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Echte Liebe: Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) freundet sich vorsichtig mit dem Fischmenschen an. Erinnerungen an Jack Arnolds Film „Der Schrecken vom Amazonas“ werden wach.

Echte Liebe: Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) freundet sich vorsichtig mit dem Fischmenschen an. Erinnerungen an Jack Arnolds Film „Der Schrecken vom Amazonas“ werden wach.
© Foto: Fox

Kino

„The Shape of Water“: Die Putzfrau und das Biest

Venedig-Sieger und Oscar-Favorit: Das Fantasymärchen „The Shape of Water“ (Kinostart: 15. Februar) setzt auf die Solidarität unter Außenseitern – und mischt Poesie mit Politik. Sally Hawkins verliebt sich in einen Fischmenschen vom Amazonas. Ein Märchen über das Fremde, das man umarmen sollte – statt es umbringen zu wollen.

Hannover. Kino ist ein Medium mit reichlich verzögerter Wirkungskraft: Von der ersten Drehbuchidee bis zum fertigen Film vergehen zumeist Jahre. Folglich dauert es, bis sich veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten auf der Leinwand widerspiegeln. Umso mehr darf man sich momentan über Hollywoods Aktualität wundern: Eine ganze Reihe von US-Filmen scheint direkt aus dem düsteren Herzen Trump-Amerikas zu kommen. Haben die Regisseure etwa vorausgeahnt, wie sich Hass und Ausgrenzung in den USA verstärken würden?

Del Toro träumt von der unmöglichsten Liebe

George Clooney knöpft sich in „Suburbicon“ weiße Rassisten in den Vorstädten vor; Matt. Damon stellt in „Downsizing“ fest, dass der Kapitalismus auch in einer Zwergen-Welt regiert; in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gebiert die Wut der abgehängten Hinterwäldler immer größere Wut. Und nun träumt der Mexikaner Guillermo del Toro (“Pans Labyrinth“) von einer Liebe zwischen einem Echsenmenschen und einer Putzfrau, die sich in einer fremden-, frauen- und schwulenfeindlichen Welt behaupten muss.

So wie manch anderer Regisseur auch lässt del Toro die Gegenwart nur indirekt in seinen Film einsickern: „The Shape of Water“ hat er in die sechziger Jahre und in ein amerikanisches Hochsicherheitslabor verlegt, das vornehmlich aus fensterlosen, gekachelten Gängen wie in einem Schwimmbad zu bestehen scheint. Hierher verschleppen die US-Militärs den aus den Tiefen des Amazonas entführten Fischmenschen, ketten ihn in einem Wassertank an und malträtieren ihn im Namen der Wissenschaft. Könnte ja sein, dass sich seine erstaunlichen körperlichen Fähigkeiten im Wettstreit mit den Sowjets ausbeuten lassen.

Erinnerungen an „E. T.“ werden wach

Eine traurigere Kreatur als diese – neugierige Froschaugen, blau leuchtende Punkte unter der Haut, Stachelkamm auf dem Rücken – hat man selten gesehen. Da können schon mal Erinnerungen an „E. T.“ bei seinen ersten Schritten auf Erden aufkommen. Einsam ist auch die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins), die über einem Kino wohnt und im Labor für Sauberkeit sorgt. Ihre einzigen Freunde sind der schwule Plakatmaler Giles (Richard Jenkins) und ihre schwarze Kollegin Zelda (Octavia Spencer). Ganz allmählich freundet sich Elisa über Gesten, Zeichen und Musik – denn hören kann Elisa – mit dem Fischmenschen an.

Und siehe da: Er liebt genau wie sie gekochte Eier, Jazz und Revuefilme, bei denen Elisa so gern versuchsweise ein paar Schritte mittanzt. Der vermeintliche Schrecken des Amazonas ist gar keiner. Ganz vorsichtig und ohne in die Kitschfalle zu geraten erzählt der Regisseur von dieser Annäherung.

Der Geheimdienstmann soll das Monster liquidieren

Eine erstaunliche Kinomischung kommt so zustande: Tanz-, Horror- und Fantasyfilm, dazu ein Häppchen Spionagethriller, denn ein russischer Spion hat es auch ins Hochsicherheitslabor geschafft – das Ganze mit einem nostalgischen B-Movie-Touch versehen. Vor allem aber ist „The Shape of Water“ ein märchenhafter Liebesfilm. Das stellt sich aber erst so richtig heraus, als der bonbonzermalmende Geheimdienstoffizier Strickland (brillanter Bösewicht: Michael Shannon) mit der Tötung des Amphibienwesens beauftragt wird.

Elisa entschließt sich, die Kreatur zusammen mit ihren Freunden zu retten. Eine Taube, ein Schwuler und eine Schwarze schmieden einen verwegenen Plan, unterstützt von dem russischen Spion. Eine Koalition der Außenseiter tritt solidarisch an, um es dem menschenverachtenden militärisch-industriellen Komplex mal so richtig zu zeigen.

Die Jury von Venedig gab den „Goldenen Löwen“

Zwischendrin bleibt del Toro immer noch genug Zeit fürs Poetische: Wir werden Zeuge einer zärtlichen sexuellen Annäherung im gefluteten Badezimmer. Schwerelos schwebt die Kamera in dem von Lichtstrahlen durchwirkten Blau. Vor Millionen Jahren entstand das Leben im Wasser, hier nimmt eine Liebe ihren Anfang. Wir treiben mit der Putzfrau und dem Fischmann durch eine skurrile Unterwasserwelt.

Bei so viel Glück in einer so menschenfeindlichen Welt konnte die Jury des Filmfestivals in Venedig nicht widerstehen: Sie gab „The Shape of Water“ im September den Goldenen Löwen. Und nun gilt dieses Märchen mit 13 Nominierungen auch noch als heißer Oscar-Favorit.

Fremde sollte man freundlich begrüßen

Aber hat die Verbindung zwischen Elisa und dem gar nicht monströsen Monster eine Chance? Sagen wir so: Der Regisseur del Toro hat seine Filme noch nie sonderlich mit Wirklichkeitsballast beschwert. Und sympathisch ist die Idee alle Mal, die jüngst schon in Denis Villeneuves Science-Fiction-Film „Arrival“ getestet wurde und nun wieder eine Chance erhält: Wie wäre es denn, Fremde jedweder Art erst einmal freundlich zu begrüßen?

Von Stefan Stosch / RND


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