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Kultur Hannover gibt Recklinghausen ein Ruhrepos
Nachrichten Kultur Hannover gibt Recklinghausen ein Ruhrepos
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00:18 17.06.2018
Schräg: Im Festspielhaus Recklinghausen feierte jetzt „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ Premiere, eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Hannover. Quelle: Katrin Ribbe
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Recklinghausen

Durch die „Heimat“ geht ein Riss. Aus blauen Worten auf magentafarbenem Grund ist das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen auf Plakate, Programmhefte und Karten gedruckt. „Bleibe“ und „Abschied“ stehen da, „Fremde“ und „Nähe“. Heimat sollte und soll neu gedacht werden bei dem sechswöchigen Festival der schönen Künste, das am Sonntag endet, eine Heimat, die insbesondere im Ruhrgebiet flüchtig ist. Und eine besondere Rolle kommt der Abschluss-Inszenierung zu: „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ – eine Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover, die jetzt Premiere feierte.

Frank Hoffmann, nach 14 Jahren scheidender Intendant der Ruhrfestspiele, hatte sich zum Abschied die Wiederbelebung einer Leerstelle der Kunst gewünscht: Bertolt Brechts und Kurt Weills nie zustande gekommene Industrieoper „Ruhrepos“. Der Münchner Autor Albert Ostermaier wurde mit der unmöglichen Aufgabe betraut. Mehrere nordrhein-westfälische Theater winkten ab. Das Schauspiel Hannover griff zu. Es ist die Krönung einer Zusammenarbeit, die in den Vorjahren so erfolgreiche Produktionen wie „Der Auftrag“, „Rocco und seine Brüder“ und „Hool“ hervorbrachte.

Der Aufwand ist groß: Mit drei 20- und einem 7,5-Tonner wurden Bühne und Technik von Hannover ins Festspielhaus in Recklinghausen transportiert. Sechs Techniker, fünf Beleuchter, fünf Requisiteure und vier Mitarbeiter der Kostümabteilung sind mitgekommen. Es spielen die Ensemblemitglieder Jakob Benkhofer, Katja Gaudard und Mathias Max Herrman, dazu als Gäste Aljoscha Stadelmann, Hubert wild und die auch aus Fernsehformaten wie „Pastewka“ und „heute-show“ bekannte Bettina Lamprecht.

Ein niedersächsisches Staatstheater, ein Münchner Autor und ein isländischer Regisseur sollen dem Ruhrgebiet einen neuen Mythos stiften. „Die Aufgabe ist unmöglich“, wird Arnarsson auf der anschließenden Premierenparty im Gespräch mit der NP sagen. Und so thematisiert er auch dieses Scheitern-Müssen – neben vielem anderen – in einem vierstündigen, für ihn typischen Ideentaumel, der wechselt zwischen Dekonstruktion des Theaters und intellektuell aufgeladenem Bilderbogen, Wahnsinn und Sinnsuche.

„Es ist ein Abend über das Scheitern“, sagt Intendant Hoffmann bei seiner Rede auf der Premierenfeier: „Trotzdem ist dieser Abend gelungen, und auch das Scheitern ist gelungen.“

Man steigt bei diesem „Ruhrepos“ mit Monteverdis „Orpheus“ in die Unterwelt wie in einen Kohlenschacht, hört Kurt-Weill-Pastiches von dem Pianisten, Komponisten und Schlingensief-Weggefährten Arno Waschk, bekommt historische Abrisse und sieht, wie Jakob Benkhofer als Ostermaiers Alter Ego unter Brechts Kappe verschwindet, als sei diese Zwerg Alberichs – wer dem Verlorenen nachspürt, droht zu entschwinden.

Klamauk und Hochkultur in schwindelerregendem Wechsel. Und wie schon in Arnarssons hannoverscher „Edda“ gibt es kein Anfang und kein Ende, sondern ein einziges Kreisen, hier um das Thema des Verlusts. 2018 endet immerhin nicht nur die Intendanz Hoffmanns, sondern mit der Schließung der letzten Zeche im Pott auch ein Stück Industriegeschichte.

Wer sich darauf einlässt, kann sich denn auch verlieren in dieser „verlorenen Oper“, diesem mäandernden Bogen der Bilder und Töne. Wer aber eine nestwarme Illustration der Kohlenpott-Romantik- mit Anklängen an Grönemeyer und Dreigroschenoper erwartet hat, ist hoffnungslos verloren. In der Pause verabschiedet sich ungefähr ein Drittel des Publikums. Dabei ist all das enthalten, mitunter freilich gut verborgen.

„Aber am Ende sind es gerade diese Dissonanzen und Stimmungsschwankungen, dieses ständige Zuviel, das zugleich auch ein Zuwenig ist, die diese widerspenstige Kollektivanstrengung zu einem Ereignis machen“, wird die Website „Nachtkritik“ am frühen Morgen.

Man darf sich auch in Hannover auf dieses „Ereignis“ freuen. Zum Ende dessen zweiter Hälfte dreht sich zu Ostermaier-Gedichten ein Bühnenrondell eine knallbunt-melancholische Pirouette des Scheiterns. Kein Ende, kein Anfang, nur Suchen. Geschichten sind ein guter Kitt. Doch manche Risse bleiben – insbesondere, wenn es um Heimat geht.

Die Hannover-Premiere des „Ruhrepos“ ist für den 31. Januar 2019 angesetzt.

Von Stefan Gohlisch

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