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Kultur Ein Erdmännchen greift nach den Sternen
Nachrichten Kultur Ein Erdmännchen greift nach den Sternen
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15:27 04.10.2010
Reißt sich nicht darum ein Held zu sein: Erdmännchen Billy muss verhindern, dass das Tierparadies eine Wüste wird.
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VON MATTHIAS HALBIG

Erdmännchen Billy denkt am liebsten an sich, wenn er überhaupt denkt. Spielt Golf mit Hyänenkötteln, statt der Familie Wasser zu holen. Kackfrech ist er obendrein: Fummelt locker den Korken seiner Kürbisflasche aus eines schnaubenden Nashorns Nüster. Billy lebt in den Tag hinein – im schönen Okawangobecken, das die Computertrickser von Ambient Entertainment in einer grandiosen Totalen zeigen. Flamingos schweben. So prachtvoll gabs Afrika davor nur im „König der Löwen“. Diesmal sogar in 3-D!

Dann graben die Menschen den Tieren per Staudamm das Wasser ab. Und Billy wird wider Willen der Held, der dem Homo sapiens zeigt, was für ein Mistvieh er doch ist.

Erich Kästner hatte mit seinem Kinderbuch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Fabel-haftes Programm für eine endgültig friedliche Welt aufgestellt. In der „Konferenz 2010“ von Holger Tappe und Reinhard Klooss stehen Arten- und Klimaschutz auf der Agenda.

Man kann lang und schlapp darüber diskutieren, wie süßlich und pathostriefend das Thema im Drehbuch angegangen wurde, wie sattsam bekannt die Bilder etwa von der Eisbärin sind, der die Scholle unter den Tatzen zerplatzt. Aber dass sie, die in der Doku „Unsere Erde“ einer ungewissen Zukunft entgegenschwamm, einen Namen bekommt (Sushi) und nach Afrika gelangt, um von dort aus mitzukämpfen gegen das Ökodesaster, folgt – gut so – den Harmoniebedürfnissen der (eindeutigen) Zielgruppe. Auch ein vegetarischer Löwe ist nicht verlogen sondern okay, wenn der Adressat in Kindergarten oder in der Einsberta sitzt. Man will hier eben mal nicht im Grunde Erwachsene und nebenher ihren Nachwuchs unterhalten.

Und so wird das weitgehend gemächliche Tempo dieses Films die Großen zwar mit den Fingern auf der Kinosessellehne tripsen lassen. Aber die sind hier nur Begleiter von denen, die hier mal nicht visuell abgewatscht werden. Augen auf, Papa, und durch!

Denn die Animationen von Ambient Entertainment leuchten wie nie und können sich (zumindest weitestgehend) mit dem messen, was für ein vielfach höheres Budget in Hollywood fabriziert wird. Und man kann, während sich Söhne und Töchter amüsieren, beispielsweise Zitat-Raten machen. Denn hier wird lustvoll hommagiert: Der Tasmanische Teufel Smiley, der hingebungsvoller pupst als weiland Louis de Funes bei den außerirdischen Kohlköpfen, erinnert schwer an das Grinsemaul von Warners Looney Tunes, die Giraffe Gisela an die „Madagaskar“-Giraffe Melman. Man hört „La Mer“ wie in „Findet Nemo“ und der Hai sieht aus wie Pixars Bruce (der zumindest auf bestem Wege war, Vegetarier zu werden). Das Orakel im Großen Baobab weckt dann motivische Erinnerungen an den „Zauberer von Oz“ und das Paradies-suchende Quartett (Eisbär, Känguruh, zwei Galapagos-Schildkröten) an die Bremer Stadtmusikanten – das Urbild von Tieren, die fiese Menschen Mores lehren.

Billys Abenteuer sind gefühlig unglaublich, fantastisch, sie wollen nicht logisch sein oder in irgend einer Weise realistisch. Und die Botschaft ist weder „Die Tiere werden‘s richten“ noch „Mach‘ nach, was diese Viecher dir vormachen“. Sondern „Solidarnosc!“ und „Jeder kann was tun“.

„Konferenz der Tiere“, D 2010, 93 Min. Regie: Reinhard Kloos, Holger Tappe. Computertrickfilm.

Schlichte Geschichte, starke Bilder. Kästner-Update mit vielen Reverenzen.

Bewertung: 4/5

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