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Kultur „Beautiful Boy“ – Entzug und Rückfall
Nachrichten Kultur „Beautiful Boy“ – Entzug und Rückfall
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18:00 23.01.2019
Wie soll er seinem Sohn helfen? Nic Sheff (Timothée Chalamet), Vater David (Steve Carell). Quelle: Foto: NFP
Hannover

Am Ende steht eine Texteinblendung, die eine statistische Ungeheuerlichkeit verkündet: Die häufigste Todesursache bei Menschen unter 50 in den USA ist die Überdosierung von Drogen. Ähnlich wie kürzlich „Ben is Back“ zeigt auch Felix van Groeningens „Beautiful Boy“, dass Drogenmissbrauch nicht nur ein Problem unterprivilegierter Schichten ist, sondern längst die amerikanische Wohlstandsgesellschaft erfasst hat.

Van Groeningen geht es um den Kreislauf aus Entzug und Rückfall

Das Haus des Journalisten David Sheff (Steve Carell) im schönen Marin County nördlich von San Francisco ist ein warmes, komfortables Nest. Der durch Rückblenden strukturierten Erzählung ist zu entnehmen, dass David sein Bestes getan hat, um seinem ältesten Sohn (Timothée Chalamet) eine behütete Kindheit mit einer verlässlichen Vaterbeziehung zu geben.

„Warum?“, fragt David irgendwann, als er es nicht mehr aushält, dass sein Sohn mit Crystal Meth die verheerendste aller Drogen nimmt. Eine Antwort kann er nicht wirklich erwarten.

Dem belgischen Regisseur van Groeningen („Broken Circle“) geht es in seinem US-Debüt nicht um die Ursache, sondern um die Wirkung der Drogen. Es ist ein endloser Kreislauf aus Entzug und Rückfall, der Nic immer tiefer in selbstzerstörerischem Suchtverhalten versinken lässt.

Timothée Chalamets Spiel bietet eine unaufdringliche Brillanz

Timothée Chalamet („Call Me By Your Name“) spielt die unfertige, in Auflösung befindliche Persönlichkeit des Süchtigen atemberaubend. Die Figur scheint seinen Körper förmlich in Besitz zu nehmen. Chalamet justiert die wechselnden Stimmungen seiner Figur mit Feingefühl aus. An einer solchen unaufdringlichen Brillanz arbeiten andere Schauspieler ein Leben lang – und dieser Mann ist gerade erst 23 geworden.

Dagegen wirkt Steve Carell auf den ersten Blick ein wenig blass. Aber als Vater, der das Publikum auf unbequemem Terrain führt, gewinnt seine Figur an Tiefe. In seiner Verzweiflung tut David das, was Journalisten eben tun, wenn sie nicht mehr weiter wissen: Er beginnt zu recherchieren, versucht, die Droge zu verstehen, unternimmt sogar Selbstversuche am eigenen Körper.

All das bringt ihn der Lösung keinen Schritt näher. Schließlich muss er sich die Machtlosigkeit seiner väterlichen Liebe eingestehen.

Unchronologische Rückblenden ergeben einen fluiden Erzählstrom

Anders als Peter Hedges „Ben is Back“ erzählt van Groeningen diese Vater-Sohn-Geschichte, die auf den autobiografischen Veröffentlichungen von David und Nic Sheff beruht, nicht in einem kompakten dramatischen Format. Vielmehr setzt er Rückblenden gezielt unchronologisch zusammen und schafft damit einen erstaunlich fluiden Erzählstrom.

Das Verfahren macht Sinn, denn ein klassischer Dreiakter samt Erlösungsgarantie wäre der emotionalen Unkalkulierbarkeit des Sujets nicht gerecht geworden.

Von Martin Schwickert/RND

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