Navigation:
|
Interview

"Er ist wieder da" - Timur Vermes schreibt klasse Satire aus Hitlers Sicht

Hitler erwacht 2011 in Berlin zu neuem Leben: Mit „Er ist wieder da“ hat Timur Vermes eine glänzende Satire geschrieben, das Muss-man-Lesen-Buch dieses Herbstes.

Hitler als Comedy-Figur - was hat Sie auf die Idee gebracht? Helge Schneider?

Als Comedy-Figur habe ich ihn ja nicht geschrieben - auch wenn er diese Rolle im Roman ausfüllt. Ausgangspunkt war die Lust, mit dieser Figur die Welt zu sehen. Die Idee kam im Urlaub, als ich auf Hitlers zweites Buch stieß - auf Englisch, findet man ja bei uns nicht. Ich dachte, es sei vielleicht eine Satire. Und: Dann kann ich ja das dritte Buch schreiben.

Hitler und die Welt heute?

Mein erster Gedanke war: Der fände sicher die Veronica Ferres gut. Aber was sagt das über die Ferres aus? Oder über ihn? Das drängt sich sofort zur Überprüfung auf. Das war der Gedanke: Man kann mit Hitler Dinge wahrnehmen, die der Leser sofort für sich überprüfen muss. Das ermöglicht einem keine andere Figur so.

Sind Ihnen beim Schreiben Skrupel gekommen? Die Frage „Darf man das?“.

Beim Schreiben gilt nur: Es muss mir Spaß machen, da brauche ich noch keine Skrupel zu haben. Und zur Veröffentlichung ist mein Kriterium: Würde es Dinge verharmlosen? Ich habe mich bemüht, diesen Vorwurf zu entkräften, indem ich an den passenden Stellen ordentlich draufgelangt habe. Ich denke nicht, dass ich Hitler schöngeschrieben habe.

Wirkt es nicht schon verharmlosend, wenn die Welt ihn so als Star abfeiert?

Die Sache ist die: Wir haben hier einen Hitler-Charakter, der wendig ist, flexibel, analytisch, clever. Den heutigen Medien gewachsen. Einen gefährlichen Charakter, keinen Idioten. Das ist mir wichtig - denn real war er das auch nicht. Wahnsinnig, ja, aber kein Idiot - wie ihn Comedys heute gerne darstellen. Weshalb man zu Recht fragt: Wie konnte das passieren, habt ihr nicht gesehen, dass der ein Idiot ist? Hitler als Tölpel: Das sehe ich als die eigentliche Verharmlosung.

An Punkten mag man Ihren Hitler.

So ist das auch gedacht. Aber was macht ihn denn sympathisch? Er brüllt nicht die ganze Zeit herum, okay. Aber im Grunde ist er der Egozen-triker, der er immer war. Seine Gedanken und Pläne sind so heftig, wie sie damals waren. Aber wenn jemand eine Millionenbewegung führt wie Hitler, hat der garantiert auch Züge, die ihn zumindest attraktiv erscheinen lassen. Die Leute sind ja zum Obersalzberg gepilgert, haben ihn bejubelt.

Was war Ihre Schreibabsicht?

Der Startpunkt war Entertainment. Aber dann habe ich entdeckt, dass ich durch das Schreiben in der ersten Person den Leser in einen Kopf reinhole, in dem der nie hätte sein wollen. Und mir war klar: Das darf ich nicht vermasseln.

Sie haben „Mein Kampf“ gelesen, was noch?

Im Wesentlichen die Monologe aus dem Führerhauptquartier. In den Protokollen erfährt man seine Meinung zu allem und jedem, unglaublich. Da merkt man, wie er tickt und wie er glaubt, er könne die ganze Welt erklären. Da ist so ein Sendungsbewusstsein dabei - das ist zum Teil sehr heiter, unfreiwillig heiter.

Alle wollen den Star Hitler, ganz gleich, was er sagt - ist das Ihre Kritik an der Welt?

Das ist genau der Punkt. Die Frage ist: Wonach suchen wir Leute aus, die wir interessant finden? An ein, zwei Stellen in diesem Buch versuchen Leute sicher zu gehen, dass sie keinen Nazi kriegen. Da fragen sie ihn: Wir sind uns doch einig, dass das Thema Juden nicht witzig ist? Und er sagt: Da haben Sie recht. Damit ist die Kontrolle geschehen! Es wird nur ein Etikett abgefragt.

Am Schluss steht als neuer Slogan: „Es war nicht alles schlecht.“ Sehen Sie eine reale Gefahr der Wiederkehr?

Die reale Gefahr ist, dass man denkt, wir sind dagegen gefeit. Dass man zum Beispiel die Verbrecher von einst immer fies darstellt - und damit die Illusion schürt, man würde Verbrecher daran erkennen, dass sie unsympathisch wirkten. Ich glaube nicht, dass ein Hitler wiederkommt. Aber es war eine Freude durchzuspielen: Was ist, wenn er wiederkommt und er genauso aussieht wie er? Erkennen wir ihn wirklich?

Wie der Gröfaz zum Youtube-Star wird

Was ist nur aus dem deutschen Volk geworden. „Allet klar, Meesta?“, begrüßt ihn die Jugend statt mit deutschem Gruße, statt des „Völkischen Beobachters“ gibts türkische Blätter am Kiosk, auch Parteien zanken wieder: Unfassbar für den Gröfaz (Größten Feldherr aller Zeiten), der unerklärlich 2011 in Berlin wieder zum Leben erwacht. Prompt entdeckt die Medienwelt diesen besten aller Hitler-Darsteller, er wird Shooting-Star bei Youtube und legt sich mit „Bild“ an.

Unglaublich, wie konsequent, stimmig und ironietriefend Timur Vermes in „Er ist wieder da“ (Eichborn, 400 Seiten, 19,33 Euro) in Ich-Form aus Adolf Hitlers Sicht erzählt, zynisch, fies, hochintelligent – und irre komisch. Bald plant Hitler wieder Großes, Deutschland ist ja so geschrumpft, aber die Rechten, die NPD, die er aufsucht, sind „ein Haufen Waschlappen“, bei denen „ein anständiger Deutscher nichts verloren“ hat. Ein Auftritt, der ihm den Grimme-Preis bringt – und einen Neonazi-Überfall. Was wie ein Adelsschlag wirkt: Politiker alle Fraktionen läuten am Krankenbett an.

Eine herausragende Medien- und Politsatire mit Gänsehauteffekt, die man gelesen haben muss – oder gehört. Christoph Maria Herbst, Hitler-erfahren als Butler Alfons Hatler in „Der Wixxer“, liest die „bearbeitete Fassung“ (Lübbe Audio, sechs CDs) im selbstgefällig zackigen, immer mal ins Hysterische kippenden Führersprech. Wenn Herbst die Vokale dehnt, das „r“ rappeln lässt, sieht man den schwitzenden, fuchtelnden Gröfaz vor sich, dem die Spucke fliegt, etwa wenn er der Regentschaft Angela Merkels gewahr wird: „On därrr Spötze dös Landes stand oaine klobige Frau!“ lyn/big


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von den Obike-Leihfahrrädern in Hannovers City?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie