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Kultur Hannover hat ein „Auerhaus“
Nachrichten Kultur Hannover hat ein „Auerhaus“
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16:57 20.03.2017
Im Auerhaus: (von links) Höppner (Sebastian Weiss), (Cäcilia) Emilia Reichenbach, Pauline (Julia Schmalbrock) und Vera (Anne Rohde) Quelle: Fotos: Isabel Machado Rios
Hannover

Nichts ist so grau wie dieses Beige. Knochenfarbene Häuserfronten hat Bühnenbildnerin Mona Lühring in den Ballhof zwei gesetzt. Hier, in einem namenlosen Kaff der 80er Jahre, siecht die alte Bundesrepublik. Nur hinter einer Fassade tobt das Leben. Dort liegt das „Auerhaus“, und das spielt in dem Stück nach Bov Bjergs Bestseller eine mindestens so große Rolle wie seine Bewohner.

Abiturient Frieder Maximilian Grünewald) ist hier eingezogen, in das alte Haus seines Opas. Er hat zu viele Schlaftabletten genommen: „Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied“, erklärt er seinem Kumpel Höppner (Sebastian Weiss).

Der zieht gleich mit ein. Und seine Freundin Vera (Anne Rohde), die mit so ziemlich jedem schläft außer mit ihm. Cäcilia, die wohlhabende, gelangweilte Tochter reicher Eltern. Später kommen noch die schöne Pyromanin Pauline (Julia Schmalbrock) dazu und Harry (androgyn und etwas blass: Julian Mandernach), ein Kindergartenfreund Höppners, der gerade herauszufinden sucht, ob er nun schwul ist oder nicht.

Man kann Grünewald gar zu leicht als bleiches hübsches Jüngelchen besetzen. Kelle lässt ihn von der Leine. Sein Frieder ist so schicksalsergeben wie -verdrossen, übermütig und lebenssatt zugleich. Wenn der Tod als Endgegner erst einmal seinen Schrecken verloren hat, ist alles, was kommt, ein Bonuslevel. Weiss als Höppner ist sein geerdeter Gegenpart, einer der noch strauchelt und deswegen kämpft.

Bonusleben: Frieder (Maximilian Grünewald, rechts) mit Harry (Julian Mandernach) Quelle: Isabel Machado Rios

Draußen schütteln die Dörfler den Kopf über die seltsame WG, aus deren Fenstern immer „Our House“ von Madness erklingt. Drinnen treibt die Bewohner eine Frage um: Gibt es ein Leben vor dem Tod? Bloß nicht der Routine von „Birth, School, Work, Death“ verfallen, wie es die Godfathers damals in ihrem größten Hit besangen: Geburt, Schule, Arbeit, Tod. Da muss es doch noch mehr geben, oder?

Sechs Außenseiter geben sich selbst die Antwort: Es kommt beim Dasein weniger auf die Quantität als auf die Qualität an. Anna Vera Kelles charmante Inszenierung ist so roh und unverfälscht wie die Vorlage. Sie lässt es wirken, als erzählten sich die Akteure selbst ihre Geschichte; sie überspringen schon mal ganze Kapitel, wenn es der Dramatisierung dient, und als Reichenbach bei der Premiere einmal der Souffleuse das Textbuch entreißt und daraus abliest, weiß man nicht, ob das pure Notwendigkeit ist oder ein kackfrecher Regieeinfall.

Es ist die Stärke von Bov Bjergs Buch, und es ist auch die Stärke dieser Inszenierung, wie authentisch es das Zaudern und den Zauber, die Lust und den Schmerz der Jugend transportiert. Dere berühmte Sommer eines Lebens, hier ist er ein Jahr, von dem sich alle Beteiligten noch lange erzählen werden – zumindest die, die es überleben.

Denn das Happy End, das „Auerhaus“ bietet, ist trügerisch, eine schöne Fantasie. So einfach ist es leider nicht, dieses Leben. Es geht unerbittlich weiter. Bleiernes Beige legt sich über die Szenerie; das Licht schwindet. „Das war schon mal anders“, sagt Höppner: „Du hast es bloß vergessen.“ Daran, was geht, erinnert dieses einfühlsame Stück.

Von Stefan Gohlisch

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