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Kultur "Freiheit" - der neue Roman von Jonathan Franzen
Nachrichten Kultur "Freiheit" - der neue Roman von Jonathan Franzen
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14:55 08.09.2010
Jonathan Franzen.
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VON EVELYN BEYER

Schon ein Brocken von Buch, 736 Seiten schwer, düster gewandet, und das angeknackste Ei mit der Aufschrift „Freiheit“ gibt auch nicht das animierendste Cover ab. Dazu gehts umständlich, fast zäh los, mit einem Blick von weit außen auf Walter und Patty, einstiges Vorzeigepaar von Ramsey Hill, die ihr Leben in Washington ziemlich verpfuscht haben sollen. Was dann aufgedröselt wird.

Das also ist der Roman, der Amerika in den Tiefen der Seele erschüttern soll? Der seinen Urheber Jonathan Franzen auf den Titel des Magazins „Time“ hievte, dorthin, wo James Joyce, Ernest Hemingway und J. D. Salinger standen und zuletzt Stephen King, vor zehn Jahren? Nun Franzen, dreitagebärtig, schwarzbebrillt, Blick zur Seite. „Great American Novelist“ stand dabei, und natürlich zielt „Freiheit“ auf nichts Geringeres als „Die Große Amerikanische Erzählung“. Schon „Korrekturen“ war so angelegt, der Roman vom Scheitern der Familie Lambert, erschienen kurz vor dem 9/11-Schock.

„Corrections“, der Originaltitel, ließ sich auch mit Gefängnis übersetzen; jetzt, nach neun Jahren Ringens mit den Wörtern, also „Freedom“, „Freiheit“, dieses aufgeladene, zuletzt als Kriegsaktion „Enduring Freedom“ kompromittierte Wort. Es handelt von der Genera­tion, die in den 70ern am Käfig der Konventionen rüttelte. Walter, Umweltkämpfer, Ehefrau Patty, Ex-Basketballstar, seine Kinder Joey und Jenny: Sie alle finden sich im freien Amerika mit allen Mittelklasse-Freiheiten wieder – und stürzen im freien Fall ab. Das wortreiche Geplänkel um Freiheit, das sich leitmotivisch durchs Buch zieht, hat ein Gegenthema: Depression.

Patty erliegt ihr, weil sie sich für Walter entschied, ihre Leidenschaft für seinen Freund, den düster-coolen Alternativrocker Richard, aber unerfüllt weiterglimmt. Walter erliegt ihr, als seine neue Liebe nach kurzem, keineswegs ungetrübtem Glück gegen einen Baum fährt.

Das könnte alles fürchterlich banal sein, wäre Franzen nicht der geniale Erzähler, der er ist. Der jedes Kapitel besonders gestaltet, das erste und das letzte als Blick von weit außen, das zweite als Manuskript von Patty, einem Schreiben-als-Therapie-Versuch, die folgenden aus je einem Blickwinkel, die Ereignisse der anderen Kapitel aus anderer Sicht aufgreifend. Alles Unglück ist mit allem verwoben, jede Geschichte sieht von jeder Seite anders aus.

Und die Geschichten graben tief. Franzen schafft glaubhafte Figuren – und erfasst in ihnen doch die Stimmungen einer Nation. Wie Walter sich vor den Karren des Kohle-Tagebaus spannen lässt, weil angeblich Schutzgebiete für ein aussterbendes Vöglein geschaffen werden, wie Sohn Joey aus dem demokratisch geprägten Elternhaus zur prolligen Republikanerfamilie nebenan zieht und sich später republikanischen Geldkreisen an den Hals schmeißt: Franzen lässt solche Entwicklungen verstehen. Rockkult, Internethype, internationalen Finanzbetrug: alles flicht er ein.

Wie er das Typische im Individuellen nicht künstlich konstruiert, sondern tatsächlich zu erforschen scheint: Darin reicht ihm auch kein Thomas Pynchon oder Don DeLillo das Wasser. Er zeichnet ein großes Panorama der Generation, die aufbrach zu neuen Freiheiten und mühsam lernte, dass Freiheit und ein sinnvolles Leben keineswegs Zwillinge sind. Und er erzählt voller Mitgefühl, mit jedem seiner strauchelnden Protagonisten. Wer sich eingelesen hat, wird gebannt Aufstieg und Fall der Berglunds verfolgen, auch wenn man ihre Probleme zum Teil als ziemlich amerikanisch empfindet. Dass Franzen seine gereiften Hauptpersonen am Ende auf aussichtsreiche Wege bugsiert, stimmt ganz unvermutet hoffnungsvoll.

Jonathan Franzen: „Freiheit“. Rowohlt, 736 S., 24,95 Euro.

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