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Kultur Erasure kehren ins Capitol zurück
Nachrichten Kultur Erasure kehren ins Capitol zurück
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16:30 11.03.2018
Schräges Duo: Andy Bell (links) und Vince Clarke von Erasure bei ihrem Konzert im Capitol.  Quelle: Frank Wilde
Hannover

 Man muss es tragen können. Man muss es auch tragen wollen. Irgendwann – da ist das Erasure-Konzert im Capitol etwa eine Stunde alt – lässt Andy Bell auch das sackartige Glitzer-Shirt mit dem „Thrasher“-Schriftzug fallen; das Sakko mit den wächsernen Epauletten, das er anfangs noch trug, hatte eh nur die ersten paar Lieder gehalten.

Und so steht der inzwischen auch schon 53-jährige Ex-Schlaks nun da in einem hautengen Ganzkörperanzug, Nude-Look- bedruckt, als seien es Maori-Tätowierungen, ein Ringel auf dem Skrotum, zwei Kringel auf den Backen, und auch über den stattlichen Bauch spannen sich Muster. Bewegt Bell sich (was nicht oft geschieht, aber wenn, ist der Jubel groß), geraten sie bedenklich in Bewegung.

Wie die Stimmung im ausverkauften Saal ohnehin ganz prächtig ist. Es ist ein Abend der „Ach, das war ja auch von denen“-Erkenntnisse. Die großen Hits des Synthie-Pop-Duos, „Oh l’Amour“ zum Beispiel oder „Sometimes“, die auch dieses Konzert einrahmen, sind längst in die kulturelle DNA übergegangen. Sie waren brandneu, als Erasure das erste und auch letzte Mal im Capitol spielten, am 29. April 1987.

Foto: Wilde

Schön sei es, wieder da zu sein, freut sich Bell in einer seiner sympathischen Ansagen in fließendem Deutsch. „Wir sind in einer Fruhlingslaune“, flirtet er mit dem Publikum und meint vermutlich Frühlingsgefühle. Von Liebe, dem Verlieben und Entlieben künden die Songs: „What’s a Boy in Love supposed to do?“. Ein ewiger Stenz; irgendeiner muss den Job ja machen.

Die Rollenverteilung ist klar: Bell, der inzwischen eine gewisse Ähnlichkeit mit Malcom McDowll hat (und nicht mit dem jungen) gibt wie gehabt die Rampensau, wenn auch etwas behäbiger als früher. Der immer schon etwas koboldhafte Vince Clark versteckt sich hinter seinem strahlend beleuchteten Keyboard-Pult und sieht mit Glatze und Maßanzug immer mehr aus wie ein Gringotts-Banker. Als er zur einzigen Zugabe, „A little Respect“, mit einer dezent unnützen Gitarre mit an den Bühnenrand kommt, wirkt er fast ein wenig deplatziert.

Man darf aber nicht vergessen: Der Mann ist ein musikalisches Genie. Er hat Depeche Mode mitgegründet und verließ die Band nach dem Debütalbum. Er machte mit Yazoo weiter und Alison Moyet zum Star. Mit dem exaltierten Bell hat er nun offenbar einen Partner gefunden, mit dem er es auf Dauer aushalten kann.

Die beiden sind schon ein verrücktes Paar, und dann kommen im Capitol noch die beiden schwarzen Backgroundsängerinnen dazu: eine androgyne Grace-Jones-Type und eine Matrone mit roter Perücke, Spitzenkleid und Ledercorsage unter dem mächtig wogenden Busen. So viel zu sehen, wenn es nicht auch so viel zu hören gäbe: die Debütsingle „Who needs Love like that“, die noch stark den Elektrosoul von Yazoo atmetet, das wunderbar um sich selbst kreisende „Always“, das balladeske „Mad as we are“ ... Beim etwas schlagerhaften „World be gone“ kann man ja wieder etwas mehr gucken. Lauter Ansichten eines Fauns – es ist ein beglückender Abend.

Von Stefan Gohlisch

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