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Kultur Er baut Remarques „Der schwarze Obelisk“
Nachrichten Kultur Er baut Remarques „Der schwarze Obelisk“
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10:47 29.08.2018
Wie ein Zeppelin: Robert Schweer vor der Seite seines Bühnenbilds. Quelle: Christian Behrens
Hannover

„Der schwarze Obelisk“ kommt erst noch. Bislang besteht das Bühnenbild für Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Erich Maria Remarques Roman aus einer Art Konzertmuschel. Robert Schweer (50) hat sie erbaut. Von seinen Gedanken dazu erzählt der Bühnenbildner im NP-Interview.

Was haben wir da gerade gesehen?

Einen Teil des Bühnenbilds von „Der schwarze Obelisk“. Das ist für mich eine besondere Produktion, weil sich für mich ein Kreis schließt. Ich habe hier mit Lars-Ole Walburg eine Menge Sachen gemacht, begonnen mit seiner Eröffnungsinszenierung „Wolokolamsker Chaussee“. Und es ist in dieser Konstellation meine letzte Arbeit hier am Schauspiel Hannover. Für ihn ist es der Abschluss seiner Remarque-Trilogie. Und schließlich sehen wir in allen drei Arbeiten einen großen Bogen zu unserer Zeit.

Wann beginnt Ihre Arbeit?

Eigentlich schon bei der Stückauswahl. Wenn Ole eine Idee hat, ruft er mich oft an und fragt: „Lies das mal durch – ist das was?“ Die Regisseure, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, beziehen mich Gottseidank alle recht früh mit ein. So kann man vom Startpunkt aus gucken, was das für eine Welt ist, was man mit ihr machen kann und was ist uns wichtig ist. Es geht bis in Besetzungsfragen hinein. Es geht aber meist damit los, dass wir uns fragen: Wo liegt unsere Lust?

Und die lag hier wo?

Wir haben hier tatsächlich lange überlegt, welches der beiden großen Bücher von Remarque – „Drei Kameraden“ oder eben „Der schwarze Obelisk“ – wir machen wollen. Bei mir war es der darin geschilderte Schwebezustand einer Generation zwischen zwei Weltkriegen. Man sitzt wie in einem Wartesaal und mag gar nicht so viel Energie investieren und weiß nicht, was in Zukunft daraus wird.

Wobei nur wir wissen, dass es eine Zeit zwischen den Weltkriegen ist. Die Figuren kennen nur den Großen Krieg, der hinter ihnen liegt.

Ja, nur wir als Zuschauer wissen: „Leute, es kommt noch viel schlimmer.“ Das können wir in der Inszenierung nicht vorwegspielen, aber es schwingt mit. Und dass so extreme nationalistischen Gefühle, Revanche-Gedanken und Ängste, zu kurz zu kommen, in die Katastrophe führen, war für mich das spannendste.

Wie passt diese Konzertmuschel dazu?

Es war Oles Idee: Er fand, wir brauchen ein hermetisches System. Und da ist man schnell bei Kurkonzert, Männergesangsverein und eben so einer Muschel, wie sie damals populär waren. Es gibt in dem Roman ja auch die zweite Erzählebene mit der Isabelle, die in der Nervenheilanstalt landet. Darum sollte das Bühnenbild auch etwas Klaustrophobisches haben. Und es gibt eine weitere Assoziation: Der Raum wirkt wie in eine Schneekugel. Ein Traumbild: Es gibt immer mehr Geld, und man kann nichts damit anfangen. Und als ich anfing an der Konstruktion zu arbeiten, habe ich eine Spantenbauweise gewählt, die von außen an einen Zeppelin erinnert.

Wieder ein Bild, bei dem man weiß, es endet in der Katastrophe?

Eben. Anfangs war die Erkenntnis beim Bau eine innere Freude. Jetzt müssen wir zusehen, dass es auch szenisch Sinn ergibt (lacht). Aber daran merkt man: Ich bin kein Bild-Ablieferer; ich bin gerne bei den Proben dabei, begleite sie und bin Ratgeber.

Und das schätzen alle Regisseure?

Die, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, schon. Die beschweren sich fast, wenn ich ein paar Tage nicht da bin.

Haben Sie so etwas wie eine Handschrift?

Das frage ich mich auch manchmal. Meine Frau ist auch Bühnen- und Kostümbildnerin. Sie sagt: „Na klar.“ Und ich: „Findest du? Ich sehe es nicht?“

Schauen wir uns doch ein paar Ihrer letzten Arbeiten hier an: Auch das Bühnenbild von „Hool“ war drehbar ...

Das hatte aber eine ganz andere Bedeutung als hier. Bei „Hool“ ging es um eine Außenwelt, ein Sich-Abarbeiten, um Körperlichkeit. Wir wollten die Spieler unter Hochdampf setzen; da hilft es, wenn sie sich ackern müssen. Auch das ist meine Aufgabe: den Spielern etwas mitzugeben, dass sie ins Spielen kommen. Hier besteht der Boden zum Beispiel aus Schaumstoff; die werden einsinken, müssen sich also auch an diesem Raum abarbeiten. Das ist sicherlich ein Punkt. Ein anderer ist, dass die Regisseure immer sagen, ich sei so gemein zu ihnen. Sie arbeiten trotzdem mit mir zusammen. Aber: Man ist auf meinen Bühnen extrem ausgestellt. Niemand ist unsichtbar. Man kann sich nicht verstecken.

Dann fällt aber so etwas wie das opulente Bühnenbild von „In 80 Tagen um die Welt“ extrem heraus.

Genau. Das ist eine Spielerei für mich, eine ganz andere Sprache. Ich benutze dafür ein ganz anderes Handwerkszeug. Es macht mir großen Spaß: So direktes Feedback wie von Kindern bekommt man sonst nicht im Theater. Das genieße ich. Das Bühnenbild muss ein Stück weit die Geschichte erzählen. Bei Oper gilt das auch, bei Familienstücken aber noch mehr. Beim Schauspiel muss es das nicht; da finde ich es manchmal sogar ärgerlich. Räume durchzuerzählen, die im Stück vorkommen, finde ich uninteressant. Es sei denn, man macht einen Witz daraus. Beim großen Familienstück gehe ich aber gerne in die Opulenz. Dann überwältigt man den Zuschauer, und er hat ein Stück weit ein Wunder erlebt. Ich habe selber zwei Kinder, und ich merke, die Möglichkeiten, ein Kind direkt zu erwischen, dass es eine bleibende Wirkung hat, ist beim Theater viel größer als beim Film.

Was zeichnet ein gutes Bühnenbild für erwachsene Stoffe aus?

Oh, da gibt es so viele Wege ... Ich glaube, man muss ehrlich sein. Das gilt auch für das Material. Man muss eine Vereinbarung mit dem Zuschauer treffen: Dinge, die ich behaupte, müssen für ihn einsehbar sein. Es sollte, wie ich vorhin schon erwähnte, etwas mit den Schauspielern machen, körperlich und psychisch. Und man braucht eine ästhetische Klarheit und Entschiedenheit, dass man nichts auf der Bühne hat, von dem man nicht weiß, wozu es da ist.

Und dann stellt man eben doch einen schwarzen Obelisken auf die Bühne, weil das Stück nun mal so heißt?

Der wird eine szenische Anbindung haben; sonst stünde er da nicht. Im Roman pullert der eine Mann immer dagegen. Es ist aber auch ein tolles Bild: Ein Obelisk war immer, schon bei Ägyptern und den Römern, ein Siegessymbol. Nun steht er da in einer Zeit, die von Niederlage gezeichnet ist, in einem Grabsteingeschäft, und niemand will es kaufen, weil es keinen Sieg gibt, und dann pullert der eine Feldwebel immer dagegen. Wenn man den Obelisken so auflädt, hat er auch eine Daseinsberechtigung. Und natürlich wird der aussehen wie aus schwerem schwedischen Granit, und die Behauptung werden wir sicher ad absurdum führen, indem ihn einer alleine wegträgt. Diese Ehrlichkeit finde ich sehr wichtig. Das macht nicht jeder Regisseur; mit Ole geht es. Und er überrascht mich. Die Schauspieler tun es auch. Deshalb bin ich auch immer noch so gerne auf den Proben.

Die Premiere von „Der schwarze Obelisk“ ist am Freitag, den 31. August, ab 19.30 Uhr. Es gibt nur noch Restkarten.

Von Stefan Gohlisch

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