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Kultur Hamlet mit Kalaschnikow
Nachrichten Kultur Hamlet mit Kalaschnikow
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11:20 04.10.2010
Moritz Nikolaus Koch hat als Hamlet die Kalaschnikow dabei. Quelle: Hartmann

VON SIEGFRIED BARTH

HANNOVER. Der Tod lässt Seifenblasen von der Bühne trudeln, während die Zuschauer noch ihre Plätze suchen. Eine Szene zwischen Roncalli und Halloween, es soll aber Hamlet werden. Es wird ein gewagter Hamlet, aufgemotzt, auf Aktualitäten zugespitzt, Shakespeare kommt auch drin vor.

So was wie Roncalli und Halloween, Kleinkunst und Entertainment, sind am Aegi zu Hause. Vor mehr als drei Jahrzehnten war das Theater auch Schauspielhaus, bespielt von der Landesbühne. Die ist inzwischen durch Fusion im Hildesheimer Theater für Niedersachsen aufgegangen, und das kehrt nun an den Aegi zurück. Ein Heimspiel?

Ja, aber ein gewagtes, denn diese Tradition ist lange abgerissen. Intendant Jörg Gade freut sich, dass 600 Leute gekommen sind. Das sind mehr, als die vorige Spielstätte an der Bultstraße hätte fassen können, aber das riesige Aegi füllen sie nur halb. Die Ränge bleiben fast frei, das Parkett hat einen angenehmen Füllungsgrad. „Hamlet“ zeigt, das Modell könnte funktionieren. Das Publikum applaudiert freundlich, den Hauptdarsteller bejubelt es sogar.

Das ist Moritz Nikolaus Koch, ein drahtiger junger Mann, der den Dänenprinzen als Rockstar spielt. Folglich wird seine Geliebte Ophelia (Joelle Rose Benhamou) zum Groupie, zum Girl von nebenan, was ihrem berühmten Wahnsinnstod nicht gut bekommt. Groupies gehen, wenn sie durchdrehen, nicht gleich ins Wasser.

Regisseurin Karin Drechsel will zwei Welten verbinden, die sich vehement abstoßen. Der dänische Königshof, der sich auf Mord gründet, und die Niederungen der Popszene haben keine plausiblen Schnittstellen. Auf dem Boulevard gibt es keine Tragik und Seelengröße im Guten oder Bösen, Superstars haben dazu kein Talent. Leider muss Hamlet immer wieder aufs RTL-Niveau medialer Casting-Shows abstürzen und mittelmäßige Musik (von Fred Kerkmann) machen.

Aber Koch ist eben ein drahtiger Typ, er rappelt sich wieder. Sein Antrieb, den ermordeten Vater zu rächen, erwacht neu und entwickelt die intelligente, zynische und letztlich mörderische Shakespeare-Schärfe, die seine verblüffende Modernität ausmacht. Hamlet als Terrorist, das hätte vielleicht besser gepasst als die mediale Seichtigkeit des modernen Seins.

Am Königshof hat man das Problem der inneren Spaltung nicht. Rüdiger Hellmann und Ulrike Lodwig als kriminelles Königspaar, Gotthard Hauschild als seifiger Hofschranze Polonius, das sind reine Shakespeare-Figuren, und so werden sie auch gespielt. Weil aber das Showbusiness so grell hereinbricht und die Spannung immer wieder auf null setzt, wirkt die Tragödie nur noch wie die Gegenwelt einer Gegenwelt. Shakespeare bekommt eine unverdiente Zweitrangigkeit.

Einzig im Bühnenbild von Julia Hattstein sind die Welten perfekt integriert. Die steingrauen Faltwände nutzen die riesige Aegibühne voll aus, sie wirken mal prunkvoll, mal kalt und mal schauerlich. Sie enthalten auch genügend Schubladen für die vielen Leichen dieses Stücks. Am Ende macht der Tod mit der lächerlichen Halloween-Maske (der bei Shakespeare nicht vorkommt) wieder Seifenblasen.

Bewertung: 3/5

Wieder am 5.10., 20 Uhr.

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