Navigation:
Femme fatale: Katja Gaudard spielt die Titelrolle der „Medea“-Inszenierung im Schauspielhaus..

Femme fatale: Katja Gaudard spielt die Titelrolle der „Medea“-Inszenierung im Schauspielhaus..
© Michael Wallmüller

NP-Interview

Hannovers dreifache Medea

In mythische Zeiten führt am 31. August das Schauspielhaus mit der Premiere zum Start der Spielzeit. Katja Gaudard spielt in Tom Kühnels Inszenierung eine von gleich drei Versionen der sagenhaften Kindsmörderin. Im umfangreichen NP-Interview spricht sie über das Fremde an sich, Mann und Frau und dritte Wege.

Hannover. Mit „Medea“ startet kommenden Donnerstag die neue Spielzeit im Schauspielhaus. Tom Kühnel inszeniert den Stoff nach der Fassung von Franz Grillparzers und mit gleich drei Darstellerinnen der mythischen Kindsmörderin. Wir sprachen mit einer von ihnen, Katja Gaudard.

Eine dreifache Medea – was hat es damit auf sich?

Grillparzers Medea-Version besteht aus drei Teilen, „Der Gastfreund“, „Die Argonauten“ und dann der „Medea“-Teil, der uns wohl am geläufigsten ist. So sind die Medeen auch ein bisschen aufgeteilt. Vielleicht könnte man sagen, Medea, die Kolcherin, die Liebende, und das – naja – „Monster“, das seine Kinder tötet.

Das heißt, es gibt den kompletten Grillparzer.

Ja. Als ich den Grillparzer zum ersten Mal gelesen hatte, fragte ich mich: Wie viel Sinn ergibt der dritte Teil noch, wenn man schon erfahren hat, was passiert ist? Es gibt keinen Streit mehr um die Deutung der Vergangenheit, denn man kann sagen, wer an welcher Stelle Schuld hat. Dem aber entgehen wir, weil bei uns die ersten beiden Teile ganz anders behandelt werden als der dritte Teil und auch einem anderen Zweck dienen.

Nämlich?

Die ersten beiden Teile sind bei uns sehr ritualhaft gehalten, nacherzählend, musikalisch. Der erste spielt in einer Vorzeit, von der wir gar nicht wissen können, wie sie ausgesehen haben mag, die aber eine gewisse mythische Ordnung hat, in der die erste Medea aufgehoben ist. Und in diese Ordnung platzen die Griechen mit ihrem kolonialen Machtanspruch. Zwei Welten treffen aufeinander, die einen fühlen sich sofort bedroht, die anderen bitten um Aufnahme und falls das nicht geschieht, holen sie sich diese mit Gewalt. Angedeutet wird auch schon der Kampf der Geschlechter, Frauenwelt trifft auf Männerwelt: Kommen Fremde, sind es Männer, sind es Feinde, es ist ein Spiel aus Urzeiten, gepflegt bis heute. Mit den damit verbundenen Bildern kann man spielen.

Im zweiten Teil geht es dann um das goldene Vlies und seine Erbeutung ...

Genau, wieder treffen die Welten aufeinander. Das Vlies soll wieder zu den Griechen, aber da kommt die Liebe dazwischen, wie das ja manchmal so ist. Für mich stellt sich hier die Frage, ob Liebe es schafft, eine Brücke zu bauen. Beziehungsweise: Was verstehen die verschiedenen Welten überhaupt unter Liebe? Doch da hat auch eine Zeitreise stattgefunden, die Argonauten kommen eher aus einem Heute und treffen auf etwas anderes Fremdes, Faszinierendes, das die alte Ordnung noch einmal anders durcheinander bringt. Die zweite Medea löst sich quasi aus der alten Ordnung und individualisiert sich.

Und wer hat nun Schuld an der ganzen Misere?

Naja, welche Misere jetzt genau? Meinen Sie den Kindstod? Oder die scheiternde Ehe? Oder die Blutspur, die Medea und Jason hinterlassen haben auf der Flucht von Kolchis? Das kommt wohl darauf an, wann man einsetzt bei dieser Geschichte. Ich denke mir gerade plötzlich, Schuld ist das Vorurteil und das Gefühl ständigen Bedrohtseins, die Bedrohungslage erzeugt schuldhaftes Verhalten. Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, Kultur sei das, was zwischen den Menschen passiert, im Raum dazwischen; es ist nicht etwas, vor das man sich stellt und es verteidigt. Aber vielleicht spreche ich jetzt einfach als Anwältin meiner Figur und kann die Frage darum nicht anders beantworten.

Was bringt Medea dazu, mit Jason mitzugehen, dem Eroberer?

Da muss man auf die verschiedensten Medea-Varianten hinweisen. Als Frau denkt man da teils schmunzelnd, teils verärgert: Was sich all diese Männer alles zusammenfantasiert haben, was angeblich der Triebmotor einer Frau ist … Einem Mann zu folgen oder dann letztendlich die Kinder zu töten. Ob das nun Heinzchen Müller war oder all diese großen Schriftsteller, man hat so das Gefühl, der Mensch möchte sich erklärbar machen, warum es zu solchen Katastrophen kommt. Das ist natürlich verständlich, trotzdem hat man Lust, sich da zu wehren, also ich… Letztlich will ich einfach mal gucken, was meine Figur da zu mir sagt. Aber zurück zur Frage: Ich finde, sie steht vor einer Entweder-oder-Entscheidung. Medea will einen dritten Weg, der wird ihr aber nicht gewährt. So folgt sie einerseits dem Herzen, aber auch irgendwie einem unausweichlichen Weg. Schicksalshaft ...

Am Ende der ganzen Entwicklung steht die Kindstötung Medeas – die es in älteren oder anderen Fassungen des Stoffes gar nicht gab ....

Genau, bei Christa Wolf zum Beispiel. Das ist durchaus ein wichtiger Punkt in der Inszenierung, diese Mythenbildung.

Werden die anderen Fassungen in die Inszenierung hereinspielen?

Wir bleiben textlich schon sehr bei Grillparzer, doch wir bedienen uns auch bei Euripides, und es spielen noch Elemente hinein, die das Thema der Mythenbildung aufgreifen. Übrigens: Ich finde ja, dass der Moment von Medeas Schuld, der in Kauf genommene Tod ihres Vaters und ihres Onkels ist.

Nicht der Kindstod?

Neee, irgendwie nicht. Aber diese gängige, vielleicht männliche Interpretation, zu sagen, die bringt ihre Kinder um, weil sie verlassen wird, das ist mir zu klein gedacht. Da steht nur eine beleidigte Frau. Glaubt ihr Männer, wir können nicht mehr weiter, nur weil ihr nicht mehr da seid? Das ist so eine Verzwergung des Beziehungsstatus.

Was wäre denn die weibliche Sicht?

Ohne für alle Frauen sprechen zu wollen, da kämpfe ich auch immer um die Sicht des Menschen fern ab der Geschlechterrolle: Ich glaube, für sie geht es in einer gewissen Weise darum, Ordnung zu schaffen. Medea geht mit einem Vorsatz in den dritten Teil, der übrigens jetzt die Spur der ersten beiden Teile verlässt, da sind wir in der jetzt real ausgeführten Auseinandersetzung angekommen zwischen den Figuren ...

Was will sie denn?

Sie geht in den dritten Teil mit dem Vorsatz: Ich begrabe meine Vergangenheit, ich will einen Neuanfang, ich will kulturelle Unterschiede überwinden, die Beziehung retten und mich auf die neue Welt einlassen. Jason und sie haben wahrscheinlich eine Blutspur hinter sich gelassen, auf dem Weg von Kolchis nach Korinth, in meiner Fantasie wie Bonny und Clyde oder Baader-Meinhof. Die Verletzungen haben schon alle stattgefunden, und zwei Kinder sind jetzt da, aber das geht komplett in die Binsen. Man ist hineingezwungen in einen höllischen Ehestreit, in den man nicht unbedingt wollte. Und da denkt sich Medea: Ich mache ungeschehen, dass da diese zwei Kinder sind, die für Jason vor allem den Erhalt des Status quo bedeuten: Man hat Kinder, man hat Geld, und man hat wieder eine junge Schnecke. Wenn das alles ist, hat es die Welt nicht verdient. Medea will nicht, dass dieses männliche Denken überlebt. Es sind Knaben, seine Söhne, die zu Helden erzogen werden sollen, zur nächsten Generation Imperialisten oder Egoisten. Medea will nicht, dass diese Saat aufgeht: diese egoistische Gesellschaft, die Ressourcen raubt, die Menschen raubt.

Haben die beiden anderen Medeas, Vanessa Loibl und Carolin Haupt, eine andere Sichtweise?

Ja, und das finde ich spannend. Der Regisseur wollte es nicht nur durch eine Frau, durch eine Perspektive beglaubigt haben. Da ist die Vanessa Loibl als die jüngste Medea, bei der noch das Kind mitschwingt, aber auch der Zauber, Vanessa Loibl taucht im dritten Teil dann als Kreusa auf, was ich sehr spannend finde. Carolin Haupt als zweite Medea, die die Liebe entdeckt und herausgerissen wird aus der alten Ordnung. Und ich eben die dritte. Jede arbeitet aus ihrer Fantasie und aus ihrem Erfahrungsstand heraus, und wir denken vielleicht auch alle unterschiedlich über feministische Inhalte.

Wie feministisch wird es denn?

Kann ich nicht sagen, da stecke ich zu sehr drin, aber Tom Kühnel hat sich sehr damit auseinandergesetzt.

Was lernen wir aus diesem Stück?

Es gibt Dinge, die wir wissen, auf die man nicht mehr besonders verweisen muss: Wir wissen zum Beispiel, dass, wenn die Eltern sich streiten, die Kinder leiden. Was mich fasziniert, ist das Verhältnis zu Leben und Tod, zu Werden und Vergehen. Wovon wir überhaupt keinen richtigen Begriff mehr haben, wir zerstören Dinge ohne irgendeinen Hintergedanken. Wir sind so sehr gefangen in unserem kleinen Pupsleben in diesem riesigen Universum und im Ringen darum, dass wir den Blick für das Andere verlieren.

Anders gefragt: Warum sollte sich der heutige Zuschauer für den Stoff interessieren?

Weil es darin um die großen Themen Liebe, Lust, Leidenschaft, Abgrund und Verrat geht. Es macht einfach großen Spaß, das zu spielen.

Die Männer, die als Bedrohung kommen, das Bauen von Brücken, die Frau in der Fremde – es fällt schwer, den Stoff nicht aktuell zu lesen.

Ja, aber muss man das ganz stark ausformulieren? Ich mag das, wenn der Zuschauer sich da seine eigenen Assoziationen bauen kann, wenn er angeschubst werden kann in verschiedene Richtungen. Wenn ich etwas überdeute, geht das nicht so gut. Die jungen Männer hier haben einen kolonialen Anspruch; die sind nicht auf der Flucht. Da ist es wurscht, ob die nun grün, blau, rosa sind oder unter amerikanischer, russischer oder wer-weiß-welcher Flagge segeln.

Und sind sich Mann und Frau nicht sowieso immer fremd?

Eben, und da sind wir zum Schluss beinahe in so einer Situation wie bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Das Fremde muss nicht überdeutet werden.

Wer deutet denn? Wer erzählt diesen Stoff? Wer unterwirft sich diese Geschichte?

Das ist eine sehr gute Frage, ich denke, genau darum ringen wir, zu befragen, welche Standpunkte hier gegeneinander stehen und Geschichten so oder anders deuten.

Das Stück

Der Argonaut Jason kommt nach Kolchis, um das gottgegebene goldene Vlies zu rauben. Die Königstochter Medea erobert er gleich mit. Sie folgt ihm nach Griechenland und stellt im fremden Land fest, dass er immer noch seiner ehemaligen Geliebten Kreusa verfallen ist. Als man sie vertreiben möchte, tötet sie die gemeinsamen Kinder. Das mythische Drama der Medea wurde vielfach und in vielfachen Versionen adaptiert. Regisseur Tom Kühnel nutzt für seine Inszenierung am Schauspielhaus „Das goldene Vlies“, die Fassung des österreichischen Dramatikers Franz Grillparzer (1791–1872). „Medea“ eröffnet am 31. August (19 Uhr) die Spielzeit. Es gibt noch Karten in allen Preisklassen: Sie kosten 23 bis 45 Euro.

Von Stefan Gohlisch


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Kümmern Sie sich schon um Ihre Weihnachtseinkäufe?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie