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Kultur Die Russische Revolution wird zur Revue
Nachrichten Kultur Die Russische Revolution wird zur Revue
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00:15 26.03.2017
Der Regisseur: Tom Kühnel in seinem Büro. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Vor vier Jahren brachte Tom Kühnel (45), Hausregisseur am Staatstheater, „Die französische Revolution“ als Revue auf die Bühne. Nun ist „1917“ dran, das Jahr der Oktoberrevolution in Russland. Ein Interview.

Wie bereitet man sich auf einen Stoff wie „1917“ vor?

Man legt los, wenn man weiß, dass es ernst wird, indem man sich reinliest. Manchmal liest man sich fest, manchmal liest man woanders weiter. Und immer geht es um die Frage: Wie kann man daraus Theater machen?

Welche Aspekte interessieren Sie besonders?

Letztlich geht es um drei Zeiträume: natürlich erst mal 1917 selbst; da konzentrieren wir uns stark auf den Oktober, die eigentliche Revolution. Dann interessiert uns die Zarengeschichte inklusive Rasputin, denn zu einer Revolution gehören immer zwei; die oben, die nicht mehr können, und die unten, die nicht mehr wollen. Und schließlich wenden wir uns dem späten Lenin zu, der nach mehreren Schlaganfällen, nachdem er eigentlich schon ausgebootet war, versucht hat, zu retten, was noch zu retten war, und gekämpft hat – vom Quasi-Diktator heruntergebrochen auf Kleinkind-Niveau.

Inwiefern ist „1917“ eine Reprise Ihrer Revue „Die Französische Revolution“ von 2013?

Wir haben tatsächlich damals schon – aber eher im Scherz – gesagt: „Und 2017 machen wir dann die Oktoberrevolution“. Dann rückte das Datum näher, und wir sagten: „Warum eigentlich nicht? Und wenn, dann jetzt.“

Weil es eine Zeitenwende markiert, die sich bis heute auswirkt?

Ach, ich gehe da grundsätzlich erst einmal ganz naiv heran. Ich wusste vorher das, was man aus der Schule kannte, und nicht viel mehr. Aber das war nun mal zur Zeit des Kalten Krieges, und man hat das, was damals passierte, von hinten wahrgenommen: durch das, was folgte, Stalin, die Gulags ... Dass die Leute damals wirklich einen Grund hatten zu revoltieren, mit dem Ersten Weltkrieg und den vielen Millionen Toten und Verkrüppelten, wurde gerne unterschlagen. Darum haben die Russen heute wieder Schwierigkeiten, das zu feiern: weil Putin das stalinistische, großimperiale Denken einerseits toll findet, ihm der anarchistische Kern der Revolution aber natürlich nicht so gut in den Kram passt.

Wie ist es, dieses Stück heute zu machen, da viele Menschen doch ausgesprochen revolutionsmüde wirken?

Stimmt schon. Andererseits hat man manchmal auch das Gefühl, man steckt vielleicht schon mittendrin. Die Revolution gab damals auch ganz einfache Antworten auf schwierige Probleme. Frieden, Land, Brot, das war Lenins Devise – Populismus in Reinform. Und man sieht: Eine linke Agenda kann wirksam sein, wenn man denn eine hat.

In der Ankündigung wird konstatiert, echte Revolutionen fänden heute nur noch in der Technik statt ....

Da geht es um den inflationären Gebrauch des Wortes. Der Begriff hat einen Abstieg erlebt. Man glaubt heute auch nicht an die Möglichkeit großer historische Umbrüche – aber das taten die Leute damals auch nicht.

Geschichte wird im Nachhinein geschrieben?

Man sieht es letztlich an der Zarenfamilie: eigentlich eine ganz moderne Familie mit krankem Kind. Die haben ihre privaten Probleme, müssen aber zugleich Politik machen. Und diese Vermengung von Privatem und Politik ist ganz modern, trotzdem auch ganz autokratisch.

Wer – außer Lenin – wird in der Inszenierung auftauchen?

Die Zarenfamilie, Rasputin, Trotzki, Stalin ...

Aber Lenin steht schon im Zentrum?

Zumindest in der zweiten Hälfte: ja.

Wer spielt ihn?

Günther Harder.

Und jenseits von Russland? Mit dem Kriegseintritt der USA bahnte sich schließlich auch die andere Großmacht des 20. Jahrhunderts an.

Wir haben uns auf Russland beschränkt. Das Thema ist die Russische Revolution.

Wie witzig wird es? Sie sind bekannt für Ihre humorvollen Inszenierungen, Ihr Ensemble besteht aus lauter Komödianten wie Janko Kahle, Katja Gaudard, Carolin Haupt und Frank Wiegard.

Ich habe jetzt nicht versucht, es extra witzig zu machen. Vielleicht liegt es daran, dass man gar nicht anders kann. Es passiert einfach so. Schließlich will man sich dem Thema nicht mit dräuender Musik wie in einer Fernsehdoku nähern.

Sie verwenden Video und Live-Video?

Ja, Lenin in Zürich wird zu sehen sein, dann eine Art „Panzerkreuzer Potemkin“-Mash-up und natürlich Lenins Tod – wir nennen das „der lebende Tote“.

Wäre mal wieder eine Revolution nötig?

Für die Frage bin ich vielleicht der Falsche. Man müsste die fragen, die es nötig hätten, die Nicht-Besitzenden, die Verlierer der Gesellschaft. Da hat man heute aber eher Angst, dass sie AfD wählen, und es gibt keine linke Alternative; es gibt auch keinen linken Populismus.

Sollen die Zuschauer denn mit der Revolution im Herzen das Schauspielhaus verlassen?

Hoffentlich.

Ab 25. März. Mehr Informationen gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch

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