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Kultur Haarmann-Comic: Anatomie eines Mörders
Nachrichten Kultur Haarmann-Comic: Anatomie eines Mörders
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13:03 01.10.2010
Der Mörder und sein Bildnis: Isabel Kreitz hält sich bei ihrem "Haarmann"-Comic an Fotos der handelnden Personen.
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VON STEFAN GOHLISCH

Der grobschlächtige Mann steht auf, geht zum Schrank, nimmt das Beil, sinniert noch mal kurz, beginnt, die Leiche zu entkleiden, das Hemd, die Hose, die Unterwäsche, er legt den leblosen Körper auf den Boden, greift wieder zum Beil, deckt zumindest noch ein Tischtuch über den Kopf, bevor er wirklich loslegt. Die Menschen draußen, der Trödler, der Kriegsversehrte, die Kinder, bemerken nichts. Ein normaler Tag in Hannovers Altstadt der 1920er Jahre. Haarmann ist hier, Fritz Haarmann.

In erschreckend ruhigen filmischen Bleistiftzeichnungen hat Isabel Kreitz das mörderische Treiben aufgezeichnet, schonungslos, aber nie marktschreierisch. „Das Milieu ist der eigentliche Hauptdarsteller“, sagt die Hamburgerin: „Die Figur des Fritz Haarmann ist weniger interessant.“

Jedes Kind kennt die Geschichte von Haarmann, diesem als geisteskrank eingestuften Polizeispitzel, der in den Jahren 1923 und 1924 junge Männer umbrachte und der Legende nach zu Wurst verarbeitete (siehe auch unten rechts). „Warte, warte nur ein Weilchen …“ – mit dem Schauerlied endet auch der Comic, den Kreitz nach den Vorgaben des Worpsweder Schriftstellers Peer Meter zu Papier brachte.

Der verantwortete – damals mit dem Zeichner Christian Gorny – 1990 einen ersten Haarmann-Comic, der nie vollendet wurde. Aber speziell dadurch kannte auch Kreitz, eine der renommiertesten deutschen Zeichnerinnen, die historische Figur, außerdem durch den Fritz-Lang-Film „M“ von 1931, der mehr oder weniger offen die Geschichte erzählt: „Mich fasziniert es, diese Zeit zu zeichnen – die Gegenwart wäre ja eine pure Abbildung.“

Die Vorarbeit war nicht einfach; viele Gebäude, in denen sich Haarmann bewegt hatte, sind im Krieg zerstört worden. „Ich habe nach historischen Fotos gearbeitet, musste aber auch vieles aus anderen Städten substituieren“, sagt Kreitz. In der Altstadt, damals ein Armen- und Gaunerviertel, wurde nicht viel fotografiert. Gerade daher ist es faszinierend, wie viel ein hannoverscher Leser wiedererkennen wird: die Rote Reihe, den Hauptbahnhof, das Polizeipräsidium …

Die Faszination für den Massenmörder Haarmann ist ungebrochen. Kreitz und Meter thematisieren vor allem den Skandal hinter der Untat: die Nachbarn, die nicht hinguckten, die Polizisten, die nicht nachfragten, die Opportunisten, die mit Haarmann hehlten. Für Kreitz macht das den Stoff sehr zeitgemäß: „Nachbarn, die sich nicht für Nachbarn interessieren, gibt es heute auch noch.“

Der Comic ist erhältlich und wird offiziell am 4. November ab 20 Uhr von den Autoren in der Polizeigeschichtlichen Sammlung vorgestellt. Tags drauf signiert Kreitz ab 15 Uhr bei Comics am Steintor.

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