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Kultur Die Zukunft der Liebe: Ehrlichkeit, Humor, Vertrauen
Nachrichten Kultur Die Zukunft der Liebe: Ehrlichkeit, Humor, Vertrauen
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10:25 29.12.2017
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Hannover

Da war die Dame aus dem Seniorenstift. 63 Jahre lang war sie mit ihrem Mann verheiratet; vor zwei Jahren starb er. „Sie hatten vereinbart, dass sie immer, wenn sie getrennt voneinander sind, abends auf den Mond schauen“, erzählt die Regisseurin Anne-Stine Peters: „Das macht sie immer noch – und sie weiß: Egal, wo er jetzt ist, er guckt auch.“

Peters ist im Auftrag der Liebe unterwegs. Sie, die mit „Tschick“ und „Der Junge mit dem längsten Schatten“ zwei der erfolgreichsten Inszenierungen des Staatstheaters verantwortet, recherchiert mit ihrem Team für ihr neues Stück, „Die Zukunft der Liebe“, seit Oktober schon. An öffentlichen Orten stellen sie ihr Theatermobil, einen ge­mütlich eingerichteten Wohn­wagen, auf und suchen das Gespräch: Sie waren zuletzt am Seniorenstift Albertinum in der List und machten unter anderem Station vor der IGS Mühlenberg, einer Flüchtlingsunterkunft und einer Wohneinrichtung für Behinderte. Als Nächstes sind der Hafen in der Nordstadt (5. bis 12. Januar) und die Marktkirche (15. bis 19. Januar) dran.

„Anfangs hatte ich die Befürchtung, wir müssen auf die Leute zugehen: Bitte re­den Sie mit uns; wir sind ganz harmlos“, erinnert sich Peters: „Tatsächlich kommen ganz viele Leute auf uns zu. Es gibt ein unglaubliches Redebedürfnis.“

120 Interviews haben sie bislang geführt, mit Menschen aus 20 Nationen, von einer Fünfjährigen, der als Liebeslied „Liebe, liebe Sonne“ einfiel, bis zu einer 93-Jährigen, die noch unter dem Kuppelei-Paragrafen gelitten hatte: In ihrer Jugend machte sich noch strafbar, wer in seinem Zuhause unverheirateten Schlafbesuch duldete. Wer mit dem Team spricht, kann sich entscheiden, anonym zu bleiben, kann aber auch einwilligen, namentlich zitiert zu werden oder sogar als Laie später mit auf der Bühne zu stehen.

„Ich möchte zeigen, was Liebe alles sein kann“, sagt Peters, die erst nach Abschluss der Recherche eine Textfassung erarbeiten wird – die Premiere des Stücks ist erst am 5. April. Peters wird immer wieder berührt von den Erzählungen ihrer Gesprächspartner, auch überrascht, zum Beispiel von dem jungen Mann aus dem Flüchtlingsheim, der sagte: „Die Liebe? Ich bin Araber; wir haben die Liebe erfunden.“ Es sei in dem Gespräch überhaupt nicht um die Unterdrückung ge­gangen, so Peters, „sondern um wildromantische Vorstellungen, nach denen wir uns nur sehnen können, wenn es darum geht, die Frau zu um­werben. Und da wurde mir klar: Scheherazade, Tausendundeine Nacht – das sind doch die Menschen, die jetzt vor unserer Tür stehen.“

Und im Gegensatz dazu eine zunehmende Ernüchterung im Westen: „Es ist heute eher so, dass die Männer heiraten wollen: Die Frauen sind eher auf Karriere als auf Liebe eingestellt.“ Oft habe sie die Befürchtung gehört, dass die Liebe immer unromantischer werde, dass auch sie unter der Flexibilisierung der Lebenswelt leide: „Da ist die Angst, dass man keine langen Beziehungen mehr führt, weil sie austauschbar geworden sind, dass es nur noch um Technik geht, dass man vielleicht in der Bahn seinen Partner finden könnte – den man aber nicht sieht, weil alle immer nur aufs Handy starren.“

Dating-Plattformen suggerieren eine ständige Verfügbarkeit immer neuer Liebespartner. Dabei seien die grundsätzlichen Sehnsüchte doch die gleichen. Und die Erfolgsrezepte: „Wenn es da­rum ging, wie lange Beziehungen gelingen können, wurden genannt: Ehrlichkeit, Humor und Vertrauen.“

Und wie sieht es denn nun aus mit der Zukunft der Liebe? Da ist sich Peters sicher: „Die Liebe hat Zukunft – die Frage ist nur, welche.“

Stefan Gohlisch

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