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Kultur Für Andrea Arnolds "Fish Tank" gabs in Cannes den Jurypreis
Nachrichten Kultur Für Andrea Arnolds "Fish Tank" gabs in Cannes den Jurypreis
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16:34 22.09.2010
Raus aus dem engen Leben: Die 15-jährige Mia (Katie Jarvis) träumt von einer Karriere als Tänzerin.
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VON MATTHIAS HALBIG

Das traurige Pferd zieht Mia an. Es steht grau und klapprig auf einem Bruchbudenplatz im Nirgendwo. Erst versucht die 15-Jährige, seine Kette mit einem Stein loszuschlagen, später kommt sie mit einem Hammer. Das Pferd fühlt sich gefangen an. Empathie. So fühlt sich Mia selbst.

Die Oscar-gekrönte britische Regisseurin Andrea Arnold (für ihren Kurzfilm „Wasp“, 2003) führt den Zuschauer nach Essex, wo die Themse sich dem Meer weitet. In Mias Viertel aber ist England eng, Kleinstbritannien, Muschelketten klappern an fleckigen Fenstern, Mädels tanzen auf dem Rasen vor grinsenden Jungs. Für den Moment ist alles cool, aber man sieht hier schon die Zukunft dieser Kinder, grauer als der Himmel. Mia will hier raus, will auch tanzen, aber ernsthaft. Die Mutter hat kein Ohr für Sehnsüchte anderer, sie lebt gern leicht, in Träumen. Doch Mamas neuer Lover ist da: Connor ist witzig, sensibel, kann Fische mit bloßen Händen fangen und grinst wie der Rote Korsar mit dem Enterhaken in der Rechten. Welt, ich will dich kapern! Mia ist kratzbürstig, anfangs, dann wird sie locker gegenüber Connor, und dann kommts, wie es kommen muss.

Der Deutsch-Ire Michael Fassbender und die auf einem Bahnhof entdeckte Katie Jarvis sind ein Traumpaar im Hoffnungslosen. Ein Schnuppern an Haaren, ein Anschmiegen, bei der ersten Gelegenheit schon begehrt Kumpel Connor Liebhaber zu werden. Und die verletzte, einsame, ruppige Mia wird in der verbotenen Geborgenheit ganz weich. Am nächsten Morgen ist der Kerl weg, das Mädchen ist fassungslos. Sie sucht ihn, findet ihn in einem anderen Leben, dieselbe Lüge, die Lone Scherfigs Jenny in „An Education“ aufdeckte. Mia rächt sich bitter.

Bestes Echtes-Leben-Kino rollt hier ab, Brit-Kino vom Kaliber eines Ken Loach. Die Geschichte hält in Atem, eine Abwärtsspirale, Pfeil Richtung Tragödie. Mit nervenaufreibenden Szenen, in denen man schwer um die liebgewonnene Heldin bangt. Mias Tanzcasting führt in einen Stripclub, und auf dem Bruchbudenplatz steht dann auch kein Pferd mehr. Aber als gerade alle Welt aus dem Leim zu gehen scheint, hält Andrea Arnold einen Trost für ihre Heldin bereit.

Kein Gramm Kitsch an diesem Ende, der Film erhielt im Vorjahr in Cannes den Preis der Jury. Den gibts nicht für sentimentale Wirklichkeitsbeugung. „Ich geh nach Wales“, sagt Mia ihrer kleinenSchwester Taylor. „Sag den Walen in Wales hallo!“, ruft die, weint und winkt kurz und hat dann schon wieder anderes im Sinn. HHHHH

„Fish Tank“, UK/NL 2009, 123 Min. Regie: Andrea Arnold. Darsteller: Katie Jarvis, Michael Fassbender.

Die Einsamkeit des Erwachsenwerdens. Sozialdrama mit herausragender Hauptdarstellerin.

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