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Kultur „Loro“: Bunga Bunga am Abgrund
Nachrichten Kultur „Loro“: Bunga Bunga am Abgrund
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12:00 13.11.2018
Bei ihr fühlt er sich geborgen – noch: Silvio Berlusconi (Toni Servillo) und Veronica Lario (Elena Sofia Ricci). Quelle: Foto: DCM
Hannover

Das Objekt der Begierde taucht erst spät in ganzer Schönheit auf. In der ersten Kinostunde erhaschen wir nur einen Blick auf die verdunkelten Scheiben einer Wagenkolonne, die durchs nächtliche Rom rauscht. Im Fonds einer der schwarzen Limousinen sitzt derjenige, dem sich hier alle andienen wollen. Alle wollen in den Dunstkreis Silvio Berlusconis eintauchen, ihm zu Diensten sein, sich ihm hingeben – korrupte Politiker, gierige Geschäftsleute, vollgekokste Schönheiten, die hingerissen von seinen „neu gemachten Mandelaugen“ schwärmen.

Der Name Silvio Berlusconi fällt im Film kein einziges Mal

Diese langsame Annäherung hat sich Regisseur Paolo Sorrentino gut überlegt: Der Filmtitel „Loro“ bedeutet so viel wie „sie“ oder wie „die anderen“. Dies ist keine gezielte politische Anklage gegen eine einzelne politische Figur, wie es 2006 Nanni Morettis „Der Italiener“ war (Originaltitel: „Il Caimano“, der Kaiman). Sorrentino meint Italien als Ganzes, ein in eitler Selbstbespiegelung versunkenes Land. Hier wird Bunga Bunga am Abgrund getanzt.

Der Name Silvio Berlusconi fällt über zweieinhalb Stunden nicht ein einziges Mal – was unwillkürlich an das Verbot bei „Harry Potter“ erinnert, den Namen des diabolischen Voldemort in den Mund zu nehmen. Aber wenn Berlusconi dann endlich ins Bild rückt, ähnelt er verblüffend dem vierfachen italienischen Ministerpräsidenten, Milliardär und Medienmogul.

Die Maskenbildner machen ihrem Namen alle Ehre: Sorrentinos Lieblingsschauspieler Toni Servillo verwandelt sich so kongenial in Berlusconi, wie er sich schon in „Il Divo“ (2008) in Giulio Andreotti verwandelt hat.

Sorrentino zeigt Berlusconis ungeheure Selbstzufriedenheit

Ewig grinsend begegnet uns Berlusconi, in unerhörter Selbstzufriedenheit badend – auch wenn er gerade eine Wahl verloren hat und sich nun daran macht, die Macht mit unlauteren Mitteln zurückzuerobern. Wenn er einen schlechten Witz erzählt, dann lachen die Speichellecker an seiner Tafel beflissen. Wenn er den Sekundenzeiger seiner Uhr ticken lässt, um zu demonstrieren, wie schnell er seine Millionen verdient, dann reagiert seine Entourage mit Ehrfurcht. Berlusconi mag ein lächerlicher Geck sein, aber er verkörpert die Macht.

Die Handlung: Zuhälter Sergio (Riccardo Scamarcio) aus Apulien will in den inneren Zirkel der Macht um Berlusconi vorstoßen – und erhält einen guten Rat: Er möge doch eine großzügige Villa auf Sardinien in der Nähe von Berlusconis mieten, diese mit jungen Frauen bestücken und damit dessen Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Bald wird mit viel nackter Haut getanzt, und es wird gekokst, als gäbe es kein Morgen. Wir kennen ähnliche Szenen aus Sorrentinos Oscar-Film „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ (2013). Da flanierte ein alternder Dandy durch Rom (ebenfalls von Toni Servillo gespielt) und stellte erschrocken fest, dass ihm zwischen Dekadenz und Exzess der Sinn des Lebens abhanden gekommen war.

Ein müdes Partygirl beschert Berlusconi den bittersten Moment

Auch dem Egomanen Berlusconi bleiben Augenblicke der Selbsterkenntnis nicht erspart. Ihm wird sehr wohl klar, dass auf ihn nur Alter und Tod warten und dass er die Trennung von seiner Frau Veronica Lario (Elena Sofia Ricci) nicht verhindern kann.

Den bittersten Moment beschert ihm ein müdes Partygirl, das partout nicht Karussell im Park fahren, kein Eis naschen mag und nicht einmal Europaparlamentarierin werden möchte – obwohl Berlusconi doch nach „jungen, hübschen, intelligenten Frauen“ sucht. „Du riechst aus dem Mund wie mein Großvater“, sagt die junge Frau ganz freundlich. Berlusconi wird nicht wütend. Er weiß, dass sie die Wahrheit spricht. Er hat dieselbe Gebisshaftcreme wie der Opa der Frau.

„Loro“ lief in den italienischen Kinos in zwei Teilen, fürs Ausland hat der Regisseur sein Werk auf knapp zweieinhalb Stunden eindampfen müssen. Schwer zu sagen, was einem verloren geht. Wichtig ist, was bleibt: Impressionen aus einem von Hedonismus und Intrigen, Greisenmacht und Jugendwahn durchseuchten Land.

Der Skandalpolitiker stellte seine Sommerresidenz zur Verfügung

Sorrentinos grandioser Abgesang mag ein wenig verfrüht sein. Endgültig ist der Skandalpolitiker Silvio Berlusconi ja immer noch nicht von der politischen Bühne in Italien verschwunden. Es ließe sich dem Regisseur auch mit gutem Grund vorwerfen, dass er junge Frauen minutenlang wie bei einer Fleischbeschau ausstellt. Aber genau von diesem chauvinistischen Blick wurde die Ära Berlusconi schließlich auch geprägt. Da müsste man nur mal das Escort-Girl Ruby fragen.

Sorrentino vermittelt in seinem üppigen Sittengemälde ein Gefühl dafür, wie das politische Fundament Italiens in Schieflage geriet – und wieso in dem Land heute Populisten die Geschicke bestimmen.

Eine gewisse Größe muss man Silvio Berlusconi zubilligen: Für die Dreharbeiten stellte er seine Sommerresidenz auf Sardinien zur Verfügung. Ihm kann keiner.

Von Stefan Stosch / RND

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