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Kultur Diese Pussy bleibt unantastbar
Nachrichten Kultur Diese Pussy bleibt unantastbar
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15:55 11.01.2019
Hannover

Artikel 1 des Grundgesetzes ihrer Nation: „Die Pussy des Menschen ist unantastbar. Es sei denn, ihre Besitzerin stimmt ausdrücklich zu.“ Zu Beginn der neuen Tour lässt sie den Saal ein Gelöbnis schwören, sich auch ja über alles, was sie sagt, recht kaputt zu lachen. Vor dem ersten Bit hat sich Hannover für Kebekus schon als Premierenpublikum bewährt: „Schön obrigkeitshörig: Die kenne ich aus dem Fernsehen, die kann schon nicht verkehrt sein als Diktatorin.“

Ein erfolgreiches Jahr 2018 hat die Wahlkölnerin gerade hinter sich gebracht, 2019 steht eine scheinbar endlose Tour bevor – das ginge nicht, hätte Kebekus sich nicht mitten in ihrer Karriere dem Kabarett zugewandt, ohne ihre Kodderschnauze und das Gefühl für Zeitgeist hinter sich zu lassen. „Ribery-Style“ isst Kebekus seit dem vergoldeten Steak des Bayern-Stars, vor allem „Ro­cher, noch mit dem Goldpapier drum herum“.

Das Resultat harter Arbeit bei „heute-show“, den dritten Programmen und den Abgründen der Privatsender-Comedy-Shows: Ein ausgewogenes Publikum aus fast allen Altersklassen und humoristischen Vorlieben – das können nicht viele vorweisen, die in Deutschland witzig sein wollen.

Über Brazilian Waxing, ihre noch ungewohnte Be­kanntheit und nervige Instagram-Paare mit ihren „# couplegoals“ und ihrem „# perfectlife“ spricht Kebekus in der ersten Hälfte: „Ich war mal mit einem Typen bei seiner Darmspiegelung. Das sind ,# couplegoals’“. Auch die Internet-Bewertungskultur geht ihr auf die Nerven: „Niemand will mehr Scheiße erleben“, sagt sie, „Menschen, die im Internet Büroklammern bewerten, fahren auch Liegefahrrad.“ Vor einem Shitstorm der Liegefahrradfahrer hat Kebekus aber keine Angst, für ihre Bereitschaft zum provokanten Karikieren ist sie be­kannt: Schon 2013 hatte sie mit der katholischen Kirche einen gerichtlichen Disput über einen satirischen Sketch.

Das Unter-die-Gürtellinie-Treten ist auch ein politischer Akt. Kebekus ist Feministin, ohne sprachliche oder thematische Kompromisse. Ihre Auftritte in sozialen Medien sind sporadisch, anstatt Promo-Dauerfeuer äußert sie sich zum Sexismus der Ar­mut und zum Frauenwahlrechtsjubiläum. Auch heutzutage muss um Frauenrechte gekämpft werden, sagt sie mit Blick auf Gesundheitsminister Spahns Aussagen zu Abtreibung und Pille danach. „Ein Mann, schwul, will mir vorschreiben, was ich mit meinem Körper machen soll. Als würde mir ein blinder Veganer sagen, wie mein Mettbrötchen auszusehen hat“ – was sie besonders ernst meint, sagt Kebekus am liebsten in Witzen.

„Wenn ich mich operieren lassen müsste, ich würde mir irgendwo ’ne Tasche machen lassen. Für Schlüssel, Kreditkarte, voll praktisch.“ Außer Bodyshaming ist Kebekus auch Diskussionen mit rechten Trollen ausgesetzt – „man muss sich leider mit denen auseinandersetzen“. Bei allem Händeringen über Gürtellinien sollte man sich eher der Gewissheit erfreuen, dass zumindest eine deutsche Comedy-Erfolgsgeschichte einfach aus Witzen besteht, und nicht nur aus hanebüchenen Anekdoten, wie die ihrer vielen männlichen Kollegen. Auch wenn die Themen sich oft ähneln, sind Kebekus’ Observationen frisch. So bleibt auch ihr Aufstieg erfrischend – und ist noch nicht vorbei, wenn es nach den 4500 in der Swiss-Life-Hall geht.

Von LILEAN BUHL

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