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Kultur Frank Schätzing: "Ich erkläre mir selbst die Welt"
Nachrichten Kultur Frank Schätzing: "Ich erkläre mir selbst die Welt"
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15:08 07.01.2010
Frank Schätzing

Das wird im Aegi jetzt wohl keine Lesung mit Tisch, Stehlampe, Mineralwasser?
Definitiv keine Leselampe! Mineralwasser aber schon – hinterm Vorhang und ohne Kohlensäure. Mit Kohlensäure verrülpst man bloß die Pointen (lacht). Nein, „Limit-live“ wird eher eine Revue, ein Popkonzert, eine Multimediashow. Ich werde gar nicht viel aus dem Buch lesen, nur einige Hors d'Oeuvres. Dafür mehr über Hintergründe reden und Zukunftsszenarien stricken. Dazu gibt's tolle Filme zu sehen, spektakuläre Bilder, einen Soundtrack, Gags, Effekte, eine ganze Welt wird erschaffen, man soll tief eintauchen können. Vielleicht treten auch einige Figuren aus dem Buch auf.
Der Anfang der Lesung im Blockbuster-Stil?
Ich habe nicht den messianischen Anspruch, Lesungs-Gewohnheiten revolutionieren. Zu Literaten wie Uwe Timm etwa würde eine solche Form gar nicht passen. Zu mir und meinem Stoff aber schon. Ich probiere halt gerne verschiedene Formen des Entertainments aus. So ein beinharter Literat bin ich ja gar nicht, eigentlich bin ich Musiker.
Und machen auch Musik?
Seit Jahren: Soundtracks für Hörbücher, demnächst auch mal für einen Kinofilm. Ich finde, dass man mit Musik ganz vorzüglich Geschichten erzählen kann. Beim Schreiben von „Limit“ habe ich mir alle vier, fünf Stunden die Gitarre geschnappt, um mir den Kopf frei zu spielen. Auf diese Weise sind zwei, drei Dutzend Songs entstanden. Die will ich irgendwann, vielleicht in diesem Jahr, mit Freunden aufnehmen.
Schreiben Sie auch den Soundtrack zum Film „Der Schwarm“?
Wäre reizvoll, aber diese Entscheidung liegt nicht in meinen Händen. Der Score zum „Schwarm“-Film ist auch eher was für die Hans-Zimmer-Klasse, obwohl ... Danny Elfman wäre mir lieber.
Was ist der aktuelle Stand in Sachen „Schwarm“-Verfilmung?
Wir werden's wohl dieses Jahr angehen. Das Geld war lange Zeit das Problem, Hollywood hat die Krise gespürt, wir auch. Jetzt haben wir das Budget beinahe zusammen. Das Ganze dürfte eine 150-Millionen-Dollar-Produktion werden. Wir haben ein Superteam am Start: Ted Tally, den Drehbuchschreiber von „Das Schweigen der Lämmer“, Uma Thurman als Hauptdarstellerin und Ko-Produzentin, die De-Laurentiis-Familie ist an Bord und ein Superregisseur auch, den ich noch nicht ausplaudern darf, weil die Tinte noch nicht ganz trocken ist. Er besitzt aber hohe Credibility im Spezialeffektkino.
Gibt es schon Ideen, „Limit“ zu verfilmen, etwa als 26teilige SF-Serie vom „Battlestar-Galactica“-Niveau?
Es gibt erste Anfragen, aber diese Baustelle haben wir bis Frühjahr zurückgestellt. Ich könnte mir da schon eine gut budgetierte Kultserie vorstellen. Meine Mond-Reisegruppe hat ja durchaus Soap-Potential.
Früher reichten in der Science fiction ja tolle Storys und tolle Aliens. Heute muss man Fortschritt nicht nur behaupten, sondern seine Fantasie wissenschaftlich fundamentieren. Machts das schwierig?
Man muss mehr recherchieren. Der Teufel steckt im Detail. Will man realistisch sein, muss alles stimmen, sonst wird man vorführbar. Auf der anderen Seite habe ich großen Respekt vor Space-Sagas wie „Star Wars“, „Star Trek“ oder jetzt „Avatar“. Durchweg reine Fantasiewelten, aber in sich so ausgeklügelt, dass das nicht weniger Arbeit ist.
Die wissenschaftlichen Abhandlungen bremsen die Story eher aus. Warum sind sie dennoch nötig?
Der Bedarf des Lesers, unsere Welt zu verstehen, ist mehr und mehr gewachsen.
Ist Schreiben für Sie Fortbildung?
Ich hab keinen edukativen Ansatz, ich erklär mir selbst die Welt mit dem, was ich schreibe. Und verbinde das für den Leser mit einer spannenden Story.
Wo liegen Ihre Science-fiction-Wurzeln?
„Raumpatrouille“ im Fernsehen. Ich hab mich unheimlich vor den Robotern und den Aliens dort, den Frogs, gegruselt. Von dem Tag an war ich Science-fiction-Fan. Und bin dann mit Ende 20 schlagartig keiner mehr gewesen. Nach der Schule habe ich mich mit Astrophysik beschäftigt und irgendwann bemerkt, dass 90 Prozent der Typen, die ich gelesen habe, Schwachsinn geschrieben haben. In den letzten zehn Jahren wuchs das Interesse dann wieder – allerdings an eher gegenwartsnahen Szenarien.
Sie verarbeiten das alles in „Limit“ – es gibt Popkultur zuhauf, „Raumpatrouille“ und „Star Trek“, aber auch Sinatra, Jack Lemmon und Walter Matthau. Wird das dieses Buch für spätere Generationen nicht äußerst schwer dechiffrierbar machen?
Spätere Generationen? (lacht) Irgendwer hat mal gesagt „Ich versuche nicht unsterblich zu werden, indem ich Bücher schreibe, ich versuche unsterblich zu werden, indem ich nicht sterbe“. Nein, in erster Linie schreibe ich für meine Zeitgenossen. Und falls nach meinem Tod doch jemand „Limit“ lesen sollte: Dechiffrieren ist doch lustig. Was ist ein Kirk? Wenn die Vergangenheit nur weit genug weg ist vom Jetzt, ist sie auch wieder Science fiction.
Der alte Rock'n'Roll-Raumfahrer David Bowie will in „Limit“ nicht mehr zum Mond sondern, propagiert Innerlichkeit. Hat das Spaß gemacht?
Ja, irgendwie schon. Bowie ist einer meiner großen Helden, und jetzt ist der „Starman“ ganz zufrieden auf der Erde. Weil es doch so ist: So weit wir uns auch in den Raum, ins Unbekannte hinauswagen, reisen wir doch immer zum Urgrund unseres Selbst, um herauszufinden: Wer sind wir, woher kommen wir? Wir versuchen, uns da draußen zu begegnen, und irgendwann begreifen wir, dass Selbsterkenntnis auch ohne solche Odysseen funktioniert. Das ist das eigentlich Spannende, und das hat mein altersweiser Bowie verstanden.
„Limit“ zu lesen ist Kopfkino. Man sieht das Buch, man findet Bezugspunkte. Wenn etwa Vic Thorn sterbend ins All treibt, erinnert das an Frank Pooles Tod in „2001“.
Jede meiner Ideen entsteht direkt als Film auf der Großhirnrinde. Was immer ich in meinem Leben an Kinofilmen gesehen habe, vermengt sich zu einer Ästhetik aus Eigenem, aus Zitaten und Subzitaten.
„Der Schwarm“ wirkte wie eine radikalere Variante von Klaatu aus dem „Tag an dem die Erde stillstand“. Die Yrr wollten endgültig Schluss machen mit dem Erdverheerer Mensch.
Den Klaatu-Film mochte ich nicht, auch nicht den alten. War mir zu pseudoreligiös. Ich wollte im „Der Schwarm“ eigentlich nur die radikale Andersartigkeit einer fremden Lebensform herausarbeiten. Sonst sind das ja meist nur Ausstülpungen unserer selbst, Lichtgestalten oder Bitterböse. Die Yrr hingegen sind eine für uns unverständliche Spezies. Das interessierte mich. Und dass dem Menschen die „Krone der Schöpfung“ vom Kopf genommen wird, die er sich so gerne aufsetzt.
Haben Sie mal über einen Vampirroman nachgedacht?
Nein. Ich spring grundsätzlich nicht auf Züge, die schon mit Volldampf fahren. Obwohl ich Vampirfilme liebe, alleine schon wegen Christopher Lee. Aber noch ein Buch über Vampire ... das Thema ist ausgesaugt.
Andere Ungeheuer?
Grundsätzlich ist Horror reizvoll. Wichtig ist, dass man ein originelles Monster ins Rennen schickt und nicht nur die nächste Riesenkröte aus dem Meer steigen lässt. Ich hab ja mein Monster im „Schwarm“ gehabt. Klar würde ich gerne eine weitere Monstergeschichte schreiben, aber das Vieh müsste schon eine verdammt triftige Existenzberechtigung vorweisen.

ZUR PERSON

Frank Schätzing (52) ist studierter Kommunikationswissenschaftler, er arbeitete bei Warner als Creative Director und war Mitbegründer und Geschäftsführer der Kölner Werbeagentur Intevi. Zunächst versuchte er sich mit Bands, eine Musikerkarriere in seinen 20ern scheiterte daran, „dass es in der kleinen Stadt Köln keine Proberäume gab“. Der erste Schätzing-Roman, der erschien, war der Mittelalter-Krimi „Tod und Teufel“ (1995). Nach einigen Köln-Krimis veröffentlichte er 2004 den Science-Fiction-Roman „Der Schwarm“, ein apokalyptisches Szenario über eine auf dem Meeresgrund lebende Spezies, die den Untergang der Menschheit einläutet. In Schätzings neuem Roman „Limit“ geht es zuvörderst um den Kampf um (Mond-)Ressourcen. Das 1300-Seiten starke Buch, in dem Popkultur von „Orion“ und „Enterprise“ bis Walter Matthau und Jack Lemons „verrücktem Paar“ verarbeitet wird, verkaufte sich vom Start weg eine halbe Million Mal.
Frank Schätzing kommt am 8. März um 20 Uhr mit der Lesungsrevue „Limit – live“ ins Theater am Aegi. Karten zwischen 14,90 und 29,90 Euro gibts unter 0511 / 44 40 66.

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