vor allem Sven – die Melodien aus. Aus dem ersten Satz ergibt sich ein Kehrsatz, daraus ein Refrain, und die Strophen erzählen letztlich die Geschichte des Refrains. Und das ist hoffentlich eine Geschichte, die die Menschen nachvollziehen und vielleicht sogar genau so erlebt haben.

Man hat jedenfalls bei Konzerten wirklich das Gefühl, dass Sie Ihren Fans aus der Seele sprechen, dass sie deren Lebenswelt – meist die des kleinen Mannes – treffen. Ist das Ihr Ziel?

Gillert: Das ist richtig. Unsere Songs sind aus dem Leben gegriffen. Wir sind ganz einfache Jungs, und das merken die Leute auch, dass es ernst gemeint ist, was wir machen. Es ist nicht selten, dass vor unserer Bühne ein Riesenkerl mit seiner kleinen Frau an der Seite steht und eine Träne vergießt, weil er sich wiederfindet in unseren Texten und seine Vergangenheit ein Stück weit verarbeiten kann. Das ist für uns ein wunderbares Gefühl. Denn die schönsten Gefühle, die ein Mensch zeigen kann, sind seine Tränen.

Stoll: Ich glaube, wir haben uns nie größer gemacht, als wir sind. Das wurde uns so anerzogen. Ich und Sven wissen, wo wir herkommen.

Woher kommen Sie denn?

Stoll: Wir sind in der Mittelschicht, Schrägstrich Unterschicht aufgewachsen, im sozialen Brennpunkt, in Marzahn. Die Menschen dort sind oft ganz pfiffige Leute. Dort wird noch Wert gelegt auf das Familiäre, auf Erziehung, darauf, anständig zu sein. Aber es passieren natürlich auch schwierige Dinge. Unser Umfeld bestand immer aus Leuten, die hart arbeiten mussten. Man kann ja nicht auf der faulen haut liegen und erwarten, dass etwas zu einem kommt. Das schlägt sich auch auf unsere Arbeitsweise nieder.

Zu dieser Mentalität gehört auch, klare Kante zu zeigen, auch gegen Rechts, wie Sie es immer wieder auf Konzerten tun ...

Gillert: Gerade als Künstler, als Menschen, die hunderttausende Menschen erreichen, tragen wir eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Man hat Macht als Künstler. Das muss man sich in jedem einzelnen Song verdeutlichen. Man hat drei Minuten dreißig Zeit, seinen Standpunkt darzulegen. Die muss man nutzen. Wir bewegen uns mit unserer Musik in einer Schublade namens Deutschrock. Da gibt es viel von diesem komischen sogenannten „Patriotismus“ – früher hat man „Nazi“ gesagt, heute sagt man „Patriot“. Da wollen wir ein Statement da lassen: Dass es uns nicht um diesen Patriotismus, um ein Gegeneinander geht, sondern um Miteinander, Toleranz und Menschlichkeit.

Stoll: Und eines noch: Es ist wesentlich einfacher, Songs zu schreiben, die in diese Deutschtümelei-Kerbe hauen, als das, was wir machen. Bands wie Freiwild, die sich die Tür zum rechten Gesindel offen halten, haben Songs, die uns ein Lächeln kosten würden. Aber uns ist unsere Haltung wichtig.

Haudegen live: am 11. November im Musikzentrum. Karten (35,35 Euro) gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch


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