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Kultur Ein Abend mit Christa Wolf und Bettina Wegner
Nachrichten Kultur Ein Abend mit Christa Wolf und Bettina Wegner
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17:08 28.09.2018
Die DDR im Blick: Carolin Haupt im Treppenhaus von Cumberland. Quelle: Frank Wilde
Hannover

„Ich wollt’ ein Lied, das Lied, und kann’s nicht schreiben“, heißt ein Abend, der nun in Cumberland Premiere feiert. Schauspielerin Carolin Haupt (30 ) nutzt für ihre „literarisch-musikalische Suche“ Texte von zwei prägenden Frauen der DDR-Kultur: der Schriftstellerin Christa Wolf und der Liedermacherin Bettina Wegner. Ein Interview.

Ihr Abend klingt nach einem Herzensprojekt, das immer größer wurde. Wie ist er entstanden?

Vor ungefähr eineinhalb Jahren habe ich ein feature von Bettina Wegner gehört, das mich sehr bewegt hat: wie sie über ihr Leben heute, aber auch ihre Zeit in der DDR spricht. Vor allem aber waren in diesem Feature Originalaufnahmen von 1968 von ihr, die zu Stasi-Schulungszwecken aufgenommen worden waren. Die haben mich so sehr berührt, dass ich dachte, mit denen müsste man etwas machen, auch außerhalb des dokumentarischen Kontextes.

Wie sind die entstanden? Sie hatte ja damals, nach dem Prager Frühling, arge Schwierigkeiten mit der Staatsmacht der DDR.

Genau danach war das. Sie hatte nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings Flugblätter verteilt, auf denen – eigentlich ganz naive – Slogans standen. „Viva Prag!“ stand darauf und so etwas. Dafür kam sie in Berlin vor Gericht. Sie hatte zu dem Zeitpunkt ein kleines Kind, und man spürt in diesen Aufnahmen ihre Angst, aber zugleich so einen jugendlichen Gerechtigkeitssinn. Sie war damals 20, 21. Dieser suchende Geist faszinierte mich. Von dem denkt man ja immer, er sei der Jugend behaftet, von dem ich aber glaube, dass man ihn sich bewahrten sollte – gerade in der Kunst.

Sie kommen aus dem Osten, waren aber zur Maueröffnung gerade mal drei Jahre alt, oder?

Ja, aber natürlich bin ich so sozialisiert. Ich habe ganz viel Ostrock gehört. Natürlich habe ich nicht verstanden, was alles da zwischen den Zeilen steht. Aber man bemerkt schon als Kind diese Intensität darin, diese Suche, diese Sehnsucht, diese Verzweiflung. Das war ganz prägend für mich. So wusste ich: Diese Texte werden eine Rolle spielen; die wird man auch ganz hören, wenn man sie aus dieser Ostrock-Musikalität herauslöst. Ich denke schon, dass uns das gelingen wird. Die Texte für sich finde ich sehr universell und zeitlos.

Welche Texte nehmen Sie? Offenbar nicht nur von Bettina Wegner und Christa Wolf?

Eigentlich ist der Slogan schon: Christa Wolf und Bettina Wegner. Aber es gibt auch Lieder, von Silly, Renft, Karussell, City ...

Gibt es einen erzählerischen Rahmen?

Ja, im Kern Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“. Die behandelt – wenn auch viel reifer – alle Fragen, die auch Bettina Wegner in ihrem Prozess stellt.

Aber ohne das jugendliche Suchen?

Doch, sie ist total auf der Suche, aber vor allem in der Literatur. Sie sucht eine authentische Sprache, die nichts schönt, sich nicht an Äußerlichkeiten festklammert, sondern, wie sie sagt, „das unsichtbare Wesentliche aufscheinen lässt“. Diese Erzählung ist bedrückend, ein Kopfkino sondergleichen. Das, im Kern, ist der Abend, und immer wenn sich inhaltlich ein Raum auftut, füllt diesen ein Lied.

Sie und Susana Fernandes Genebra machen den Abend zu zweit?

Im Grunde ist es ein Monolog, aber im Bettina-Wegner-Teil kommt Susana dazu, als Beamtin. Wir erzählen den Prozess. Da kommen auch die Aufnahmen dazu, die wir zum Teil spielen, zum Teil abspielen. Ich hoffe, dass es ein Abend ist, der die Fragen in den Vordergrund rückt – und die Bedeutung des Fragens. Der erzählt, dass am Anfang einer Suche immer die Frage steht und nicht die Antwort. Ich verstehe ja total die Sehnsucht nach populistischen Erklärungen, aber so einfach ist es nicht. Und es wird nicht einfacher, je komplexer die Welt wird.

Was war Ihre Ausgangsfrage?

Ich weiß es gar nicht. Hatte ich eine Frage am Anfang? Der Zweifel ist anfangs immer leise; die Antworten sind laut. Ich wollte einfach diesem Zweifel Raum geben. Muss ich immer Antworten auf Fragen haben?

Was natürlich schon eine Frage ist.

Vielleicht wäre das die Frage. Vielleicht ist man auch der Wahrheit am nächsten, wenn man sich auf der Suche nach ihr begibt. In dem Moment, in dem man sie gefunden hat, gehen schon wieder so viele Türen zu, dass man sich von ihr entfernt.

Damit sind Sie aber ganz nah an der Gegenwart.

Ja. Der Abend ist natürlich sehr in dem DDR-Kontext verankert. Aber ich hoffe, dass man den Sprung zur Gegenwart schafft.

Was haben Sie über Wolf und Wegner gelernt bei der Vorbereitung?

Ich habe mich viel mit der Frage befasst: Wie viele Konsequenzen erträgt meine eigene Meinung? Wie viel bin ich bereit, dafür zu dulden? und das war bei Bettina Wegner wirklich krass. Sie hat so oft die Gelegenheit vom System bekommen: „Mach doch nach drüben!“ Sie hat dort einfach gestört. Aber sie ist immer wieder gekommen. Der Sehnsuchtsort war nicht: Ich kehre dem, was ich kritisiere den Rücken. Im Gegenteil: Dort, wo man kritisiert, wo man den Mangel sieht, da bleibt man.

Es gab viele Menschen, die das System kritisierten, aber trotzdem an den Sozialismus glaubten ...

Und genau das ist bei den beiden auch so gewesen. Sie haben sich auf sehr unterschiedliche Weise dem System gestellt, Bettina Wegner viel offensiver als Christa Wolf. Die konnte sich im Prinzip frei bewegen, aber man merkt der Erzählung an: Es war ein riskanter Weg. Angst hat auch bei ihr eine große Rolle gespielt. Und der Glaube an die sozialistische Idee, so kritikwürdig auch deren Umsetzung war, hat beide geeint. Das hat auch etwas mit heute zu tun: diese Sehnsucht nach einer anderen Utopie und einem anderen Gesellschaftssystem. Es gibt heute so eine Art Konsens: „Ja, das fährt alles irgendwann gegen die Wand, und dann gucken wir mal ...“ Aber wo sind die Visionen?

Wo denn bloß?

Eben, man muss sie suchen. Und da sind wir genau bei dem Abend: Es gibt nicht die Antworten, aber man muss fragen.

Ab 2. Oktober in Cumberland.

Von Stefan Gohlisch

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